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Gastbeitrag Rückfall in Zeiten des Kalten Kriegs

Wer den 5. August zum Gedenktag für Vertriebene erklären will, dient nicht der Versöhnung. Das ist ein völlig falsches Signal. Ein Einspruch aus Polen.

08.02.2011 14:47
Krzysztof Ruchniewicz
1946: Heimkehrer im Lager Friedland. Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge, Vertriebene und Spätaussiedler wurden hier aufgenommen und mit dem Nötigsten versorgt. Foto: dpa/dpaweb

Mit einer gewissen Verwunderung habe ich den Antrag von CDU/CSU- und FDP-Abgeordneten „60 Jahre Charta der deutschen Heimatvertriebenen – Aussöhnung vollenden“ zur Kenntnis genommen, über den der Bundestag am 10. Februar entscheiden soll. Nicht nur die Faktenzusammenstellung zum Thema „Vertreibung“ ist ausgesprochen selektiv; so waren die Deutschen keineswegs nur „betroffen“ von Vertreibungen, vielmehr haben sie selbst 1939 mit Massenvertreibung und Massenmord begonnen. Auch die Forderung nach einem weiteren Gedenkort und einem Vertreibungs-Gedenktag allein für die deutschen Opfer ist selektiv und blendet die Kriegszeit mit den deutschen Massenverbrechen an der Zivilbevölkerung des Ostens völlig aus.

Die Charta der deutschen Heimatvertriebenen von 1950 stellt ein kontroverses Dokument dar. Für Polen, Tschechen, Slowaken, Russen und Angehörige anderer Nationen, die von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg überfallen, vertrieben und ermordet wurden, stellt das Dokument keine Grundlage für eine Versöhnung dar. Die Autoren erwähnen weder die Verbrechen der Nazis, an denen auch die später vertriebenen Deutschen oft Anteil hatten. Weder die Ursachen des Kriegs noch der Völkermord an den Juden kommen zur Sprache, auch nicht der Generalplan Ost, der die Vertreibung und teilweise Vernichtung von 30 bis 50 Millionen „slawischer Untermenschen“ nach dem „Endsieg“ vorsah.

Die Autoren und Unterzeichner dieses Dokuments waren zu einer solchen Reflexion nicht reif oder wollten die für sie selbst schmerzliche Wahrheit leugnen. Sicher hat es unter den deutschen Vertriebenen auch viele unschuldige Opfer gegeben, aber ohne den Hitler-Stalin-Pakt und ohne den mörderischen Krieg der Deutschen gegen die Nachbarn wäre es nie zur Westverschiebung Polens und der Vertreibung der Deutschen gekommen. Nach der bedingungslosen Kapitulation hatten die Deutschen kein Recht auf Rache und Vergeltung. Deshalb konnten sie auch nicht feierlich darauf verzichten und zugleich erwarten, dass „die Völker der Welt ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen empfinden sollen“.

Hitler und Stalin zerstörten mit ihrem Krieg das damalige Europa. Viele der überfallenen Länder landeten nach 1945 für Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang. In der Charta versprechen die deutschen Heimatvertriebenen, sich für ein vereintes Europa einzusetzen. Hinter dem Eisernen Vorhang haben die Menschen von diesen Anstrengungen der Vertriebenen nicht allzu viel bemerkt. Eher im Gegenteil: An der Tagesordnung waren revanchistische Töne und die Forderung nach einer Rückgabe der deutschen Heimat.

Produkt einer traumatisierten Gruppe

Relativierend kann man sagen, dass die Charta ein Kind ihrer Zeit war, das Produkt einer traumatisierten Gruppe, die sich bemühte, die eigene Lebenswelt neu aufzubauen, wobei sie sich in den Mythos des unschuldigen Opfers flüchtete. Aus diesem Grund wurde in den in diesen Kreisen geschriebenen Büchern und Materialien über die alte Heimat die Zeit des Nationalsozialismus fast völlig ausgeblendet. Man kann das historisch und psychologisch nachvollziehen, muss es aber nicht gutheißen.

Es überrascht, dass Abgeordnete des Deutschen Bundestags die Charta noch 60 Jahre nach ihrer Verkündung so einseitig und reflexionslos betrachten können. Sicher hat sich ein Teil der Vertriebenen große Verdienste für die deutsch-polnische Versöhnung erworben, vor allem nach 1989. Doch sind diese eher auf den persönlichen Entwicklungsweg dieser Personen zurückzuführen denn auf die Charta der Heimatvertriebenen. Es kann keine Versöhnung geben, die auf einem „Verzicht auf Rache“ beruht. Das ist völlig undenkbar.

Die Schaffung einer gesonderten Gedenkmöglichkeit in einem Dokumentationszentrum erinnert an die „Gedenk-Rotunde“ aus dem BdV-Projekt „Zentrum gegen Vertreibungen“. Ein weiterer Gedenkort ist überflüssig, da es genug Denk- und Mahnmale gibt, die an deutsche Vertreibungsopfer erinnern. Er hätte nur Sinn, wenn er auch den Millionen von den Deutschen ab 1939 vertriebenen und ermordeten Juden und Slawen gewidmet wäre.

Die Idee, den 5. August zum bundesweiten Gedenktag für die Opfer der Vertreibung zu erklären, halte ich für ausgesprochen schlecht. Die Charta der deutschen Heimatvertriebenen, die am 5. 8. 1950 vorgestellt wurde, ist kein Versöhnungsdokument wie beispielsweise die 1965 erschienene Ostdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland und der im gleichen Jahr erschienene polnische Bischofsbrief an ihre deutschen Amtsbrüder mit dem berühmten Satz: „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“ Den „Verzicht auf Rache“ mit einem bundesdeutschen Gedenktag zu ehren, wäre ein Rückfall in die Zeiten des Kalten Kriegs. Es wäre geschichtspolitisch das völlig falsche Signal.

Professor Krzysztof Ruchniewicz ist Direktor des Willy-Brandt-Zentrums an der Universität Wroclaw (Breslau) und Mitglied des Beraterkreises der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in Berlin.

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