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Gastbeitrag Deutsche Kriegslügen

Deutschland hat den Ersten Weltkrieg bewusst entfesselt. Diese Erkenntnis hat sich bis heute nicht überall durchgesetzt.

26.08.2014 15:10
Von Wolfram Wette

Kaum jemals in der Weltgeschichte ist die Wahrheit so verdreht worden wie in Deutschland während der Julikrise 1914. Die Spätfolgen sind noch heute, 100 Jahre danach, mit Händen zu greifen: Historiker schwadronieren über Schlafwandler, die in einer komplexen Konfliktlage angeblich nicht wussten, was sie taten, als sie den Weltkrieg entfesselten.

In der Welt von 1914 war der Krieg noch nicht verboten. Das geschah erst mit dem Briand-Kellogg-Stresemann-Pakt von 1929. Aber in den Bevölkerungen der europäischen Nationalstaaten besaß der Angriffskrieg schon seit dem 19. Jahrhundert keine allgemeine Akzeptanz mehr. Großmächte wie Russland, England und Frankreich suchten den Krieg als Mittel der Politik zugunsten friedlicher Lösungen zu überwinden. Solche Bemühungen sind allerdings auf den Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 hauptsächlich an Deutschland gescheitert.
Die in ihrer großen Mehrheit friedliebenden Menschen waren bereit, ihr Land zu verteidigen, nicht aber, sich für Eroberungen missbrauchen zu lassen. Daher mussten kriegswillige Regierungen bestrebt sein, ihre Absichten vor der Bevölkerung des eigenen Landes zu kaschieren und eine Verteidigung vorzutäuschen. Genau nach diesem Muster agierte die deutsche Reichsleitung in der Julikrise 1914, angeführt von Reichskanzler Theobald v. Bethmann Hollweg.

Er war sich darüber im Klaren, dass sich der industrialisierte Volkskrieg der Zukunft nur mit Aussicht auf Erfolg führen ließ, wenn es gelang, die Industriearbeiterschaft und ihre Organisationen – die Sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften – mit ins Boot der nationalen Kriegspolitik zu holen. Das war nicht einfach. Denn in diesen Kreisen wurde ein möglicher Zukunftskrieg als „verbrecherischer Wahnsinn“, als „Massenmord“ und als „Attentat gegen Menschlichkeit und Vernunft“ angesehen und verworfen. Gleichzeitig betrachtete man einen Krieg zur Verteidigung des Landes jedoch als legitim, dies zumal, wenn zum Beispiel die Aggression von dem als reaktionär, despotisch und kulturfeindlich eingeschätzten Russland ausgehen sollte.

Tatsächlich gelang es Theobald von Bethmann Hollweg in der Julikrise von 1914 durch eine geschickte Regie, mit der wahrheitswidrigen Behauptung den Eindruck zu erwecken, Deutschland sei nichts anderes übriggeblieben, als auf die russische Generalmobilmachung zu reagieren. Am Abend des 31. Juli 1914 verkündete Kaiser Wilhelm II. auf einer patriotischen Kundgebung vor dem Berliner Schloss: „Neider zwingen uns zu gerechter Verteidigung. Man drückt uns das Schwert in die Hand.“ Der Reichskanzler sekundierte: „Sollte uns das Schwert in die Hand gezwungen werden, so werden wir ins Feld ziehen mit gutem Gewissen und dem Bewusstsein, dass nicht wir den Krieg gewollt haben.“

Am 1. August erklärte das Deutsche Reich Russland den Krieg. Die Kriegserklärung an Frankreich erfolgte am 3. August. Einen Tag später verkündete Wilhelm II. im Reichstag, was ihm Bethmann Hollweg vorformuliert hatte: „In aufgedrungener Notwehr mit reinem Gewissen und reiner Hand ergreifen wir das Schwert.“ Gleichzeitig beschwor er unter stürmischem Beifall der Abgeordneten die innere Einigkeit des deutschen Volkes mit dem Satz: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche.“

Bethmann Hollweg hatte sein Ziel erreicht. Er konnte nun vor dem Reichstag seine historische Verteidigungslüge präsentieren: „Russland hat die Brandfackel an das Haus gelegt. Wir stehen in einem erzwungenen Kriege mit Russland und Frankreich.“

Im Hinblick auf Frankreich belog der Reichskanzler die Abgeordneten zusätzlich mit den völlig aus der Luft gegriffenen Behauptungen: „Bombenwerfende Flieger, Kavalleriepatrouillen auf reichsländisches Gebiet, eingebrochene französische Kompagnien! Damit hat Frankreich, obwohl der Kriegszustand noch nicht erklärt war, den Frieden gebrochen und uns tatsächlich angegriffen.“

Mit der Manipulation, den eigenen Willen zum Krieg in einen Verteidigungskrieg umzulügen, drängte Bethmann Hollweg die zögernde Sozialdemokratie, die noch kurz zuvor deutschlandweit Friedensdemonstrationen organisiert hatte, dazu, eine Verteidigungssituation anzunehmen, in der sie sich dem Vaterland nicht verweigern wollte. Gegen den Willen von 14 ihrer Mitglieder bewilligte die aus 110 Abgeordneten bestehende SPD-Reichstagsfraktion daraufhin die ersten Kriegskredite. Der Chef des Marinekabinetts, Admiral Georg von Müller, freute sich über den gelungenen Coup des Reichskanzlers und notierte am Abend des 4. August: „Stimmung glänzend. Die Regierung hat eine glückliche Hand gehabt, uns als die Angegriffenen hinzustellen.“

Der prominente Reichstagsabgeordnete und Theoretiker des Revisionismus, Eduard Bernstein, der zum rechten Flügel der SPD zählte, stimmte am 4. August 1914 im Glauben an die Rechtmäßigkeit der deutschen Sache im Reichstag für die Kriegskredite. Aber bereits im Oktober 1914, nach dem Studium veröffentlichter Dokumente zum Kriegsbeginn, erkannte er: „Die deutsche Regierung ist der Hauptschuldige am Kriege; wir sind eingeseift worden; die Bewilligung der Kriegskredite war ein Fehler.“

Bei den meisten Deutschen hat sich diese Erkenntnis auch später nicht durchgesetzt, bei vielen sogar bis heute nicht.

Wolfram Wette ist Professor für Neueste Geschichte am Historischen Seminar in Freiburg und Mitbegründer des Arbeitskreises Historische Friedensforschung.

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