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Gastbeitrag Gepflegte Langsamkeit

Alle wissen, wie dringend die Sorge für alte Menschen reformiert werden muss. Und jetzt? Noch ein Modellversuch.

13.05.2014 18:11
Dörthe Jung

Die Zukunftsszenarien zur sogenannten „alternden Gesellschaft“ sind überwiegend dramatisch. Insbesondere erschrecken die Zahlen zum aktuellen und prognostizierten Anteil pflegebedürftiger Menschen. So leben bereits heute in Deutschland 2,5 Millionen Pflegebedürftige, davon sind allein 1,4 Millionen demenziell erkrankt. Es wird von jährlich weiteren 300 000 Betroffenen ausgegangen. Tendenz steigend.

Angesichts dieser Entwicklung erstaunt das langsame Tempo, mit dem die Politik die notwendigen Schritte angeht. Dazu gehört die seit Jahren angemahnte Reform des Pflegebedürftigkeitsbegriffs. Gesundheitsminister Hermann Gröhe will sie nun in einem dritten Anlauf versuchen. Ein Versuch, der schon von zwei Vorgängerregierungen ergebnislos angegangen wurde und an dem sich bereits zwei Expertenkommissionen abgearbeitet haben.

Der aktuelle Pflegebegriff, nach dem die Begutachtung in Pflegestufen erfolgt, orientiert sich vorrangig an Einschränkungen körperlicher Fähigkeiten. Die Pflegebedürftigkeit von Menschen mit demenziellen Erkrankungen, die insbesondere im geistigen und psychischen Bereich liegt, wird davon nicht erfasst. So kann es zum Beispiel sein, dass eine an Alzheimer erkrankte Person, die sich nicht mehr in ihrer Wohnung orientieren und ihren Alltag alleine bewältigen kann, durch das Raster der Begutachtung fällt, da sie ansonsten körperlich noch intakt ist.

Die angekündigte Reform will solche Missstände beseitigen, indem Pflegebedürftigkeit auch psychische Gebrechen einschließt und es statt drei nun fünf Pflegestufen geben soll. Angesichts des langen Reformvorlaufs und des ansonsten von allen Parteien wortreich beklagten Zukunftsszenarios „Demenz als Volkskrankheit“ ist es aber nicht zu glauben, dass erneut eine „Modellphase“ eingeschoben wird, um zunächst die Auswirkungen auf die Kosten im stationären Bereich zu ermitteln.

Allen ist klar, was das Ergebnis der „Modellphase“ sein wird: Die Pflegekosten werden steigen. Die Frage, die sich hinter allen Verzögerungen von Pflegereformen verbirgt, ist: Was ist es der Gesellschaft wert, dass die wachsende Anzahl an pflegebedürftigen Bürgerinnen und Bürgern eine menschenwürdige Pflege, eine ihnen Schutz gewährende Versorgung erhält? Denn die alles beherrschende Kostenthematik verdeckt das eigentliche Thema: Um welche Qualität von Pflege handelt es sich eigentlich? Und lösen die avisierten Reformschritte und weitere Budgeterhöhungen die wahren Probleme des bestehenden Pflegesystems?

Es ist sicher der Fall, dass eine erweiterte Fassung der Pflegebedürftigkeit und eine Ausdifferenzierung der Pflegestufen zu einer Entlastung der betroffenen Patienten und ihrer Angehörigen führen werden. Aber es bleiben zwei zentrale Probleme des deutschen Pflegesystems weiterhin unberührt. Erstens basiert die bestehende Form der Pflegeversicherung darauf, dass ein familiales Unterstützungsnetzwerk existiert, nur so ist überhaupt eine individuelle und menschenwürdige Versorgung möglich. Und zweitens erzwingt die Konstruktion der ambulanten wie stationären Pflege eine Versorgung im Minutentakt. Wasserlassen: zwei bis drei Minuten, Aufstehen/Zu-Bett-Gehen: ein bis zwei Minuten. Die für Pflegebedürftige existenziell wichtige menschliche Zuwendung, für die Pflegende sich auch einmal länger Zeit zum Zuhören lassen können, ist im Kriterienkatalog der Minutenpflege nicht vorgesehen. Nicht wenige Pflegeexpertinnen und -experten prangern deshalb seit Jahren das praktizierte System als menschenunwürdig an. Es widerspricht auch den Grundzügen der „Europäischen Charta der Rechte und Pflichten älterer hilfe- und pflegebedürftiger Menschen“, in der das Solidaritätsprinzip im Gegensatz zu dem beherrschenden ökonomischen Diktat hervorgehoben wird. Die geplanten Schritte in der Pflegereform verändern hier nichts Substanzielles.

Auch der zweite Grundpfeiler des herrschenden Pflegesystems, dass nämlich die familialen Netzwerke die eigentliche Hauptlast der Verantwortung für die „alternde Gesellschaft“ tragen, wird nicht in Ansätzen von der Reform infrage gestellt oder für einen Umbau geöffnet. Im Gegenteil, Minister Gröhe baut darauf, dass „Deutschlands Pflegedienst Nummer eins nach wie vor die Familie“ ist. De facto sind es heute immer noch zu mehr als zwei Dritteln Frauen, die die unbezahlte Sorgearbeit übernehmen. Und dies zunehmend als „informelle Pflege“; das heißt neben einer Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigung. Von gerechter Sorgeverantwortung kann man da nicht sprechen.

Bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass die „alternde Gesellschaft“ nicht vorwiegend ein Kostenproblem hat. Die sich abzeichnenden Entwicklungen erzwingen radikale Lösungen und Neukonzeptionen für eine humane Fürsorge- und Betreuungsinfrastruktur, die auf Wertschätzung der älteren und pflegebedürftigen Menschen basiert und Raum für Zuwendung und menschliche Wärme lässt. Dazu gehören auch verbesserte Arbeitsbedingungen für die in der professionellen Pflege Tätigen, die geringe Wertschätzung und Bezahlung erhalten und mit systemischer Überforderung konfrontiert sind.

Pflegereformen bleiben so lange notdürftige Reparaturmonster, wie sie nicht den Mut zum Umbau zugunsten einer solidarischen Gesellschaft aufbringen. Sie muss Sorgeverantwortung als eine gesellschaftliche Aufgabe verstehen, die von allen geschultert wird und auf gegenseitiger Anerkennung im Umgang zwischen den Generationen beruht.

Dörthe Jung ist Sozialwissenschaftlerin und betreibt in Frankfurt eine Unternehmensberatung.

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