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Verkehr Neue Ideen für Mobilität statt Beton

Die Regierung muss den Verkehr besser organisieren, damit die Menschen weder im Stau stehen noch in überfüllten Zügen sitzen. Ein Gastbeitrag.

Die Spaltung des Landes in prosperierende Metropolen und abgehängter Peripherie setzt sich weiter fort Foto: Julian Stratenschulte (dpa)

Mit Verkehrsinfrastruktur lässt sich Gutes erreichen, denn Mobilität ist ein menschliches Bedürfnis. Es lässt sich mit Infrastruktur aber auch viel Geld verbrennen, wenn unklar ist, welche Ziele Infrastruktur erreichen soll. Die Ziellosigkeit der deutschen Verkehrspolitik in den letzten Jahren macht sich bemerkbar, dass man hierzulande viel Beton in die Landschaft gießt, ohne zu wissen, welche Infrastrukturen gebraucht werden.

So ist es kaum verwunderlich, dass seit Mitte der 1990er Jahre das deutsche Autobahnnetz um fast 1900 Kilometer wuchs, während in der gleichen Zeit das Fernverkehrsnetz der Deutschen Bahn um 3700 Kilometer schrumpfte.

Für Städte wie Potsdam, Heilbronn, Chemnitz, Siegen oder Trier ging der Fernverkehrsanschluss gar verloren. Insgesamt verschwanden rund 220 Städte von der Fernverkehrslandkarte der Bahn. Vollkommen widersprüchlich wird das jahrelange Schrumpfen des Bahnfernverkehrs, wenn die Bahn jedes Jahr neue Fahrgastrekorde meldet.

Nicht nur der Frankfurter Hauptbahnhof gleicht seit Jahren einem Nadelöhr, während anderswo in nahezu menschenleeren Regionen die Autobahnen wie Pilze aus dem Boden schießen. Mit sicherem Instinkt für politische Landschaftspflege entstand so die Ostseeautobahn A20, die östlich von Rostock über fast 250 Kilometer keiner einzigen Großstadt dient. Die Autos, die man täglich dort zählt, werden locker von jeder Bundesstraße einer mittelgroßen deutschen Stadt geschlagen.

Zugleich verstärken milliardenschwere Bahnprojekte wie Stuttgart 21 die Verkehrsprobleme in den Ballungsräumen. Anstatt mehr Regionen an den Fernverkehr anzubinden und das Bahnnetz in der Fläche zu stärken, wird man ernüchtert außer einigen Minuten Zeitgewinn zwischen den Metropolen Stuttgart und München nicht viel spüren.

Die Spaltung des Landes in prosperierende Metropolen und abgehängter Peripherie setzt sich weiter fort, mehr Menschen ziehen in die Großstädte, die Verkehrsprobleme verschärfen sich. Gerade in den Stoßzeiten sind die Straßen mit Autos verstopft, die kaum mit mehr als einer Person ausgelastet sind. Zeitgleich quetschen sich viele Menschen in überfüllte Busse und Bahnen.

Dass sich der Staat aus seiner Aufgabe, in der Fläche guten Bahnverkehr zu organisieren, immer weiter zurückzieht, ganze Regionen abgehängt werden, während zeitgleich neue Autobahnschneisen durch fast unberührte Landschaften gezogen werden, ist nicht nur eine Frage von Prioritäten. Sie belegen auch die politische Ideenlosigkeit.

Hätte der letzte Ressortminister Alexander Dobrindt sein Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur richtig verstanden, so wäre mit digitaler Technologie auf unseren Verkehrsnetzen der Neubau von Autobahnen verzichtbar, während die Bahn einen Quantensprung hinlegen könnte.

Nach Einschätzungen von Fachleuten sind mit der digitalen Bahn rund 20 Prozent mehr Kapazität möglich. So ließen sich die Bahnnetze unserer Städte besser nutzen und Investitionen auf den Ausbau der entscheidenden Infrastrukturlücken konzentrieren. Wenn intelligente Technologie das bloße Vergießen von Beton als Leitdisziplin in der Verkehrspolitik ablöst, haben dann auch die vielen Bahnstrecken, die seit Jahren und Jahrzehnten den Dornröschenschlaf dahindämmern, auch wieder eine Chance zum Leben erweckt zu werden. Die Frage, ob ganze Regionen von Bahnfernverkehr abgehängt werden, würde sich nicht mehr stellen. Der ländliche Raum stünde nicht mehr als Synonym für Abgehängtsein.

Die Zeiten, in denen viel gutes Geld nach dem Gießkannenprinzip über das Land geworfen wird, damit Verkehrsminister unbesiedelte Landstriche zu beleuchteten Ackerflächen mit Autobahnanschluss umpflügen, während der Bahnverkehr jenseits der Metropolen ein trauriges Schattendasein fristet, haben in Zeiten der Digitalisierung endgültig ihre Daseinsberechtigung verloren. Trotz digitaler Technologien setzt das großkoalitionäre Deutschland noch immer auf die alte wie längst überholte Idee des „Immer mehr Beton“.

Es wird Zeit, dass die große Koalition einen Verkehrs- und Digitalminister – oder auch mal eine Verkehrs- und Digitalministerin – ernennt, bei dem oder der mehr zu erwarten ist als das „immer mehr vom immer Gleichen“. Eine Person, die hinterfragt, wie die Pendler nicht alle zum gleichen Zeitpunkt in die Bahnen strömen, die Autobahnen tagein, tagaus auf den immergleichen Abschnitten verstopfen. Die vielen Menschen, die morgens und nachmittags dicht gedrängt im Stau und in den Bahnen stehen, würden es danken.

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