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Gastbeitrag Keine Zwangstrennung für Kinder

Schülerinnen und Schüler im Unterricht nach Geschlecht aufzuteilen, ist ein Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot. Denn was passiert mit den Kindern, die nicht in Rollenklischees passen?

20.08.2014 16:02
Silke Tober, Thomas Kunze
Getrennte Tische für Mädchen und Jungen im Unterricht? Sylvia Löhrmann, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, findet die Idee gut. Foto: dpa

Peer Steinbrück – damals SPD-Kanzlerkandidat – schlug im April 2013 vor, Schulen sollten muslimischen Mitbürgern entgegenkommen, indem Schülerinnen und Schüler im Schwimmunterricht getrennt werden. Sylvia Löhrmann – seit Anfang des Jahres Präsidentin der Kultusministerkonferenz – sprach sich Anfang des Jahres für getrennte Tische für Jungen und Mädchen im Unterricht aus. In einem Interview hatte sie schon 2012 gesagt, dass Jungen und Mädchen einen unterschiedlichen Zugang zum Lernen hätten und aus diesem Grund ein nach Geschlecht getrennter Unterricht von Vorteil wäre. Mädchen könnte der Zugang zu Chemie dadurch erleichtert werden, dass der Bezug zu Kosmetik hergestellt wird. Jungen würde man im Deutschunterricht gerecht, wenn Sachbücher oder „Die Wilden Kerle“ durchgenommen werden, statt Hanni und Nanni wie im Unterricht der Mädchen.

Spätestens an diesem Punkt fragt man sich: Was passiert mit den Kindern, die nicht in die Rollenklischees passen? Beispielsweise mit Mädchen, die wilde Kerle sind oder die auch ohne Anwendungsbezug ein Interesse an Naturwissenschaften haben? Dürfen Kinder in Deutschland im Jahr 2014 aus einer Unterrichtsgruppe ausgeschlossen werden, nur weil sie das „falsche“ Geschlecht haben?

Genau diese Frage wird seit einem Jahr vor den Berliner Verwaltungsgerichten verhandelt. Bisher behält die Verwaltung die Oberhand: Sofern eine Schule es für pädagogisch sinnvoll hält, könne in allen Fächern verbindlich nach Geschlecht getrennt werden. In dem aktuellen Rechtsstreit fordern Eltern ein Recht auf Übertritt in die andere Gruppe, wenn das Geschlecht im Unterricht als Unterscheidungskriterium dient.

Koedukation von Kindern unterschiedlicher Herkunft ist in Deutschland selbstverständlich. Bereits ein Anruf bei der Schulaufsicht würde genügen, um eine Trennung im Unterricht nur aufgrund dieses Merkmals zu unterbinden. Denn durch eine Eingruppierung nach Herkunft würde der Zusammenhalt geschwächt, die „Andersartigkeit“ durch die Lehrkräfte hervorgehoben. Dies hätte dann auch Folgen für das Verhalten der Schüler auf dem Pausenhof. Diskriminierung ist zwar trotz des gemeinsamen Unterrichtens ein alltägliches Phänomen, sie wird aber in Schulen zumindest nicht durch Gruppierung nach Herkunft verstärkt.

Geschlecht kein Differenzierungskriterium

Das deutsche Grundgesetz schützt nicht nur vor Diskriminierung aufgrund des Merkmals Herkunft, sondern auch aufgrund des Merkmals Geschlecht. Das Verfassungsgericht hat wiederholt darauf hingewiesen, dass das Geschlecht grundsätzlich nicht als Differenzierungskriterium verwendet werden darf. Artikel 3 des Grundgesetzes betont: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse … benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Und weiter: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“

Ein Abweichen von Koedukation wäre somit lediglich zur Beseitigung eben solcher Nachteile verfassungsgemäß. Diese Rechtsinterpretation deckt sich mit jener des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs im sogenannten Burkini-Prozess aus dem Jahre 2012 und ist mit den deutschen Schulgesetzen vereinbar, die, wie beispielsweise das Berliner Schulgesetz, getrennte Erziehung nur dann erlauben, wenn sie „pädagogisch sinnvoll ist und einer besonderen Förderung dient“. Das spiegelt aber weder die schulpolitische Praxis noch die Rechtsauslegung der Berliner Verwaltungsgerichte wider.

Bei einer verpflichtenden Gruppierung nach Geschlecht ohne Übertrittsmöglichkeit sind die tatsächlichen Fähigkeiten und Interessen der Kinder nachrangig. Ihnen werden schlichtweg etwa „geschlechtsspezifische Interessen“ und geschlechtsspezifisches „Bewegungsverhalten“ unterstellt. Wenn Lehrkräfte nach Geschlecht trennen und behandeln, kann es nicht erstaunen, wenn sich Kinder ohne Unrechtsbewusstsein auch untereinander ausgrenzen.

Wollen wir es im 21. Jahrhundert wirklich stillschweigend akzeptieren, wenn unseren Kindern geschlechtsspezifische Neigungen und Fähigkeiten unterstellt werden? Dass Mädchen aus der Sportklasse mit „der größeren athletischen Herausforderung“ (O-Ton Berliner Senatsverwaltung) ausgeschlossen werden, nur weil sie Mädchen sind? Oder dass Lehrer aus angeblich neurowissenschaftlichen Erkenntnissen ableiten, dass Mädchen und Jungen von unterschiedlichen Beschulungsmethoden profitieren würden und entsprechend ein kooperatives Klima für Mädchen, ein raues für Jungen schaffen?

Das im aktuellen Rechtsstreit geforderte Übertrittsrecht würde den Blick dafür schärfen, dass das Geschlecht in aller Regel nicht als Differenzierungskriterium herangezogen werden kann. Gegenwärtig dürfen Berliner Lehrkräfte Kinder bereits in der ersten und zweiten Klasse in Mädchen- und Jungengruppen einteilen, sei es beim Laufen oder Ballspielen.

Unabhängig von der Intention ist ein Denken in Gruppen immer auch ein Denken in Stereotypen. Letztlich wird wohl das Verfassungsgericht darüber entscheiden müssen, ob im Klassenzimmer die strengen deutschen Anti-Diskriminierungsgrundsätze auch für das Merkmal Geschlecht gelten.

Silke Tober ist Referatsleiterin an einem wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitut.
Thomas Kunze ist selbstständiger Systementwickler im Bereich EDV.
Für ihre zwei Schulkinder klagen beide gegen den Berliner Senat wegen Diskriminierung.

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