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Gastbeitrag Für einen Islam mit Verstand

Wir brauchen eine theologische Debatte, die die Tradition aus der Gegenwart interpretiert. Und nicht umgekehrt. Der Islam kann heute nicht den Geboten und Verboten des 7. Jahrhunderts nachhängen.

16.02.2015 16:38
Lale Akgün
175 muslimische Gebetsteppiche liegen kurz vor einer Kundgebung von Pegida vor der Frauenkirche in Dresden. Foto: dpa

Ob nun SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi davor warnt, die Terrorgruppe IS als „radikal-islamisch“ zu bezeichnen, oder ob die Kanzlerin Christian Wulffs „Feststellung“ zustimmt, dass der Islam zu Deutschland gehöre – wir haben eine paradoxe Situation: Man will den politischen Islam bekämpfen und macht selber Politik mit dem Islam. Mit was für einem Islam, darüber wird kaum nachgedacht.

Wer Vorurteile bekämpfen will, kann mit Slogans oder politisch korrekter Tabuisierung nichts erreichen. Zumal er damit argumentativ jene bedient, die meinen, die Definitionsmacht über den „richtigen“ Islam zu haben. Dabei handelt es sich allerdings zumeist um ein ultra-konservatives Islamverständnis. Und das führt oftmals zu verheerenden Konsequenzen.

Wer ein solches Islamverständnis für das einzig richtige hält, übersieht, dass die große Gruppe der Muslime sehr viel bunter gemischt ist. Da gibt es Fromm-Gläubige genauso wie Liberale und sogar Atheisten. Es gibt Kulturmuslime, die den Traditionen anhängen, mit dem Glauben aber nicht viel am Hut haben, es gibt aber auch – gerade hier in Mitteleuropa – junge Menschen, die kaum etwas über islamische Traditionen wissen, und erst recht nicht über den Koran, sich aber dennoch als fanatische Glaubensanhänger sehen. Es gibt Menschen, die einen Volksglauben aus ihrer Heimat mitgebracht haben und andere, die patriarchale oder gewaltbefürwortende Haltungen als islamisch betrachten.

Was ist islamisch – was ist unislamisch? Es ist nicht nur die große Politik oder der politische Terror, der die Muslime umtreibt. Ihr Alltag wird auch von der „kleinen“ Politik des Moscheevereins im Stadtteil bestimmt. Dessen Beharrungskräfte wollen dafür sorgen, dass der Status quo erhalten bleibt. Er lautet kurz gefasst: Der Koran ist unveränderlich gültig, und wir leben unser Leben nach dem Vorbild des Propheten. Der Religionspädagoge Harry Harun Behr (Uni Frankfurt) formuliert treffend: „Sehr viele Muslime verstehen unter islamischer Theologie die Deutung der gegenwärtigen Situation aus der Tradition, aus Koran und Sunna.“

Um das Problem auf den Punkt zu bringen: Wir brauchen einen aktuellen theologischen Diskurs über die Deutung des Korans und der Sunna. Er sollte vor allem akademisch-wissenschaftlich geführt werden – aber nicht nur! Denn die theologische Auslegung dessen, was Islam heute bedeutet, betrifft alle Muslime – ja, auch Nichtmuslime. Sie hat großen Einfluss auf das gesellschaftliche und politische Leben.

Deswegen ist die theologische Auslegung des Koran und der Sunna – das Leben und Wirken des Propheten Mohammed als Vorbild – mitnichten nur eine religiöse Frage, sondern auch eine sehr politische. Ohne grundlegende, auf unsere Zeit bezogene theologische Neudeutungen und Reformen wird der Umgang mit dem Islam nur ein Kurieren an Symptomen bleiben. Im Übrigen dürfte auch dem konservativsten Islamvertreter klar sein, dass selbst die stärkste Ablehnung des im Namen des Islam ausgeübten Terrorismus nichts bewirkt, solange den Terroristen nicht die theologische Grundlage entzogen wird.

Jede Zeit braucht ihre eigenen Regeln

Wenn der sogenannte „Islamische Staat“ seine menschenverachtende Politik mit Koransuren rechtfertigt, dann reicht es eben nicht aus, als Reaktion darauf ständig zu wiederholen, der Islam habe mit Terror nichts zu tun; ebenso wenig reicht es, nur Terrorbekämpfung zu fordern beziehungsweise anzuordnen. Dann müssen vor allem die Koransuren ins Blickfeld rücken, mit denen dieser Terror gerechtfertigt wird. In der Konsequenz heißt das: An der theologischen Reform des Islam führt kein Weg vorbei, wenn wir den Islamismus zurückdrängen und dem Islam seinen Platz unter den Religionen sichern wollen.

Was bedeutet nun Reform im Islam? Der eben zitierte Harry Harun Behr formuliert es so: „Ich meine, Theologie dient auch dazu, die Tradition aus dem Blickwinkel der Situation zu betrachten und umzuformulieren.“ Er hat recht. Referenzpunkte für eine zeitgemäße Koran-Interpretation müssen globale Werte sein – die Menschenrechte und vor allem die völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau. Nur so wäre die Vereinbarkeit des Islam mit Demokratie und Rechtsstaat gewährleistet. Und: Nur solch ein Islam würde zu einem akzeptierten Teil Deutschlands.

Das bedeutet an erster Stelle, dass der Koran historisch-kritisch auszulegen ist – als „Gottes Menschenwort“, wie es der zu Lebzeiten verfolgte Islamgelehrte Abu Zaid ausgedrückt hat. Göttliche Offenbarung und menschliche Vernunft müssen in Einklang gebracht werden. Das Verhältnis zum Koran und zur Sunna ist neu zu justieren, damit man „den Geist hinter den Buchstaben finden“ kann. Die allgemeinen Prinzipien des Korans müssen im Vordergrund stehen. Wie die Menschen sie umsetzen, hängt vom jeweiligen Kontext ab.

Der Islam kann heute nicht den Geboten und Verboten des 7. Jahrhunderts nachhängen. Konkrete Regelungen muss jede Zeit für sich neu finden. Wie die anderen Religionen kann auch der Islam seinen Beitrag zur Aufstellung zeitgemäßer Regeln leisten, indem er normative Grundlagen produziert. Aber eben nicht mehr!

Es ist an der Zeit, dass wir Muslime unseren Verstand einsetzen. Der Begriff Verstand kommt im Koran 49-mal vor, und eins der berühmtesten Hadithe (Aussprüche des Propheten Mohammed) lautet: „Der Glaube eines Menschen geht so weit wie sein Verstand; wer keinen Verstand hat, der kann auch keinen Glauben haben.“ Muslime des 21. Jahrhunderts sollten nicht dahinter zurückfallen.

Lale Akgün ist SPD-Politikerin und arbeitet in der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei. Sie schreibt regelmäßig Bücher und Artikel über Einwanderung und Integration.

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