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Gastbeitrag Ein System des Missbrauchs

Eine Reihe von Plagiatsfällen haben den Wissenschaftsbetrieb in Verruf gebracht. Tatsächlich ist er anfällig für Kungeleien und Netzwerkaktivitäten.

04.11.2012 16:23
Ingrid Galster
Zwei Figuren, die der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin (l) und dem ehemaligen Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ähneln sollen, sind in Emmingen-Liptingen an der neuen Skulptur "Schelmenbaum" des Bodenseekünstlers Peter Lenk zu sehen. Foto: dapd

In dem Publikationsorgan des Deutschen Hochschulverbandes, der Zeitschrift H. 10, hat die Münchner Althistorikerin Maria Dettenhofer unlängst in einem Leserbrief darauf hingewiesen, dass die wiederholt gehaltenen Plädoyers für die Verjährung von Plagiatvergehen offenbar durch den Leidensdruck bei vielen noch unentdeckten Plagiatoren, von denen heute gewiss auch einige in hohen Positionen sitzen, zu erklären ist. Denn – so begründete Maria Dettenhofer – die „offensichtlich weit verbreiteten Betrügereien“ kämen ja nicht ohne Komplizen zustande.

In der Tat ist für jede Promotion außer dem Erstgutachter, der die schriftliche Arbeit betreut hat, mindestens ein Zweitgutachter nötig und alle Habilitierten der Fakultät sowie der Fakultätsrat müssen ihre Zustimmung geben oder zumindest nicht widersprechen.

Zu diesem Zweck liegen Arbeit und Gutachten in einem bestimmten Zeitraum zur Einsichtnahme aus. Aber wer will schon Einspruch erheben, wenn er demnächst selbst Kollegen als Gutachter für seine eigenen Doktoranden braucht? Außerdem ist die Zahl der Promotionen in vielen Fällen ein Maß für die finanziellen Zuwendungen an eine Fakultät, und jeder Stelleninhaber begründet sein Prestige unter anderem mit der Anzahl von Kandidaten, die unter seiner Leitung ihre Qualifikation erworben haben, was auf ihren Webseiten nachzulesen ist. Da muss man es dann nicht immer so genau nehmen. Wer sich querstellt, könnte – je nach Urbanität eines Instituts – womöglich auch in der Institutskonferenz angeschrien werden. Wer riskiert das schon gerne? Im Übrigen kann sich die Promotionskommission ohnehin über kritische Einwände hinwegsetzen.

Wer darf eigentlich Dissertationen betreuen?

Erstaunlicherweise ist im Zusammenhang mit der seit Jahren andauernden Debatte um Plagiate, die zuletzt auch die Wissenschaftsministerin selbst erfasst hat, in Dissertationen kaum oder gar nicht danach gefragt worden, wie denn diejenigen, die die Dissertationen zu betreuen, zu bewerten und die Promotionen abzuwickeln haben, ihre Legitimation erwerben. Zunächst: Nur Kandidaten, die hervorragende Dissertationen abgeliefert haben, soll der Weg zur Habilitation gestattet sein. Dies entbehrt nicht einer gewissen Logik und daher kann man es auch in vielen Habilitationsordnungen so lesen.

Aber will man einem jungen Mann oder einer jungen Frau mit Ende 20, Anfang 30 den weiteren Lebensweg verbauen, nachdem sie sich jahrelang darum bemüht haben, ihrem Betreuer und meistens auch Chef stets ihre Loyalität zu beweisen? Soll ein Mentor zugeben, dass er sich in seinem Zögling geirrt, das heißt ihn überschätzt hat? Man macht ihm stattdessen einige Korrekturen und Ergänzungen der Arbeit zur Auflage und lässt ihn eine Habilitation beginnen.
Auch diese wird schließlich durchgezogen, wenn nötig, mit Hilfe von Duzfreunden des Mentors oder Kandidaten, denn hier sind auch Außengutachten nötig. Das Wort Befangenheit sucht man sowohl in Habilitations- als auch Promotionsordnungen vergebens. Sollten außer der Habilitationsschrift keine weiteren relevanten Veröffentlichungen vorliegen, was in der Regel gefordert wird, so reicht oft auch die Bestätigung eines befreundeten Herausgebers einer Zeitschrift, dass ein Text zur Publikation angenommen wurde.

Seilschaften können nützlich sein

Falls jemand auf die Idee kommt, die Qualifikation des Kandidaten mit einem Sondergutachten in Frage zu stellen, so können gute Kontakte zu den Juristen der Universitätsverwaltung nützlich sein, um dieses außer Kraft zu setzen.
Mit Hilfe funktionierender Seilschaften ist die Platzierung des so Gekürten auf einer Professur oder einem Lehrstuhl dann ein Kinderspiel. Denn für die auch in Berufungsverfahren nötigen Außengutachter gilt das ungeschriebene Gesetz: Man darf sich den Kollegen vor Ort nicht in den Weg stellen.

Will etwa ein Fachkollege die Habilitationsschrift lesen, weil das Thema in sein Forschungsgebiet fällt und er auf dem letzten Stand sein möchte, so muss der Dekan das Einverständnis des Autors oder der Autorin einholen, die sich dem Ansinnen widersetzen können. Es herrscht nämlich kein Publikationszwang. Das heißt: Anders als bei der Dissertation gibt es nicht einmal hier Transparenz. Ist der Habilitierte einmal in Amt und Würden, kann das Schriftenverzeichnis durch Sammelbände bestückt werden: Es reicht, auf Fachtagungen eine Sektion zu eröffnen und die Beiträge herauszugeben.

Wohlgemerkt: Nicht alle Karrieren werden so begründet. Und viele Habilitationsschriften werden auch ohne Zwang veröffentlicht. Aber dennoch ist wohl das, was zur Zeit sichtbar wird, nur die Spitze des Eisbergs. Maria Dettenhofer spricht mit Recht von einem „System des Abusus“ (Missbrauch), das es aufzudecken gilt.

Ingrid Galster ist Professorin für Romanische Literaturwissenschaft im Ruhestand an der Universität Paderborn. Nach längerer Tätigkeit in der Industrie promovierte sie und habilitierte sich an der Katholischen Universität Eichstätt.

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