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Gastbeitrag Der linke Liberale

Wer Friedrich Naumann als Chauvinisten abstempelt, verkennt den bedeutenden Demokraten. Wer in ihm nur den FDP-Vordenker sieht, wird ihm auch nicht gerecht.

16.02.2011 15:26
Erhard Eppler
Erhard Eppler war Bundesminister und langjähriger Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission. Foto: dpa

Friedrich Naumann, 1860 geboren, war ein evangelischer Theologe, der zuerst im Rauhen Haus in Hamburg und dann als Seelsorger in einer Gemeinde von Textilarbeitern erfuhr, wie das Leben eines Arbeiters oder einer Arbeiterin um 1890 aussah. Er schlug sich auf ihre Seite und war überzeugt, dabei in der Nachfolge Jesu Christi zu handeln. Was er „christlich-sozial“, manchmal sogar „christlichen Sozialismus“ nannte, stieß in seiner mehrheitlich stockkonservativen Kirche auf empörten Widerspruch. Daher nannte er später seinen Verein nicht mehr „christlich-sozial“ sondern „national-sozial“. Der Amtskirche setzte er sein Bekenntnis entgegen: „Solange es Menschengeschichte gibt, wird es Sünde und Elend geben. Aber ebenso lange wird es christlich sein, die Finsternis hell zu machen, Sklavenketten zu brechen und Höhlen in Häuser zu verwandeln.“

Für Liberale muss dieses Credo sehr fremd geklungen haben. Da glaubte einer nicht an den Fortschritt und sah Sklavenketten in einem Land, in dem vor dem Gesetz doch alle gleich waren.

Als Naumann einsehen musste, dass seine kleine Partei – die nie mehr als 2700 Mitglieder hatte – keine Chance hatte, blieb nur die Wahl zwischen Resignation und der Einordnung in eine lebensfähige Partei. Einige Naumannianer schlossen sich den Sozialdemokraten an. Naumann selbst stieß zur „Freisinnigen Vereinigung“, weil er wohl fürchtete, dass eine so profilierte Figur wie er, zudem Theologe, in einer so disziplinierten Partei anecken würde. In Preußen – und das waren um 1900 zwei Drittel Deutschlands – gab es mindestens zwei liberale Parteien. Nationalliberale gehörten zu den Stützen der Monarchie, die linken Liberalen, die sich 1910 zur „Fortschrittlichen Volkspartei“ zusammenschlossen, eher zu ihren Kritikern. Naumann zog 1903 die linken Liberalen vor, weil er dort eher eine Chance sah, seine Vorstellungen durchzusetzen. Und das tat er dann mit der ihm eigenen Sprachgewalt.

Naumann unterschied in vielen Vorträgen und Schriften zwischen einem „älteren“, manchmal auch „theoretischen“ oder „formalen“ Liberalismus und einem „neuen“ oder auch „praktischen“ Liberalismus. Der alte, formale, theoretische Liberalismus propagierte den freien Markt und also den Freihandel mit allem, auch mit der Arbeitskraft. Der praktische, neue Liberalismus jedoch wusste, „dass nur der frei sein kann, der weiß, wovon er die nächsten vier Wochen lebt.“ Genau so argumentierten die Sozialdemokraten, und Naumann wusste dies. So konnte er definieren: „Der Sozialismus ist die denkbar weiteste Ausdehnung der liberalen Methode auf alle modernen Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse.“ Sein „praktischer Liberalismus“, zu Ende gedacht, ergab das, was im Godesberger Programm „demokratischer Sozialismus“ heißt.

Begeistert vom Werk Bismarcks

Naumann hat sich bis zu seinem frühen Tode auf der linken Seite der politischen Skala eingeordnet. Er suchte „die Mehrheit links vom Zentrum“. Naumann hat 1918 die „Deutsche Demokratische Partei“ mitgegründet. Sie sollte, anders als die „Deutsche Volkspartei“ Gustav Stresemanns, eine Stütze der Republik sein in einer Koalition mit den Sozialdemokraten. Das blieb sie auch. Dass ihr die Wähler davonliefen, hatte viele Gründe. Einer war, dass Naumann schon im August 1919, 59-jährig, starb.

Naumann war, wie viele aus dieser Generation, begeistert vom Werk Bismarcks, dem Deutschen Reich. Ein Chauvinist war er nicht – oder nur einmal in seinem Leben, als er die Hunnenrede seines Kaisers verteidigte. Das hat er bedauert, als er, immerhin sechs Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, diesen Kaiser durchschaute. Sein Buch über „Mitteleuropa“ skizziert nicht die Herrschaft einer Herrenrasse über ihre Nachbarn, sondern einen föderalen Zusammenschluss Mitteleuropas zu einer Wirtschaftsgemeinschaft unter deutscher Führung. Das war weit weniger unvernünftig als die Annexionspläne, die damals sogar einem Stresemann einleuchteten. Kein Wunder, dass Naumann sich später für die Friedensresolution des Reichstags verkämpfte, die von der deutschen Rechten, später von den Nazis, als Verrat denunziert wurde.

Dass die heutige FDP – und noch mehr ihre Naumann-Stiftung – für einen Liberalismus steht, den Naumann leidenschaftlich bekämpft hat, ist verwunderlich, aber keine Schande. Aus dem National-Sozialen Verein (1896–1903) einen Vorläufer der Nazis zu machen, ist nicht einmal den Nazis selbst eingefallen. Mit diesem Verein hat sich Naumann vom antisemitischen Hofprediger Stöcker abgesetzt.

Der europäische Sozialstaat ist in mehr oder minder demokratischen Nationalstaaten entstanden. In diesen Kontext gehört Friedrich Naumann. Mit jenem Bündel aus Ressentiments, das die Nazis schnürten: Antiliberalismus, Antisozialismus, Antisemitismus, Antihumanismus, mit Rassismus und Neuheidentum hatte Naumann nichts zu tun.

Erhard Eppler war Bundesminister und langjähriger Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission. Er antwortet auf FR-Beiträge von Götz Aly (25.1.) und Wolfgang Gerhardt (3.1.2011).

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