Lade Inhalte...

Gastbeitrag Keine Schule nach Geschlecht!

Wer Mädchen und Jungen trennt, fördert nicht besondere Fähigkeiten, sondern Diskriminierung.

17.06.2013 19:35
Silke Tober und Thomas Kunze
Nicht alle Mädchen lieben das Turnen so sehr, wie diese Schülerinnen einer Grundschule. Foto: imago

Hebammen haben ebenso wenig das Recht, nur Frauen in ihrem Berufsstand zu dulden, wie es für die oberen Unternehmensetagen ein Recht von Männern gibt, „unter sich“ zu sein. Auch in öffentlichen Schulen gibt es kein Recht der Kinder und Jugendlichen, im Unterricht nur mit dem gleichen Geschlecht zusammenzusein. Wie auch? Denn sonst würden Kinder in der Schule lernen, dass es in unserer Gesellschaft akzeptabel oder sogar wünschenswert ist, andere Menschen nur wegen ihres Geschlechts auszuschließen beziehungsweise die Interessen und Fähigkeiten einer Person allein aus deren Geschlecht abzuleiten. Undenkbar in einer Demokratie mit freiheitlichen Grundrechten im 21. Jahrhundert.

Oder vielleicht doch nicht? In den Schulgesetzen von acht Bundesländern wird die Möglichkeit eröffnet, Kinder unabhängig von ihren Interessen und Fähigkeit nach Geschlecht getrennt zu unterrichten, und in weiteren Bundesländern, wie Bayern und Sachsen, gibt es Lehrpläne, die eine solche Trennung vorgeben. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Zu Beginn der fünften Klasse im Jahre 2011 wollte eine Schülerin in Berlin im Sportunterricht der „Jungenklasse“ beitreten. Dies wurde ihr erst von den Lehrern, dann von der Schulleitung verweigert – eine Entscheidung, die der Bildungssenat zwar vorübergehend aussetzte, letztlich aber billigte.

Nicht Interessen, sondern Geschlecht entscheidet

Und hier schließt sich der Kreis: Wenn Kinder in der Schule lernen, dass nicht Fähigkeiten und Interessen entscheidend sind, sondern gegebenenfalls das Geschlecht, wieso sollten sie – bewusst oder unbewusst – im späteren Leben vorrangig Fähigkeiten und Interessen ihrer Mitmenschen betrachten und nicht das Geschlecht? Dies gilt umso mehr, als nicht selten die Meinung vertreten wird, Jungen hätten ein Recht, ungestört von Mädchen Sport zu treiben und sich mal so richtig auszutoben. Gleichsam müssten Schülerinnen vor den „wilden Jungs“ beschützt werden und „ihren“ sportlichen Interessen nachgehen können.

Einige Pädagogen mögen zu Recht meinen, dass sich die Beschulungsmethode an der Zielgruppe orientieren sollte. Eine Gruppierung nach Geschlecht lässt sich allerdings nicht rechtfertigen. Zwar existieren beispielsweise Studien über Unterschiede in den Gehirnströmen, in den Neigungen und im Lernverhalten. Aber selbst wenn diese Studien und insbesondere ihre populärwissenschaftliche Darstellung nicht erhebliche Mängel an wissenschaftlicher Sorgfalt aufwiesen, so würden sie doch nur Wahrscheinlichkeitsaussagen über einzelne Mitglieder der jeweiligen Gruppe ermöglichen beziehungsweise eine Aussage über deren Mehrheit.

Kinder müssen die Wahl haben

Nicht alle Kinder mit Migrationshintergrund benötigen einen Förderkurs in Deutsch und nicht alle Menschen mit schwarzer Hautfarbe haben Rhythmus im Blut. Ebenso ist nicht jeder Junge ein begnadeter Kletterer und Fußballspieler, der besser auf eine ruppige Ansprache der Lehrkräfte reagiert, und nicht jedes Mädchen eine begabte Turnerin, die eine eher sanfte Umgangsform bevorzugt. An Schulen werden nicht Gruppen, sondern Individuen unterrichtet. Diese kann man in Einklang mit Artikel 3 des deutschen Grundgesetzes nach Leistung gruppieren oder auch nach Interessen, nicht aber nach Hautfarbe oder Geschlecht, schon gar nicht gegen ihren Willen.

Sollen verschiedene Lehrmethoden und -inhalte parallel angeboten werden, so müssen Kinder die Wahl haben: im Sportunterricht beispielsweise zwischen der Gruppe mit stärker kooperativ orientierten Spielen, einem hohen Anteil von Turnübungen und einer sanften Ansprache, und der Gruppe, in der auf Wettbewerb gesetzt sowie Ausdauervermögen gefordert wird und in der Kinder beispielsweise bei Liegestützen-Übungen im Armeestil angebrüllt werden. Sollte Pädagogen eines Tages eine Trennung der Kinder im Chemieunterricht sinnvoll erscheinen, so wäre es ebenfalls angesagt, zuerst den Lehrinhalt der jeweiligen Gruppe darzustellen und dann die Kinder wählen zu lassen, ob sie Chemieunterricht spannender finden, wenn beispielsweise die Herstellung von Kosmetik oder die Herstellung von Kraftstoffen im Vordergrund steht.

Gesetzliche Regelung gegen Diskriminierung an Schulen erforderlich

Eine gesetzliche Quotenregelung für Führungspositionen scheint vor dem Hintergrund unserer noch tief gespaltenen Gesellschaft vorübergehend erforderlich zu sein. Noch wichtiger aber ist eine gesetzliche Regelung gegen Diskriminierung an öffentlichen Schulen. Im Alltag unserer Kinder in Deutschland sind Aussagen wie „Ich mag Ausländer nicht“ oder „Ich spiele nicht mit Juden“ rar und werden in der Regel von der Gesellschaft nicht toleriert. Aussagen wie „Ich spiele nicht mit Jungs“ und „Du wirfst ja wie ein Mädchen“ sind zwar ebenso diskriminierend, werden aber in der Regel hingenommen und gegebenenfalls sogar bekräftigt, wie im Falle des geschlechtergetrennten Unterrichts.

Nach geltender Rechtslage müssen sich Kinder oder Jugendliche, denen im Falle geschlechtergetrennten Unterrichts der Wechsel in die andere Gruppe beziehungsweise Klasse verwehrt wird, zuerst an die zuständige Landesbehörde wenden. Nach Ablehnung führt der Rechtsweg zum Verwaltungsgericht, dann zum Oberverwaltungsgericht und zuletzt zum Landes- beziehungsweise Bundesverfassungsgericht. Das ist ein langwieriger und kostenträchtiger Prozess. In den USA kann man eine solche Bürgerrechtsverletzung seit Inkrafttreten des Gesetzeszusatzes Title IX im Jahre 1972 unmittelbar vor Gericht verhandeln – und aus der Welt schaffen.

Silke Tober ist Referatsleiterin für Geldpolitik an einem wirtschaftswissenschaftlichen Institut.

Thomas Kunze ist als selbstständiger Systementwickler im Bereich EDV tätig.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen