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Gastbeitrag Flirtwüste Deutschland

Russische Frau zu sein, ist ein Geisteszustand und eine Weltanschauung, die auch jenseits der russischen Grenzen in Erscheinung treten kann.

26.02.2013 16:56
Olga Kaminer
Die Sexismus-Debatte war Thema beim Rosenmontagszug in Düsseldorf. Foto: dpa

Die aktuelle Sexismus-Debatte hat einmal mehr bestätigt, dass die Bundesrepublik bezüglich zwischenmenschlicher Beziehungen eher ein Entwicklungsland mit zahlreichen Minenfeldern ist. Nicht nur an Hotelbars fehlt es an Feinfühligkeit dafür, wann eine Frau überhaupt angesprochen werden möchte, ganz zu schweigen von der Frage, wie dies am Besten gelingt. Die Eroberung des anderen Geschlechts gilt mittlerweile als Extremsport für speziell geschulte „pickup artists“, während die Kinderlosigkeit weiter zunimmt. Bevor Männer und Frauen überhaupt noch zusammenfinden, sind offenbar so viele Unsicherheiten zu überwinden, dass manch einer lieber verzichtet.

Bei unserer Tanzveranstaltung namens „Russendisko“ lässt sich häufig ein Typ Mann beobachten, der Frauen lieber aus der Ferne beobachtet, statt sie überhaupt anzusprechen. Zuerst dachten wir immer, es handele sich um Vertreter oder Beamte des Finanzamtes, weil sich die Männer so gerne in der Nähe der Kasse aufhalten. Von diesem Standort behält man alles im Blick und kann notfalls auch schnell wieder flüchten. Das ist natürlich mit den Zuständen an deutschen Hotelbars nicht vergleichbar. Wie aber lässt sich das merkwürdige Verhalten der Männer erklären?

Aus der Sicht einer Russischen Frau stellt sich die Frage genau umgekehrt. Das Interesse des Mannes gilt es nicht reflexartig abzuwehren, sondern strategisch zu fördern. So gibt es in russischen Großstädten seit Jahren eine Seminarreihe, in denen beruflich erfolgreiche Frauen lernen, den richtigen Partner zu finden und für sich zu interessieren. Ist dieser Wunsch als Schwäche zu bewerten? Keinesfalls.

Nach Angaben des statistischen Bundesamtes hat sich die Zahl der binationalen Ehen seit 1996 mehr als verdoppelt. Während bei den Damen Partner aus der Türkei, Italien und den USA bevorzugt werden, zieht es die Herren dagegen nach Osten. Der statistische deutsche Mann orientiert sich auf dem Heiratsmarkt neuerdings gerne nach Russland, nach Polen und in die Ukraine. Aus der Sicht der Russischen Frau ist diese Entwicklung nur zu begrüßen. Sie kann die Einsamkeit nicht ertragen und hält das Singleleben spätestens ab dreißig für eine schreckliche Unsitte und tut alles, um einem solchen Schicksal zu entrinnen. Sie kann eine unheimliche Stärke und auch Durchhaltevermögen aufbringen, um einen passenden Lebenspartner für sich zu finden, um sich dann gleich hinter dem Rücken dieses Partners vor den Stürmen des Lebens zu verstecken.

Es wäre eine bedauernswerte Folge der Emanzipation, wenn hier eine Abstimmung mit den Füßen beginnt. Wer weiß schon genau, was diese Männer bewegt! Ich hoffe, sie fühlen sich nicht von der Vorstellung einer stets devoten Weiblichkeit angezogen. Denn dabei handelt es sich um eine optische Täuschung. Die Russische Frau findet Männer süß und interessant. Aber nicht alle Männer. Sie mag in erster Linie kreative, verträumte, besessene Männer, mit denen sie vorsichtig, zärtlich, mütterlich umgeht.

Sie hält Männer für große Kinder, die man verwöhnen muss. Die Russische Frau muss ihre Unabhängigkeit nicht eigens beweisen, schon gar nicht benötigt sie die Unterstützung ihres Vorgesetzten, um mit unerwünschten Anfragen fertig zu werden.

In der deutschen Debatte wird immer wieder darauf hingewiesen, dass eine berufstätige Frau allein durch ihre professionelle Rolle definiert sei. Dieses Frauenbild ruft in Russland gemischte Gefühle hervor. Als die Frauen im Westen in den 60er Jahren für Gleichberechtigung und freie Liebe auf die Straße gingen, hatten die russischen Frauen von beidem bereits mehr als genug. Ihnen war dank der Revolutionärin und Schriftstellerin Alexandra Kollontai seit 1905 unermüdlich eingetrichtert worden, dass nicht „die sexuellen Beziehungen das moralische Ansehen der Frau (bestimmen), sondern ihr Wert im Arbeitsleben, bei der gesellschaftlich-nützlichen Arbeit.“ Ein im Westen weniger bekanntes Werk Kollontais trägt den seltsamen Titel „Die Liebe der Arbeiterbienen.“ Auch wenn es manche Karriere beflügeln mag, sich möglichst giftig zu wehren: Wer möchte schon als Arbeitsbiene wahrgenommen werden? Wünsche und Leidenschaften ändern sich deutlich langsamer als die Gesellschaft.

Die Russische Frau ist eine starke schwache Frau. Russische Frau zu sein ist ein Geisteszustand, eine Weltanschauung, Lebenshaltung, Wesensart, welche auch jenseits der russischen Grenzen in einer Deutschen oder einer Chinesin in Erscheinung treten kann. Berufliche Selbstverwirklichung und Familienorientierung schließen sich für die Russische Frau nicht aus, im Gegenteil. Vielleicht setzt sich mit der aktuellen Debatte um die Gleichberechtigung langsam die Einsicht durch, dass ein Krieg der Geschlechter niemandem hilft.

Olga Kaminer verbrachte ihre Kindheit auf der Insel Sachalin. Mit 16 zog sie nach Leningrad, heute St. Petersburg. Seit 1990 lebt sie mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer und ihren zwei Kindern in Berlin. Ihr Buch „Russische Frauen“ ist als Buch und E-Book bei epubli erschienen.

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