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GASTBEITRAG Die Freunde von morgen

Jeder Flüchtling kann Deutschland bereichern. Es liegt an uns, ob er die nötigen Chancen für seine Entwicklung erhält.

26.12.2014 13:30
Lars Castellucci

Eine Frau und ihr Mann fliehen mit ihrem neu geborenen Kind aus dem Nahen Osten. Sie fliehen vor Terror und der Androhung von Mord. Die Flucht führt sie nach Ägypten. Sie suchen Sicherheit, sie finden dort keine. Im Grenzgebiet ist der Ausnahmezustand verhängt, immer wieder kommt es zu Unruhen. Es treibt sie weiter, nach Westen, und in die Hände zwielichtiger Gestalten, die ihnen den Weg ins gelobte Land verheißen: Europa.

„Europa ist reich und Europa schrumpft. Arbeitskräfte werden gesucht. Ein ausgebildeter Handwerker kann sich fast aussuchen, wohin er gehen will. Die Regierungen sind in einem Überbietungswettbewerb um die Neuankömmlinge, denn seit Jahrhunderten waren es die freiwilligen und unfreiwilligen Wanderer, die neue Epochen des Wohlstands einläuten halfen. Infrastrukturerhalt, stabile Sozialversicherungssysteme, Fachkräftesicherung sind aus eigener Kraft nicht darstellbar. Wer sich an die Gesetze hält, wer sich anstrengt und sich etwas anpasst, kann es schaffen und sogar weit bringen.“ Sagen die zwielichtigen Gestalten.

Joseph hat keine Vorstellung von diesem Europa. Er ist Handwerker. Er will für sich und seine Familie eine Zukunft, Leben, vertraut sich den Schleppern an. Kurz nachdem die italienische Regierung die Operation „Mare nostrum“, mit der zahlreiche Flüchtlinge gerettet wurden, eingestellt hat, gerät das völlig überfüllte Schiff mit Joseph und seiner Familie in Seenot. Die Grenzschützer von Frontex sind zu weit weg. Sie haben nicht den Auftrag, das offene Meer abzusuchen. Niemand überlebt die Flucht.

Ob es die heilige Familie im Jahr 2014 bis Europa schaffen würde? Papst Franziskus hat am 25. November eindringlich über die Einwanderung in Europa gesprochen: „Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird!“ Er ist nicht der erste, der diesen Satz so oder ähnlich gesagt hat. Aber die Hinnahme geht weiter.

Während die Bevölkerung eine wunderbare Hilfsbereitschaft an den Tag legt, hört man im Deutschen Bundestag oder im Europäischen Parlament Sätze wie „Wir können die Probleme der Welt nicht in Europa lösen“, „Wir müssen für eine gerechtere Verteilung der Flüchtlinge in Europa sorgen“ oder „Wir müssen aufpassen, dass die Hilfsaktionen nicht die Anreize verstärken, nach Europa zu kommen.“ Diese Aussagen sind richtig oder zynisch, in jedem Fall helfen sie nicht weiter. Jedenfalls nicht schnell genug. Was hindert eigentlich daran, die Frage von Zuwanderung und Flucht engagiert, kreativ und optimistisch anzugehen?

Schon als Kinder rennen die einen neugierig auf alles Fremde zu, die anderen verstecken sich hinter dem Bein der Mutter – sie fremdeln. Regiert werden wir offensichtlich eher von der zweiten Gruppe. Dabei ist ja beides gut: die Offenheit, zu der wir fähig sind, und die Wachsamkeit, die uns schützt. Ja, es ist sogar in Ordnung, zu fremdeln. Unsere Vorfahren haben ihre Erfahrungen, wir haben unsere Erfahrungen und für den Rest haben wir das Nachmittagsfernsehen. Alles scheint möglich, sogar das Unvorstellbare. Unsere Welt ist Multioptionswelt. Die meisten sind mehr oder weniger überfordert. Und dann noch die Fremden, fremde Farben, fremde Gerüche, fremde Gebräuche, zusätzliche Konkurrenz. Ängste.

Diese Ängste sollte Politik ernstnehmen – und zwar nicht, indem sie diese permanent bestätigt. Sondern indem sie mit den Menschen Fakten klärt und ein positives Zukunftsbild entwickelt, wie ein gutes Zusammenleben von Einheimischen und Neuankömmlingen gelingen kann. Gemeinsame Erarbeitung der Faktengrundlage, Dialog, positive Zielstellungen, dieser Dreischritt entzieht dann auch Rattenfängern den Boden und hilft ein Klima zu schaffen, in dem Schandtaten wie der Brandanschlag im bayerischen Vorra unmöglich werden.

Hier ist der Entwurf: Wir haben Jahrhunderte Erfahrung mit Einwanderung. Wir haben eine Menge gelernt. Wir wissen, was gutes Zusammenleben fördert: Sprache ist der Schlüssel. Wir wissen: Auf gute Bildung kommt es an. Gute Bildung führt dazu, dass die Menschen ihre Potenziale entwickeln und in die Gemeinschaft einbringen können. Wir tun alles, damit die Menschen in Arbeit kommen, damit sie hier ihre Talente einbringen können; denn jedes Talent wird in einem Land gebraucht, in dem künftig weniger Menschen leben werden.

Wir sehen das Leid und dass niemand aus Spaß seine Heimat verlässt, aber auch die Sehnsucht der Menschen – nach Aufstieg, nach einer besseren Zukunft für sich selbst und für ihre Kinder. Und aus dieser Sehnsucht erwächst ein Nutzen für Deutschland und Europa – wenn, ja wenn wir nicht ängstlich sind, sondern Zuwanderung gestalten. Unter den Flüchtlingen, die wir vor Ort treffen, sind Handwerker, Ärztinnen, Ingenieure. Was kann ein Flüchtling beitragen, welche Sprachen spricht er, wo hat er Kontakte, Familie, Landsleute, die ihn unterstützen können – und wo ist er dann am besten aufgehoben? Das sind die relevanten Daten, die gleich bei der Ankunft abgefragt werden sollten – mit dem Ziel, die Integration so gut und schnell wie möglich hinzubekommen.

Es hat keinen Sinn, nur die Risiken zu sehen. Es ist auch sinnlos, blind für Probleme, nur auf Chancen zu setzen. „Morgens Fremde, mittags Freunde“, sang Juliane Werding in den 70er Jahren. Es ist ein Prozess. Daran müssen wir arbeiten.

Lars Castellucci ist Professor für Nachhaltiges Management an der Hochschule der Wirtschaft für Management in Mannheim und Bundestagsabgeordneter der SPD für den Wahlkreis Rhein-Neckar (Baden-Württemberg).

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