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Gastbeitrag Eine Offensive für die Weiterbildung

Dem Anspruch einer "Bildungsrepublik" wird Deutschland auf diesem Feld nicht gerecht. Das muss sich ändern.

03.11.2014 13:09
Ernst Dieter Rossmann

Hierin sind sich alle einig: Weiterbildung tut not. Dabei lassen sich in der politischen Wirklichkeit das ökonomische und das emanzipative Motiv nicht voneinander trennen, sondern verdienen es, in einer nachhaltigen Strategie für mehr Weiterbildung zusammengeführt werden.

Diese wird für Deutschland dringend gebraucht, denn die Weiterbildungsbeteiligung wird auch im europäischen Vergleich dem Anspruch einer Bildungsrepublik bei weitem nicht gerecht. Der Nationale Bildungsbericht 2014 weist für die Altersgruppe der 15- bis unter 66-Jährigen eine Beteiligung an der beruflichen Weiterbildung von knapp 13 Prozent und an der allgemeinen Weiterbildung von nicht einmal einem Prozent aus.

Auch wenn die betriebliche Weiterbildung im engeren Sinne höher liegt und hier aktuell erstmals seit 2007 wieder ein Anstieg zu verzeichnen ist, zeigen sich in allen Feldern Trends zu einer bedenklichen sozialen Schieflage. Frauen, Menschen mit einer geringen Grundqualifikation, Migranten, ältere Menschen und Beschäftigte aus nicht so großen Betrieben haben weniger Zugang zu Weiterbildung als andere. Das ist in hohem Maße ungerecht. Es ist auch kurzsichtig. Die politischen Handlungsfelder liegen damit auf der Hand.

Die politische Realität ist allerdings verwirrend. Da gibt es einen Koalitionsvertrag der großen Koalition, in dem die Weiterbildung so prominent abgehandelt worden ist wie noch nie zuvor. Es soll eine Allianz für Aus- und Weiterbildung geben, einen Pakt zur Fachkräftesicherung und eine Alphabetisierungsdekade, also eine Reihe korporativ angelegter gesellschaftlicher Bündnisse. Es sind gesetzliche Verbesserungen bei der Aufstiegsfortbildung, dem sogenannten Meister-Bafög, dem Anerkennungsgesetz für die Einwanderer sowie bei den einschlägigen Sozialgesetzbüchern zur Arbeitsförderung angesprochen. Und es werden konkrete Instrumente benannt wie Programme der zweiten Chance, Aufstiegsstipendien, Bildungsprämien, Anerkennung informeller Kompetenzen und so weiter.

Gleichzeitig müssen wir diagnostizieren, dass sich die Finanzierung der Weiterbildung zunehmend privatisiert. Die öffentlichen Budgets für diesen Zweck – von den europäischen Sozialfonds über die Haushalte der Bundesagentur für Arbeit oder der zuständigen Bundesministerien für die berufliche Bildung bis zu den Haushalten der Länder und Kommunen für die allgemeine Weiterbildung – gehen kontinuierlich zurück.

Teilzeit für Bildung

Ein durchschnittlicher Anteil der Erwachsenenbildung von 0,34 Prozent am Bildungsbudget der Länder, die in Deutschland mit einem Anteil von mehr als der Hälfte traditionell mit großem Abstand der größte Bildungsfinanzier sind, zeigt die mangelnde Bedeutung von Weiterbildung in der allgemeinen Bildungspolitik dramatisch auf. Das gilt, obwohl die „kompensatorische“ Weiterbildung für bestimmte Gruppen von Erwachsenen – Sprach- und Integrationskurse für Zuwanderer und die sich aufbauende Förderung der Alphabetisierung für die 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland – hier neuerdings bescheidene gegenteilige Zeichen setzt.
Zum Glück kommt der gesellschaftliche Fortschritt nicht nur aus Parteien und Parlamenten, sondern häufig genug auch aus der Gesellschaft selbst. Nicht zuletzt die Gewerkschaften erweisen sich immer wieder als gestaltende Kräfte, die neue Horizonte aufmachen und Zukunft prägen. So könnte der Vorstoß der IG Metall zur Tarifrunde 2015, für die 3,7 Millionen Beschäftigten der Metall-und Elektroindustrie Weiterbildungszeiten einzuführen, eine solche gesamtgesellschaftliche Qualität entwickeln. Nach dem Vorbild der Altersteilzeit sollen sich Arbeitnehmer nach den Vorstellungen der Gewerkschaft in echter oder „geblockter“ (zu Blöcken zusammengefasster) Teilzeit freistellen lassen können, um bei gleichzeitigem Lohnausgleich beispielsweise eine Ausbildung, eine Aufstiegsfortbildung oder eine akademische Weiterbildung absolvieren zu können.
Dass sich die Arbeitgeber aus betriebswirtschaftlicher Borniertheit noch gegen diese Forderung stellen, muss nicht heißen, dass sie volkswirtschaftlich und gesamtgesellschaftlich nicht überaus sinnvoll wäre. Hier kann eine Bresche in die bisher noch hartnäckig verteidigte Front gegen das Recht auf Weiterbildung geschlagen werden.

Zugleich kann ein Durchbruch der IG Metall politische Projekte wieder neu beflügeln, die in den letzten Jahren ganz zu Unrecht von der politischen Agenda verschwunden sind, angefangen von den Weiterbildungsfonds der sogenannten Timmermann-Kommission von 2004 über das Erwachsenenbildungsförderungsgesetz von Bündnis 90/die Grünen bis zur Arbeitsversicherung als Weiterentwicklung der Arbeitslosenversicherung, mit der die SPD ein Volumen von acht Milliarden Euro zur beruflichen Weiterbildung mobilisieren wollte.

Den Widerstand gegen diese Konzepte wird sich Deutschland im Zeichen von Gerechtigkeit, Teilhabe und Innovation bildungspolitisch, aber auch bildungsökonomisch nicht mehr lange leisten können. Wo bleibt die positive Gesamtstrategie? Der richtige parlamentarische Ort, an dem die Auflösung dieser Widersprüche kooperativ von Parteien, Sozialpartner und Wissenschaft erarbeitet werden könnte, ist eine Enquete-Kommission „Zukunft der Weiterbildung“ im Deutschen Bundestag. Ihre Einrichtung ist überfällig.

Ernst Dieter Rossmann ist Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion für Bildung und Forschung sowie Vorsitzender des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV).

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