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Gastbeitrag Inzest Sehnsucht nach Vertrautem

Der Deutsche Ethikrat empfiehlt Geschlechtsverkehr zwischen Geschwistern zu legalisieren. Doch wir brauchen keine Abschaffung des Inzestverbots, sondern die Bereitschaft, uns mutig dem Fremden zu stellen.

03.10.2014 17:31
Von Stephan Grünwald
Geschwisterliebe ist in Deutschland tabu und existiert allenfalls im Verborgenen. Foto: Imago

Der Sex zwischen unmittelbaren Verwandten, zwischen Brüderchen und Schwesterchen ist eines der letzten Tabus in unserer weitgehend liberalisierten Gesellschaft. Der Verstoß gegen das Inzestverbot wird nach Paragraf 173 mit bis zu drei Jahren Gefängnis geahndet. Der deutsche Ethikrat empfahl jetzt, diesen Paragrafen zu liberalisieren und den „einvernehmlichen Beischlaf unter erwachsenen Geschwistern zukünftig nicht mehr unter Strafe zu stellen“. Ein strafrechtliches Verbot solcher Beziehungen bedeutet für den Rat „einen tiefen Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung“.

Die Empfehlung des Ethikrates verwundert, weil das Thema in unserer Gesellschaft überhaupt nicht virulent war. Es gab nicht wie bei der Homosexualität eine große gesellschaftliche Debatte oder gar eine Bewegung, die eine Liberalisierung des Sexualstrafrechtes einforderte. Und es gibt bei geschätzten zehn Verurteilungen pro Jahr in Deutschland noch nicht einmal einen relevanten Missstand, der zur Revision auffordern würde. Dadurch wird die Empfehlung des Ethikrates vor allem als ein unvermitteltes gesellschaftspolitisches Signal wahrgenommen. Die Befürworter preisen verdutzt dieses Signal als konsequenten Ausdruck einer liberalen Gesellschaft. Die Gegner fürchten den Verfall der Sitten und sehen die Institution Familie in Gefahr.

Ist das Inzest-Tabu noch sinnvoll?

Die Abschaffung des Inzestverbotes mag aus juristischer Sicht vielleicht Sinn ergeben. Aus psychologischer Sicht wird mit dem Signalcharakter dieser Empfehlung eine grundlegendere Frage aufgeworfen: Ist das Inzest-Tabu in der heutigen Zeit eigentlich noch sinnvoll? Diese Frage lässt sich mittels einer humorvollen Anekdote beantworten. Der kleine Gustav sagt zu seinem Vater. „Papa, du hast es gut. Du konntest Mutter heiraten. Ich muss mir eine wildfremde Frau suchen.“

Unser Seelenleben ist nicht nur durch Neugier und Experimentierfreude bestimmt. Es gibt eine Sehnsucht nach dem Bekannten, Verwandten und Wohlvertrauten. Im Zuge dieser Beharrungstendenz würden wir am liebsten in unseren vertrauten Verhältnissen und eingespielten Lebensmustern kleben bleiben. Wieso in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah ist? Wieso sich dem Fremden, Unbekannten aussetzen und etwas Neues riskieren, wenn man sich doch in der angestammten Umgebung wohl fühlt. Das Inzest-Tabu soll verhindern, dass wir in der Nestwärme stecken und weltfremd bleiben. Es soll ermuntern den engen Kreis der Familie, der Sippe oder des Stammes zu überschreiten. Es fordert uns auf, trotz der Gefahr des Fremdelns in die Welt zu gehen und sich mit Fremdem und Anderem auseinanderzusetzen.

Wegbereiter einer liberalen Gesinnung

In dieser Logik gibt es in unserer Kultur noch andere Loslösungsgebote. Die Lehr- und Wanderjahre der Lehrlinge sollten zum Beispiel garantieren, dass die jungen Leute den Horizont ihres Kirchturmes überschreiten und sich mit neuen Erfahrungen und neuen Lebens- oder Arbeitsperspektiven bereichern. Das Inzest-Tabu sichert durch dieses produktive Austauschprinzip daher nicht nur das Erbgut der Menschen, sondern auch den technologischen oder sozialen Fortschritt. Das Verbot ist Wegbereiter einer liberalen Gesinnung. Neue Ideen, Weltoffenheit und Toleranz gegenüber anderen Lebensformen sind die produktiven Begleiterscheinungen des Inzest-Tabus. Das Inzest-Tabu „erzieht“ sozusagen die Menschen zur Liberalität.

Das Paradoxe an der Empfehlung des Ethikrates: Mit der Liberalisierung des Inzestverbotes wird eine gesellschaftliche Grundvoraussetzung für Liberalität unterminiert. Aber hat sich nicht das Tabu erübrigt, da Inzest ja in unserer aufgeklärten Internet-Gesellschaft statistisch kaum noch eine Rolle spielt? Beschränkt man Inzest auf den sexuellem Verkehr, mag das sicherlich so sein. Allerdings entstehen derzeit neue Formen des Inzest, die man als „mentalen Inzest“ beschreiben kann. Die sozialen Netzwerke können heute zwar Plattform für einen weltweiten Erfahrungsaustausch sein. Sie können aber auch neue Formen des Meinungs-Inzest begünstigen, wenn man im Netz nur unter Seinesgleichen bleibt und nur noch die Stammesbildung und den Austausch unter Gesinnungsverwandten pflegt. Das Internet kann daher Fenster zur Welt, aber auch Selbstbespiegelungs- und Selbstbestätigungsmedium sein, in dem man sich nur noch um die eigenen Vorlieben, Tagträume und Hobbys dreht.

Tendenz zum Abschotten wächst

Aber auch jenseits des Internets besteht die Gefahr, dass man in den immer gleichen Themen, Sichtweisen und Interessen stecken bleibt und eine neue Art der Weltfremdheit entsteht. Nicht nur in Schottland wächst die Tendenz sich abzuschotten und von der großen Welt da draußen zu separieren. Der eigene Dialekt und das Brauchtum werden wieder zum Bezugspunkt der eigenen Identität. Die Probleme und Entwicklungen außerhalb des eigenen Kreises sollen ausgeblendet werden. Aber auch der Strukturwandel in unseren Städten mit der Gefahr einer zunehmenden Gentrifizierung zeigt, dass die Sehnsucht, sich am liebsten nur noch unter Seinesgleichen aufzuhalten, heute in ganz anderen Formen unser Leben bestimmt. Gemein-sinn und die Bereitschaft, sich jenseits der eigenen Interessen politisch zu engagieren, werden schwinden, wenn sich die Menschen zunehmend in ihren eigenen Milieus verschanzen.

Die Inzest-Thematik ist daher in ihren heutigen Erscheinungsformen immer noch aktuell. Als Signal braucht unsere Gesellschaft daher nicht die Abschaffung des Inzestverbotes. Sie braucht ein Plädoyer für die Bereitschaft, sich mutig dem Fremden und Anderen zu stellen und dadurch liberal zu bleiben.

Stephan Grünwald ist Mitbegründer des Marktforschungsinstituts Rheingold.

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