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Gastbeitrag Teure Netze

Die Kosten für die Nutzung von Stromleitungen sind in Deutschland viel zu hoch. Eine Reform der Infrastruktur würde die Endverbraucher entlasten.

12.05.2011 14:39
Robert Busch
Robert Busch, Geschäftsführer des Bundesverbandes Neuer Energieanbieter e.V.

Die Kosten für die Nutzung von Stromleitungen sind in Deutschland viel zu hoch. Eine Reform der Infrastruktur würde die Endverbraucher entlasten.

Die Energiewende und der dadurch notwendige Ausbau der Netze kostet – man will es schon nicht mehr hören – Milliarden. Mal stehen 20 Milliarden Euro im Raum, ein anderes Mal sind es 200 Milliarden. Einigkeit herrscht lediglich bei der Feststellung, wer dieses Geld am Ende aufbringen muss: Das sind nicht etwa die Betreiber der Netze, die vorsorglich schon jetzt mehr Geld von der Regulierungsbehörde fordern, sondern die Stromkunden. Jeder einzelne Verbraucher wird diese Kosten tragen müssen.

Das liegt daran, dass die Betreiber der Stromnetze ihre Kosten über die sogenannten Netzentgelte an die Benutzer des Netzes weitergeben dürfen. Die Netznutzer – also alle Stromlieferanten – müssen die Netzentgelte wiederum in die Preise einkalkulieren, die sie von ihren Endkunden verlangen. Gegenwärtig macht das Netzentgelt etwa ein Drittel des Strompreises aus. 90 Prozent davon werden nach Angaben der Bundesnetzagentur erstaunlicherweise nicht etwa durch die großen Höchstspannungsnetze verursacht, sondern durch die vielen kleinen regionalen Netze, durch die der Strom zu den Kunden gebracht wird, die sogenannten Verteilnetze.

Dieser Verteilnetzbereich wird für die Zeit der Energiewende nicht nur ausgebaut, sondern auch und vor allem fit gemacht werden müssen für neue Herausforderungen, etwa weil sich die Art der Erzeugung ändert – weg von wenigen Großkraftwerken, hin zu dezentraler, schwankender Einspeisung aus vielen kleinen Einheiten. Man muss in diesem Netzbereich daher von Kostensteigerungen in zwei- oder gar dreistelliger Milliardenhöhe ausgehen. Nimmt man nun wohlwollend an, dass sämtliche dieser Investitionen auch tatsächlich notwendig sind, um die Sicherheit der Versorgung zu gewährleisten, muss doch eines völlig klar sein: Im Gegenzug zu diesen enormen Investitionen müssen sämtliche unnötigen Kosten vermieden werden.

Eine abstrakte Forderung? Im Gegenteil. In Deutschland existieren ganz konkrete Kostensenkungspotenziale, die noch dazu leicht zu heben wären. Wir leisten uns hierzulande derzeit sage und schreibe 1561 unterschiedliche Betreiber von Strom- und Gasverteilnetzen. Großbritannien, ein Land das etwa 70 Prozent unseres Energieverbrauchs hat, kommt dagegen mit genau zwölf Verteilnetzbetreibern aus. Und es kommt noch ärger: Durch eine Ausnahmevorschrift im derzeit geltenden Energiewirtschaftsgesetz sind in Deutschland mehr als 90 Prozent der vielen mittleren und kleinen Verteilnetzbetreiber von den maßgeblichen Regulierungsvorschriften des Gesetzes ausgenommen.

In der Folge werden jene kleinen regionalen Netzbetreiber weniger streng überwacht, sie müssen weniger effizient wirtschaften, arbeiten weitestgehend intransparent und können auf diese Art unabhängige Netznutzer leichter diskriminieren. Neue Anbieter, die den Kunden bessere Angebote machen wollen, sehen sich einem Wust von Netzen und Netzchen gegenübergestellt, die vielfach mit speziellen Formaten und Prozessen operieren. Mit jedem einzelnen dieser 1561 Netzbetreiber muss ein bundesweit tätiger neuer Anbieter derzeit einen eigenen Lieferantenrahmenvertrag abschließen.

Um den Nachweis zu liefern, dass sich diese verfahrene Situation sehr konkret und äußerst negativ auf den Wettbewerb – und damit direkt auf den Geldbeutel der Stromkunden – auswirkt, genügt ein Blick auf die Höhe der gegenwärtigen Netznutzungsentgelte in Deutschland. Im Vergleich zu europäischen Nachbarn wie England oder den Niederlanden zahlen deutsche Kunden nach Angaben des Beratungsunternehmens des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung immer noch die mit Abstand höchsten Entgelte für die Nutzung der Energienetze.

Will man diese de facto unnötigen Kosten angehen, müssen zwei Dinge sichergestellt werden. Zum einen muss die Anzahl der Verteilnetzbetreiber stark verringert werden. Wie das funktionieren kann, hat jüngst eine Studie der Technischen Universität Clausthal erläutert: Kleine Netzbetreiber müssen stärker miteinander kooperieren und dadurch größere, ausreichend effiziente Einheiten bilden. Zum zweiten müssen sich Lieferanten und Verbraucher darauf verlassen können, dass die existierenden gesetzlichen Vorschriften auch grundsätzlich angewendet werden – Ausnahmen dürfen nicht länger die Regel sein.

Die überkommenen und teuren kleinen und kleinsten Netz-Reservate, die ausschließlich dank jener großzügigen Ausnahmeregelungen existieren können, sind nicht mehr zeitgemäß. Mit der Neufassung des Energiewirtschaftsgesetzes bietet sich dem Gesetzgeber eine Chance, die geschilderten Probleme ernsthaft und nachhaltig anzugehen und die veralteten Strukturen endlich zu modernisieren. Bleibt abzuwarten, wie wichtig der Regierungskoalition eine bezahlbare Energiewende ist.

Robert Busch ist Geschäftsführer des Bundesverbandes Neuer Energieanbieter e.V. Er vertritt Unternehmen, die Kunden bundesweit mit Strom und Gas beliefern, aber kein eigenes Netz betreiben.

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