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Gastbeitrag Die Bäuerin hungert

Ernährungsprogramme in der Welt müssen vor allem eines: Frauen und Mädchen auf dem Land Bildung verschaffen und sie wirtschaftlich fördern.

07.03.2012 17:31
Angelline Rudakubana
Angelline Rudakubana ist Landesdirektorin des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) in Burkina Faso.

Mit Blick auf den Weltfrauentag am 8. März konstatieren die Vereinten Nationen: Frauen und Mädchen leiden auch 2012 noch weit häufiger unter Hunger als Männer und Jungen. Ouedraogo Belga ist dafür ein eindrückliches Beispiel. Sie lebt in dem Dorf Song Naba in Burkina Faso, ist 45 Jahre alt und vierfache Mutter. „Das Leben ist sehr schwierig geworden in diesem Jahr“, sagt Belga. Ihr Schicksal ist nur allzu typisch für die Absurditäten des Welthungers: Belga ist Kleinbäuerin und trägt mit ihrer Arbeit dazu bei, dass Kleinbauern 70 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Produktion in Burkina Faso erwirtschaften. Und doch hungert sie mit ihrer Familie.

Bereits im Januar sind ihr, wie jedem anderen im Dorf auch, die Vorräte ausgegangen. Jetzt ist sie gezwungen, die meisten Nahrungsmittel auf dem lokalen Markt zu kaufen. Doch wie soll sie das alles bezahlen? Die Preise steigen ständig – allein der Preis von Reis hat sich seit letztem Jahr verdoppelt. Belga weiß nicht, wie sie bis zur nächsten Ernte im Oktober durchkommen soll.

Wie Belga ergeht es Millionen Menschen in Westafrikas Sahelzone. Sie alle sind von einer verheerenden Dürre betroffen, die großes Leid vom Niger über Mauretanien, Mali, Tschad, Senegal bis nach Gambia, Burkina Faso und Kamerun bringt. Dürren gab es in der Region zwar schon immer. Doch die Menschen hier erleben nun bereits die dritte Dürre in nur sieben Jahren.

Die Zahl der Hungernden in der Sahelzone ist alarmierend hoch. Die Nahrungsmittelknappheit zwingt die Menschen zu drastischen Entscheidungen: Sie essen in ihrer Verzweiflung Wurzeln und Blätter; sie nehmen ihre Kinder aus der Schule, um Geld zu sparen; die Hirten verkaufen ihr Vieh und damit ihre Lebensgrundlage; die Familien verzichten notgedrungen auf ganze Mahlzeiten.

Wer hat darunter wieder am meisten zu leiden? Frauen und Mädchen. Da sie vielfach diskriminiert werden, haben sie schlechteren Zugang zu Bildung, Krediten, Ressourcen. Dabei sind Frauen besonders wichtig im Kampf gegen den Hunger, wie eine neue Studie der Vereinten Nationen jetzt umfassend belegt hat: In vielen Ländern, so auch in Burkina Faso, stellen Frauen den größten Teil der in der Landwirtschaft arbeitenden Menschen. Sie sind das Rückgrat der Lebensmittelproduktion. In der Tat sind Frauen für die Hälfte der Lebensmittelproduktion in Afrika südlich der Sahara verantwortlich, und weltweit produzieren Frauen sogar zwischen 60 bis 80 Prozent der gesamten Nahrung.

Der Internationale Frauentag steht deshalb dieses Jahr unter dem Motto: „Frauen auf dem Land fördern – Hunger und Armut beenden“. Die neue UN-Studie hat ermittelt, dass Kleinbäuerinnen ihre Erträge bereits um 20 bis 30 Prozent steigern könnten, wenn sie hierfür nur die selben Ressourcen hätten wie Männer in ihren Ländern. Allein dieser Schritt würde die Zahl der hungernden Menschen weltweit um sage und schreibe 100 bis 150 Millionen verringern.

Das verdeutlicht: Entwicklungsprogramme müssen künftig mehr denn je Frauen und Mädchen auf dem Land Bildung verschaffen, Kredite und Training bereitstellen und sie wirtschaftlich fördern. Wie das funktionieren kann, wissen wir seit langem: Erfolgreiche Kleinbauernprogramme wie „Purchase for Progress“ (P4P) in 21 Entwicklungsländern führen dazu, dass Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ihre Ernte an einen verlässlichen Käufer wie das UN-Welternährungsprogramm (WFP) zu einem fairen Preis verkaufen können. Zudem lernen sie, aus immer trockeneren Böden gute Ernten zu holen, die Qualität ihrer Ernten zu steigern, Ernteverluste zu vermeiden und sich in Bauern-Kooperativen zusammenschließen, um ihre Ernten gemeinsam zu guten Preisen zu vermarkten.

Auch für die Bildung von Mädchen sind erfolgreiche Programme bekannt: Schulspeisungsprogramme beispielsweise steigern die Einschulungsraten von Mädchen aus armen Familien drastisch, da die Eltern wissen, ihr Kind bekommt so in der Schule ein Essen. Damit lässt sich der Teufelskreis aus Hunger und mangelnder Zeit für Bildung, unter dem vor allem Mädchen leiden, durch ein einfaches Programm durchbrechen.

Jeder siebte Mensch auf der Erde weiß nicht, woher seine nächste Mahlzeit kommen wird. Vor allem Frauen und Kinder sind davon betroffen. Jedes Jahr sterben mehr Frauen und Kinder an den Folgen des Hungers als an HIV, Malaria und Tuberkulose zusammen.

Zugleich ist Hunger das größte lösbare Problem auf der Welt. Und dazu können eben vor allem Frauen beitragen. Wir sollten daher den Weltfrauentag nutzen, um das Geheimnis zu lüften: Frauen sind der Schlüssel, um den Hunger weltweit zu besiegen.

Angelline Rudakubana ist Landesdirektorin des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) in Burkina Faso. Das WFP muss derzeit rund 100 Millionen Menschen weltweit mit Ernährungshilfe unterstützen.

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