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Gastbeitrag Schleichendes Gift

Dioxin ist ein gefährlicher Stoff. Auch durch Müllverbrennung gelangt er in die Umwelt. Deshalb muss der Immissionsschutz verbessert werden.

09.06.2011 13:54
Hans Christian Markert

Zone A“, in der Giannas Mutter Mitte der siebziger Jahre gelebt hatte, wurde später dem Erdboden gleich gemacht. Ganze 16 Tage hatte es gedauert, bis ihre Mutter aus der Zone evakuiert wurde. Seit ihrer Kindheit leidet Gianna, nur eines von überdurchschnittlich vielen Mädchen, die nach dem Unfall in dieser Region geboren wurden, an einer Schilddrüsenfehlfunktion. Sie war schon immer kleiner als ihre Turiner Freundinnen, in der Schule ist sie nie so richtig mitgekommen. Den Heimatort ihrer Eltern in jener „Zone A“ hat sie nie wieder besucht: Seveso.

Seveso: Wie kein anderer Begriff ist der Name der kleinen Gemeinde nördlich von Mailand zum Synonym für „Chemieunfall“ geworden. Nach einer Explosion im Juli 1976 in einer Chemiefabrik wurden dort bis zu mehreren Kilogramm eines Stoffes freigesetzt, der fortan nur noch „Sevesogift“ genannt wurde. In jenem Sommer war noch nicht bekannt, dass der Einsatz des Entlaubungsmittels Agent Orange von 1962 bis 1971 durch die US-Armee in Vietnam ebenfalls zur Freisetzung des Giftes geführt hatte. Erst nachdem mehrere Hunderttausend Vietnamesen und bis zu Zweihunderttausend US-Soldaten erkrankten, wurde herausgefunden, dass das Herbizid Agent Orange mit dem „Sevesogift“ verunreinigt war.

Bei dem Stoff handelte es sich um hochgiftige organische Verbindungen, die äußerst langlebig und unter der Bezeichnung Dioxine bekannt sind. Ebenso wie die verwandten Furane entstehen diese als Nebenprodukte bei der Herstellung chlororganischer Chemikalien und bei industriellen Verbrennungsprozessen. Über die Nahrungskette reichern sich die Dioxine in lebenden Organismen an. Der Mensch nimmt die Stoffe vor allem über tierische Nahrungsmittel auf. Und während beim Dioxin-Futtermittelskandal 2010 noch kriminelle Machenschaften die Ursache waren, wundert sich so manch gewissenhafter Bauer, warum seine frei laufenden Tiere eigentlich erhöhte Dioxinbelastungen aufweisen.

Es ist die Hintergrundbelastung durch industrielle Verbrennungsprozesse, die in bei uns zunehmend ein Problem darstellt und die heute aus dem einstigen Skandalgift ein schleichendes Gift gemacht hat. Vor allem bei der Mitverbrennung von Abfällen in Produktionsanlagen werden vermehrt Dioxine freigesetzt, in Stahlwerken und alten Kohlekraftwerken aber auch in Zementwerken.

Eigentlich ist unser Immissionsschutzrecht streng – eigentlich. Die hohen technischen Standards und Verbrennungstemperaturen der regulären Müllverbrennungsanlagen gelten nicht für alle Anlagen. Die hierbei gültige Rechtsgrundlage, die 17. Bundesimmissionsschutzverordnung, erweist sich zunehmend als Scheingesetzgebung. Der Grund ist ein kleiner Anhang in der Verordnung, ursprünglich nur als Ausnahme gedacht, die jedoch schleichend zur Regel wurde und die heute dazu führt, dass allein in Nordrhein-Westfalen im Jahr etwa fünf Millionen Tonnen Müll mitverbrannt werden.

Diese Praxis erweist sich zudem als gigantisches Ökodumping. Während in den technisch ausgereiften regulären Müllverbrennungsanlagen der Müll noch für etwa. 130 Euro pro Tonne verbrannt wird, liegt der Preis für eine Tonne mitverbrannten Mülls in Industrieanlagen bei 50 Euro. Allein in NRW bewegt sich das jährliche Ökodumping bereits in einem dreistelligen Millionenbereich. Durch die Ausnahmeregelungen müssen diese Anlagen weder den aktuellsten Stand der Umwelttechnik, noch ausreichend hohe Verbrennungstemperaturen erreichen, mit denen die Dioxine vollständig unschädlich zu machen wären.

Und so reichert sich dieses gefährliche Gift weiter in unserer Umwelt an. Besonders alarmierend sind die aktuellsten Zahlen aus dem nordrhein-westfälischen Umweltministerium. Danach sind insgesamt bei Tieren aus der Weidehaltung die Höchstgehalte für Dioxine bei einem Drittel der Proben überschritten.

Dabei wäre die Lösung recht naheliegend. Für alle Verbrennungsanlagen muss gleiches Recht und der aktuellste Stand der Technik gelten, das heißt dass die Ausnahmeregelungen abgeschafft gehören. Ebenso muss für die Behörden nachvollziehbar werden, was in diese Anlagen hineingeht und was wieder herauskommt. Eine mehrfache Rauchgasreinigung sollte vorgeschrieben, Grenzwerte für Schadstoffe entsprechend den Fortschritten bei der Anlagentechnik angepasst werden.

Gerade NRW sollte hierbei eine entsprechende Bundesratsinitiative ergreifen, zumal der rot-grüne Koalitionsvertrag eine „ambitionierte Anpassung der Bundes-Immissionsschutz-Verordnung“ festschreibt. Damit könnte das Industrieland NRW den Beweis antreten: Moderne Industrieanlagen und Umwelt- und Gesundheitsschutz schließen sich nicht aus, sondern sind die Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandortes.

Hans Christian Markert ist umweltpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im im nordrhein-westfälischen Landtag.

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