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Gastbeitrag Das Klima ist ungerecht

Bei der Konferenz zur Erderwärmung müssen die Staaten aufhören, nur nach der Verteilung der Lasten zu fragen. Jedes Zögern macht die Situation noch ungerechter – für die am stärksten betroffenen Menschen und alle zukünftigen Generationen. Ein Gastbeitrag.

23.11.2014 15:19
Nannette Lindenberg
Dürre in Sao Paulo. Foto: REUTERS

Nächste Woche werden 195 Staaten zum 20. Mal zur jährlichen UN-Klimakonferenz zusammenkommen. Bei dem diesjährigen Treffen in Lima soll ein Post-Kyoto-Protokoll zum Kampf gegen den Klimawandel vorbereitet werden, das – so zumindest der Plan – im kommenden Jahr in Paris beschlossen werden soll. Was jedoch allgemein übersehen wird: Die Bemühungen, ein gerechtes Abkommen zu verhandeln, sind von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn einen gerechten Klimapakt kann es nicht geben.

Seit über fünf Jahren ringen die Vertragsstaaten miteinander, um ein Nachfolgeabkommen für das bereits 2012 ausgelaufene und nur halbherzig bis 2020 verlängerte Kyoto-Protokoll zu beschließen. Dabei ist der Dreh- und Angelpunkt die Frage der Gerechtigkeit. Wer soll wie viel von der Last übernehmen? Stehen die Industrieländer, die jahrzehntelang nicht einen Pfifferling für Klimaschutz gegeben haben und die im 20. Jahrhundert rasant gewachsen sind, in einer historischen Verantwortung? Ist es nicht nur gerecht, wenn die heutigen Schwellenländer für sich das gleiche Verhalten und Wirtschaften einfordern? Aber wo bleiben dann die Entwicklungsländer? Was passiert mit den kleinen Inselstaaten, deren Existenz durch den Klimawandel bedroht ist?

Ich bin mir sicher, die Delegationen könnten jahrelang weiter diskutieren und verhandeln, ohne eine Einigung zu erzielen. Der Grund dafür ist, dass die grundeigenste Eigenschaft des Klimawandels seine Ungerechtigkeit ist. Die sich verändernden Klimabedingungen kennen keine Gerechtigkeitsüberlegungen. Allzu häufig sind die Ärmsten und Schwächsten am stärksten von den Auswirkungen betroffen.

Versicherung gegen Starkregen ist teuer

Das gilt zuallererst für die arme Bevölkerung in vielen Entwicklungsländern – häufig vor allem für Kinder und Frauen, die oftmals sowieso schon benachteiligt sind. Aber auch in Deutschland werden die verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft oft am stärksten von den immer häufiger auftretenden Unwettern getroffen. Rückstausicherungen für Abwasserrohre oder komplette Umbauten der Kellergeschosse mit wasserundurchlässigen Materialien sind eben nicht günstig, und auch eine Versicherung gegen Starkregen muss man sich erst einmal leisten können.

Oftmals verquicken sich zudem die negativen Auswirkungen der Globalisierung auf verhängnisvolle Weise mit denen des Klimawandels. Man denke etwa an Überfischung durch den industriellen Fischfang kombiniert mit Fischsterben durch die Erwärmung des Meeres, die es kleinen Fischern in Entwicklungsländern unmöglich machen, ihre Familien zu ernähren. Aber Beispiele gibt es auch bei uns: Im Sommer hatte meine kleine Tochter Monstermückenstiche, die über eine Woche höllisch wehgetan haben. Verursacht wurden sie von einer asiatischen Buschmücke, deren Larven vermutlich durch den weltweiten Handel mit Altreifen oder in den Reagenzgläsern, in denen asiatischer Glücksbambus importiert wird, ihren Weg zu uns gefunden haben. Dank des Klimawandels fühlt sich diese ursprünglich aus Korea und China stammende Mücke bei uns in Bonn so richtig pudelwohl und piesackt kleine Kinder. Gerecht finde ich das nicht.

Aber ich will gar nicht aus einer Mücke einen Elefanten machen. Im Kontext der Verhandlungen der UN-Klimakonferenz ist diese Anekdote völlig irrelevant. Relevant jedoch ist, dass sich die Ungerechtigkeit des Klimawandels bis ins Kleinste fortsetzt. Relevant ist auch der Elefant in den Räumen der Klimakonferenz – wie man im Englischen sagt, wenn es ein offensichtliches Problem gibt, das niemand anspricht. Nämlich: dass der Versuch einer gerechten Aufteilung der Lasten im Kampf gegen ein so durch und durch ungerechtes Phänomen wie den Klimawandel zum Scheitern verurteilt ist. Und das Brisante daran ist: Jedes Zögern und Zagen macht die Situation noch ungerechter – für die heute am stärksten betroffenen Menschen und für alle zukünftigen Generationen. Wir alle werden uns von unseren Kindern und Enkeln fragen lassen müssen, weshalb wir so viel Zeit mit völlig unsinnigen Diskussionen verschwendet haben.

Gerecht und fair wäre es, wenn jedes Land sich zunächst an die eigene Nase fasste und überlegte, was die maximale Anstrengung ist, die es selber im Kampf gegen den Klimawandel leisten kann. Wenn diese Maximalanstrengung definiert ist, sollten die Delegationen noch einen ambitionierten Schritt weiter gehen – ganz unabhängig davon, was die anderen zusagen werden. Gerecht wäre es zudem, wenn wir – damit meine ich uns reiche Industrieländer – dann unabhängig davon auf die Entwicklungs- und Schwellenländer zugehen und ihnen mit Respekt (für ihre Anstrengungen) Unterstützung für ihre Entwicklung zu grünen Gesellschaften anbieten würden. Und das wäre nicht einmal altruistisch, denn unsere Innenminister diskutieren momentan nahezu täglich, wie man Flüchtlingsströme gerecht lenken kann. Am wünschenswertesten für die Millionen potenzieller Klimaflüchtlinge wäre es schließlich, wenn sie bei sich zu Hause menschenwürdig leben könnten.

Meine Tochter hat ihre Mückenstiche längst vergessen und ist gerade dabei, ihren ersten Wunschzettel ans Christkind zu schreiben. Für sie und alle anderen kleinen Leute füge ich hinzu: „Lass die großen Leute in Lima die Weisheit haben, gar nicht erst nach DEM gerechten Klimaabkommen zu streben.“ Vielleicht dürfen wir dann auf einen ambitionierten Klimapakt hoffen, der der Ungerechtigkeit des Klimawandels die Stirn bieten kann.

Dr. Nannette Lindenberg ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung „Weltwirtschaft und Entwicklungsfinanzierung“ des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE).

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