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Wirtschaftswissenschaften Kein Raum für Dogmen an Unis

Die Wirtschaftswissenschaften müssen reformiert werden, um modernen Ansprüchen zu entsprechen. Das wird nicht einfach.

Absolventen der Howard Universität in Washington
Moderner Anspruch statt Doktorhut mit Quaste - das benötigen die Wirtschaftswissenschaften (Symbolbild). Foto: rtr

Der Zustand der Wirtschaftswissenschaften in Forschung, Lehre und Politikberatung ist kritisch: Die herrschende Lehre – der neoklassische Mainstream – ähnelt in seiner dogmatischen Einseitigkeit eher einer Glaubenslehre als einer wissenschaftlichen Disziplin. Ihr muss man sich unterwerfen oder man wird als Wissenschaftler nicht ernst genommen. 

Studentische Forderungen nach einer kritischeren Betrachtung marktwirtschaftlicher Prozesse, einer Öffnung des Lehrkanons für ignorierte Theorien und ebenso vernachlässigte Themen werden mit dem Hinweis auf die Lehrfreiheit und die Entwicklung der Disziplin, in der sich die beste Theorie nun einmal durchgesetzt habe, an die Dogmengeschichte verwiesen. Und in pluralistische Gesellschaften finden jene Gruppen kaum noch Ansprechpartner in der wissenschaftlichen Politikberatung, die jenseits des technokratischen ‚There is no Alternative‘-Mantras Raum für Diskussionen und alternative Politikgestaltung wünschen.

Vergegenwärtigt man sich, dass ähnliche Klagen in den frühen 1990er Jahren in einen von Nobelpreisträgern mitgetragenen Aufruf zur „Pluralisierung der Wirtschaftswissenschaften“ mündeten, wird ebenso die Berechtigung der Forderung nach einem Wandel der Disziplin wie auch die immense Widerstandskraft des Mainstreams deutlich. 

Die Akzeptanz verschiedener Theorieschulen (Paradigmen) ist nicht etwa unwissenschaftlicher Relativismus, sondern der Imperativ einer Sozialwissenschaft, die sich mit menschlichem Verhalten in komplexen Umwelten befasst. Und die Verdrängung alternativer Paradigmen hat schon heute dazu geführt, dass eine wirksame Transformation der Wirtschaftswissenschaften dort an Grenzen stößt, wo plural ausgebildete Wissenschaftler benötigt würden. 

Es ist höchste Zeit, in die konkrete Phase der Transformation der Disziplin einzutreten. Es geht darum, Bedingungen für eine florierende Disziplin zu schaffen: Die Universitäten hierzulande müssen einen Grad an Pluralität garantieren, so das wissenschaftliche Diskurse über die bessere Realitätsinterpretation ebenso wieder Teil der disziplinären Kultur werden, wie Studierende zwischen alternativen Herangehensweisen wählen können und auch in der Politikberatung – wie etwa im Sachverständigenrat – der Disput über alternative Handlungsoptionen wieder zum Normalfall wird. 

Tatsächlich gibt es bereits zarte Pflänzchen des Wandels: der Masterstudiengang „Plurale Ökonomik“ an der Universität Siegen, der sozialökonomische Studiengang an der Universität Duisburg-Essen und die von der neuen Landesregierung in Schleswig-Holstein versprochene Professur für plurale Ökonomik. Dies ist quantitativ wenig, aber immerhin sind erste Zeichen der Transformation gesetzt.

Allerdings muss das Ziel der Transformation klarer beschrieben werden, um Widerstände zu minimieren und die Unterstützung zu bündeln. Folgende Transformationspfade werden diskutiert. Sie lassen sich stichwortartig aufzählen. Dabei geht es um einen Paradigmenwechsel; die Aufwertung nichtformal-mathematischer Methodik, die Pluralisierung unter Beibehaltung des Positivismus als allgemein akzeptierte Methodologie. die Pluralisierung mit weitreichender methodologischer Öffnung; oder die Aufgabe des „Objektivitätsanspruchs“ der Disziplin zugunsten einer eingreifenden Wissenschaft mit normativem Anspruch. 

Sowohl Umfang als auch Stoßrichtung der verschiedenen Transformationspfade sind unterschiedlich – so dürften die beiden letztgenannten Pfade allein deshalb völlig chancenlos sein, weil damit die historische Ausdifferenzierung der Sozialwissenschaften in Ökonomik und Soziologie zurückgenommen werden würde. Selbst eine wünschenswerte Interdisziplinarität kann dies kaum gutheißen. 

Ein Paradigmenwechsel würde nicht die geforderte Pluralisierung ermöglichen, sondern nur ein dominantes Paradigma durch ein anderes ersetzen – auch dies kann nicht ernsthaft gefordert werden. 

Bleiben die Aufwertung nichtformal-mathematischer Methodik und Pluralisierung unter Beibehaltung des Positivismus als allgemein akzeptierte Methodologie. Diese beiden Transformationspfade gilt es zu beschreiten, indem sich die Träger der Wissenschaftspolitik und der akademischen Wirtschaftswissenschaft in Deutschland – allen voran die Wissenschaftsministerien, der Wissenschaftsrat, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Verein für Socialpolitik – zu einer solchen Transformation bekennen und Anreize schaffen, die die Universitäten im Lande endlich dazu bringen, Paradigmenpluralität als kulturelles Kapital zu verstehen. 

Arne Heise ist Ökonom und Direktor des Zentrums für Ökonomische und Soziologische Studien an der Universität Hamburg.

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