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Gastbeitrag Polio muss Geschichte werden

Es gibt weltweit kaum noch Fälle von Kinderlähmung. Der Kampf gegen die leicht entflammbare Krankheit ist aber nicht beendet.

17.12.2012 18:00
Fred Zepp und William Keenan
Ein Junge aus Lagos erhält eine Polio-Impfung. Foto: dpa

Bis in die 50er Jahre hinein lebten Familien auch in Deutschland mit der Angst vor Kinderlähmung (Polio), einer Krankheit die jedes Jahr Tausende von Kindern behinderte, verkrüppelte oder das Leben kostete. Erst mit der Einführung von wirksamen Impfstoffen konnte Polio verhindert und durch das weltweite Engagement von Kinderärzten und Partnerorganisationen nahezu auf dem gesamten Planeten ausgelöscht werden. Auch in Deutschland ist seit 1990 kein einziger Fall von Kinderlähmung mehr aufgetreten. Neuansteckungen konnten infolge der Impfprogramme verhindert werden. Lediglich in drei Ländern, Afghanistan, Nigeria und Pakistan, konnte die Polioübertragung bislang nicht unterbunden werden.

Polio ist allerdings eine Infektionskrankheit, die schnell wieder aufflammen und sich ausbreiten kann. Es ist und bleibt unsere gemeinsame Aufgabe, alles zu tun, um Polio auszurotten, und damit jedes Kind auf dieser Welt zuverlässig zu schützen.
Auf dem Treffen der internationalen Gesundheitsgemeinschaft beim GAVI Partner Forum (The Global Alliance for Vaccines and Immunisation) in Tansania wurde Anfang Dezember erneut beraten, wie die Bereitstellung und Verfügbarkeit von lebensrettenden Schutzimpfungen verbessert werden kann.

Finanzhilfe für Impfkampagnen

Diese Aktivitäten erinnern uns einmal mehr daran, dass unsere Arbeit im Kampf gegen Polio und andere impfpräventable Krankheiten noch nicht getan ist. Die Bemühungen um die Ausrottung von Polio können auch dazu beitragen, alle Kinder dieser Welt grundsätzlich mit Schutzimpfungen zu versorgen. Die internationale Vereinigung der Kinderärzte und ihre nationalen Vertretungen einschließlich der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. haben Schutzimpfungen als zentralen Bestandteil des Menschenrechts auf Gesundheit anerkannt. Trotz der Erkenntnis, dass Schutzimpfungen eine der kostengünstigsten Präventivmaßnahmen im Gesundheitswesen sind, sterben heute noch weltweit jährlich etwa 1,7 Millionen Kinder an Krankheiten, die durch Impfungen hätten vermieden werden können.

Jedes Kind durch Impfung gegen Polio zu schützen bedeutet auch, Kinder in den entlegensten Regionen der Welt Zugriff auf Gesundheitsversorgung und Vorsorgemaßnahmen zu ermöglichen. Dies schließt auch Schutzimpfungen gegen weitere Infektionskrankheiten wie Masern, Rotavirus-Gastroenteritis und Lungenentzündung ein. Das weltweite Polio-Impfprogramm hat wichtige Erkenntnisse und Strategien für Impfkampagnen hervorgebracht, die helfen sicherzustellen, dass keinem Kind eine lebensrettende Vorsorgemaßnahme verwehrt bleibt. So wird beispielsweise in Nigeria eine Smartphone-GPS-Technologie genutzt, um die Lage von Gemeinden in Gebieten mit hohem Poliorisiko zu erfassen.

Als Ergebnis weltweiter Bemühungen können wir weitere Erfolge erkennen. Im Khyber Gebiet in Pakistan, welches früher durch politische Unruhen nicht zugänglich war, erhielten seit 2009 mehr als 32.000 Kinder erstmals neben einer Polioschutzimpfung auch Masern- und Fünffachimpfungen gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Hepatitis und Hämophilus influenzae. In Indien, das bis vor wenigen Jahren zu einem der problematischsten Länder in der Poliobekämpfung zählte, kann man in Kürze das zweite Jahr ohne einen neuen Poliofall feiern.

Deutschland sollte Vorreiterrolle behalten

Die Impfkampagnen bedürfen natürlich auch der finanziellen Unterstützung, gerade durch die Geberländer. In diesem Jahr haben 24 Länder ihre Schutzimpfungsprogramme aufgrund finanzieller Engpässe eingeschränkt. Um dauerhaft Erfolge zu erzielen, bedarf es des Engagements aller, der Geberländer und der Regierungen von Polio-bedrohten Ländern.

Ein kürzlich veröffentlichter Bericht des unabhängigen von der WHO etablierten Überwachungsgremiums Independent Monitoring Board (IMB), einer Expertengruppe mit der Aufgabe, eine externe transparente Bewertung des Impfprogramms zu erstellen, kam zu dem Schluss, dass Bemühungen zur Polio Ausrottung „weltweit jeden mit einbeziehen müssen, der mithelfen kann, den Erfolg sicherzustellen.“ Deutschland war schon immer ein wichtiger Partner bei Maßnahmen zur Ausrottung von Polio, und trug seit 1985 mit ca. 300 Millionen Euro zum Erfolg der Kampagnen bei. Seit 2006 hat Deutschland zudem 66 Millionen Euro GAVI für Schutzimpfungsmaßnahmen zur Verfügung gestellt. Jetzt ist es wichtig, dass Deutschland diese Vorreiterrolle beibehält, sein Engagement stärkt und die Chance, Polio tatsächlich und endgültig auszurotten kraftvoll unterstützt. Es ist wichtig, dass wir alle bereit sind dazu beizutragen, dass Ärztinnen und Ärzte in der ganzen Welt dafür sorgen können, dass Polio Geschichte ist.

William Keenan ist leitender Direktor der Internationalen Vereinigung für Kinderärzte.
Fred Zepp ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

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