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Gastbeitrag Knie zerschmettern in der Westbank

Die Aktionen der israelischen Armee sind darauf ausgerichtet, die Kontrolle über die palästinensischen Gebiete zu behalten. Das ist keine Nebensache mehr, dies ist das israelische Nationalprojekt.

04.06.2014 14:52
Von Yehuda Shaul
Die israelische Armee behält die Kontrolle in den palästinensischen Gebieten. Foto: dpa

Als ich geboren wurde, 1982, bestand die Besatzung in Gaza und dem Westjordanland 15 Jahre. Als ich fünf Jahre alt wurde, brach die erste Intifada aus. Als ich elf war, wurden die Osloer Abkommen unterzeichnet, die Besatzung dauerte da bereits 26 Jahre. Und sie ging ins 34. Jahr, als ich mich zum Militärdienst meldete. Ich diente erst als Kampfsoldat, dann als Befehlsführer, in nahezu allen Teilen der Westbank. Wie viele andere vor und nach mir stand ich an Checkpoints, nahm Leute in Arrest, durchsuchte und zerstörte sogar Häuser und tat manches mehr.

Viele der Operationen zielten darauf ab, „unsere Präsenz spüren zu lassen“, um den Palästinensern zu zeigen, dass nichts und niemand den aufmerksamen Augen der Armee und ihrer Disziplinargewalt entgeht. Die Logik dahinter ist simpel, und mit ihr vertraut zu werden hilft, die Strategie der Israelischen Defense Forces in den Gebieten zu verstehen. Wenn die Palästinenser wissen, dass „wir immer da sind“, werden sie Angst haben, sich für sich selbst einzusetzen. Wenn sie Angst haben, sich zu erheben, wird es leichter sein, sie zu beherrschen.

„Um unsere Präsenz spüren zu lassen“, führten meine Kameraden und ich reguläre Patrouillen in der palästinensischen Stadt Hebron durch – zu jeder Tages- und Nachtzeit. Wir gingen bewaffnet die Straßen entlang, machten eine Menge Lärm und betraten so routinemäßig wie willkürlich palästinensische Wohnungen. Man stelle sich folgende Situation vor: Es ist mitten in der Nacht, alle schlafen und ein Militärkommando bricht zuhause ein. Die Botschaft, die davon ausgeht, ist klar – ihr seid uns ausgeliefert, sogar in eurem eigenen Heim.

Konzept der Abschreckung

Ein anderes Konzept hieß Abschreckung. Wir wandten es zum Beispiel auf der Straße neben dem palästinensischen Dorf Husan an. Sie führt nach Beitar Illit, zu der Siedlung, in der meine Schwester lebt. An dieser Straße trafen sich öfters palästinensische Jungs und warfen Steine auf Autos. Die Idee des Einsatzleiters, das zu unterbinden, war unmissverständlich: „Wenn wir ein paar Knies zerschmettern, werden sie mit dem Steinewerfen schon aufhören.“ Also platzierten wir Scharfschützen über der Straße mit folgendem Einsatzbefehl: „Zielt auf die Beine jedes Jugendlichen mit einem Stein in der Hand und erschießt jeden, der einen „großen“ Stein wirft (einer, für den man beide Hände zum Hochheben braucht).

Damals schienen uns diese Instruktionen logisch, wir befolgten sie fraglos. Erst gegen Ende der Dienstzeit begriffen wir, dass unser Tun etwas Unmoralisches hatte. Ebenso stellten wir fest, dass die israelische Öffentlichkeit, die uns in die Gebiete geschickt hatte, keine Ahnung hatte, was wir in ihrem Namen taten. Als meine Kameraden und ich 2004 aus der Armee entlassen wurden, gründeten wir „Breaking the Silence“, um die öffentliche Meinung mit der harten Realität der Besatzung zu konfrontieren. Annähernd tausend Soldaten haben sich seitdem uns angeschlossen und Zeugnis über ihren Militärdienst abgelegt. Unsere Berichte ähneln einander, was die Beständigkeit der militärischen Vorgehensweise bestätigt. So bekommen neue Rekruten noch immer ähnliche Aufträge wie wir damals, obwohl die palästinensische Gewalt seit den Tagen der zweiten Intifada dramatisch zurückgegangen ist. Soldaten operieren noch heute in gleicher Weise, um „die Routine im Alltag zu unterbrechen“, damit die Palästinenser sich „gejagt fühlen“.

Das Jahr 2014 markiert den 21. Jahrestag der Osloer Verträge, die viele für einen Meilenstein auf dem Weg hielten, die Besatzung zu beenden. Zahllose Verhandlungen haben seitdem stattgefunden, einschließlich der Friedensinitiative von US-Außenminister John Kerry, die vor einem Monat zerbröselt ist. Aber die Besatzung besteht nach wie vor.

Beim Streit, wer für das Scheitern der Gespräche verantwortlich ist, will ich nicht mitmachen. Ich schlage vor, stattdessen zu fragen, was in der Realität passiert, während wir mit dem Friedensprozess beschäftigt sind.

Solange unser Blick auf den Verhandlungstisch fixiert ist, mag man es für möglich halten, dass Israel sich voranbewegt, um dem palästinensischen Volk seine Unabhängigkeit zu gewähren. Aus Perspektive eines Soldaten am Boden jedoch ist offensichtlich, dass die Aktionen der Armee in ihrer Summe darauf ausgerichtet sind, die israelische Kontrolle über die Gebiete zu behalten. Große Anstrengungen werden investiert, die Palästinenser unter Druck zu setzen und gleichzeitig sicher zu stellen, dass die Ortschaften in den besetzten Gebieten nicht im Sinne gemeinsamer Interessen kooperieren können. Das ist das genaue Gegenteil vom Ende der Okkupation.

Israel hat kürzlich seine Staatsgründung vor 66 Jahren gefeiert. 47 Jahre davon hält Israel die militärische Kontrolle über die besetzten Gebiete aufrecht. Das ist keine Nebensache mehr, dies ist das israelische Nationalprojekt.

Nach jüdischer Tradition wird in Jubiläumsjahren den Sklaven die Freiheit geschenkt. Werden wir entsprechend den Palästinensern ihre Freiheit zugestehen? Ich hoffe ja. Aber damit das passiert, sollten wir aufhören, hypnotisiert auf den Friedensprozess zu schauen und uns mit der Besatzung auseinandersetzen.

 

Yehuda Shaul ist Gründer von „Breaking the Silence“, hebräisch „Shovrim Shtika“, einer Organisation israelischer Soldaten und Reservisten, die über ihren Dienst in besetzten Gebieten nicht länger schweigen. „Breaking the Silence“ begeht am 6. Juni sein zehnjähriges Bestehen mit einer Non-stop-Darbietung in Tel Aviv, bei der Persönlichkeiten aus Kunst, Politik und Wissenschaft die Zeugenaussagen von Soldaten vorlesen.

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