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US-Wahlen 2016 Das getrumpte Land

Donald Trump hat im US-Wahlkampf einen großen Schaden angerichtet. Mit den Folgen werden die USA noch lange zu kämpfen haben.

25.10.2016 16:09
Tobias Endler
Donald Trump lotet die Grenzen des Sagbaren aus. Foto: rtr

„Ich lasse euch noch ein wenig zappeln.“ So lapidar antwortet Donald Trump im letzten TV-Duell gegen Hillary Clinton auf die Frage, die sich eigentlich nicht stellen sollte: Ob er denn im Fall seiner Niederlage das Ergebnis anerkennen werde? Trumps Replik ist ein Affront in der ältesten existierenden Demokratie der Welt. Amerika hält viel auf seine demokratische Tradition, auf das Vertrauen darauf, dass der Verlierer im Rennen um das mächtigste Amt den Führungsanspruch des Siegers akzeptiert: Noch in der Wahlnacht gratuliert der Unterlegene seinem Konkurrenten per Telefon. Es folgt eine große Concession Speech, die im Wahlkampf gerissene Wunden heilen helfen soll, im Sinne und zum Nutzen der Nation.

Schon jetzt formulieren US-Medien – nur halb im Scherz – stellvertretend für Trump dessen Erklärung zur Niederlage am 8. November. Viele trauen dem unberechenbaren Egomanen mittlerweile zu, sich diesem Brauch zu verweigern. Ein absurdes Spektakel all dies, allenfalls von gespenstischer Komik – wären da nicht die gravierenden Folgen der politischen Schmierenkomödie 2016. Schon jetzt ist klar, dass Trump, der nach seinem Politikstunt wieder auf das angestammte Territorium der Reality-TV-Shows zurückkehren wird, sein Land schwer in Mitleidenschaft gezogen hat. Er ist allerdings nur der Katalysator eines destruktiven Trends, der sich schon länger abgezeichnet und seine Kandidatur erst möglich gemacht hatte.

Viele Republikaner fügen sich derweil in ihr Schicksal und setzen auf einen Neustart nach den Wahlen, zu dem sich die Partei durchringen werde, sobald das Ausmaß der Verwüstung sichtbar wird: Mittlerweile droht der ehrwürdigen Partei Lincolns gar der politische GAU, nämlich neben der Präsidentenwahl auch ihre Mehrheiten im Senat und Repräsentantenhaus zu verlieren. Wer will, kann freilich schon jetzt erkennen, wie rissig die ideologischen Grundfesten der Grand Old Party geworden sind, der konservative Wertekanon, die Liberalität in Wirtschaftsfragen, das Modell abschreckender Stärke in der Außen- und Sicherheitspolitik.

Seit Anfang der 80er Jahre haben diese Grundfesten ein Dach getragen, das die Partei weit gespannt hatte, von den Evangelikalen und der Arbeiterschaft am einen Ende bis hin zum libertären Großunternehmertum am anderen. Trump bringt nun das gesamte Gebäude ins Wanken: zweifach geschieden, sprachlich verroht, kein Bezug zur Kirche, mit laxer Einstellung zur Abtreibung – das sind nicht die Werte der Altvorderen. Gegen den Freihandel, gegen eine proaktive oder gar offen interventionistische Außenpolitik: Trump steht mit den Wirtschaftsliberalen genauso auf Kriegsfuß wie mit den neokonservativen Falken.

Den Partei-Granden ist klar, dass sie keine Wahl haben: Sie werden ihre Einstellung zu Freihandel und illegaler Einwanderung in den Niedriglohnsektor ändern. Letzteres wurde bisher oft stillschweigend hingenommen, weil die großen Unternehmen davon profitieren.

Die Partei wird außerdem ihr Mantra des Widerstands gegen einen interventionistischen Staat aufweichen, weil gerade die älteren Wähler im Land zunehmend auf soziale Leistungen angewiesen sind. Die Menschen erkennen, dass die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt nicht zuletzt mit einer der heiligen Kühe der Republikaner zusammenhängt, der Deregulierung, und diese sind endlich bereit, jene Kuh zu schlachten. Mit zur Schlachtbank geführt wird das bisher eherne Prinzip der Steuererleichterungen für die Reichen, welches der Basis nicht mehr länger zu vermitteln ist. Kurz: Es zeichnet sich ab, dass viele Anhänger der Konservativen künftig schlicht wieder in ihrem Interesse statt gegen ihre Interessen wählen.

Gravierende Schneise der Verwüstung

Aus dieser Warte könnte man dem Wüten Trumps gar etwas Positives abgewinnen. Deutlich bedrohlicher als für die Republikanische Partei erscheinen die Konsequenzen hingegen für das Land als Ganzes. In der Politiklandschaft der USA wurde im Verlauf der letzten anderthalb Jahre mit großer Wucht an den Wurzeln des demokratischen Selbstverständnisses gezerrt, und es ist noch nicht ausgemacht, wann die Debattenkultur der Nation, die konstruktive Auseinandersetzung im Diskurs wieder vollständig nachgewachsen ist.

Die Schneise der Verwüstung ist gravierend, und dies ist umso gefährlicher, als sie zwar tief geht, für den Durchschnittsbürger, eingebunden in die Strapazen und Sorgen des Alltags – Arbeitsplatz, Hypotheken, Ratenzahlungen – aber nicht unbedingt auf Anhieb zu erkennen ist. Zunächst sticht eine Verschiebung des Spektrums politischer Visionen ins Reaktionäre ins Auge. Leitlinien und Handlungsentwürfe, die längst überholt schienen, werden wieder salonfähig. Beispiel Freihandel: Hillary Clinton wird sich Trumpschen Positionen annähern müssen, um einige seiner Unterstützer in ihr Lager zu locken oder zumindest Unentschlossene von der Stimme für Trump abzuhalten. Faktisch hat Clinton bereits die Kehrtwende vollzogen: Sie, die das transpazifische Handelsabkommen TPP lange Zeit unterstützt hatte, lehnt es nun ab, und damit implizit auch TTIP.

Darüber hinaus wird eine Gewöhnung aller an das Ordinäre und Vulgäre sichtbar. Trump lotet die Grenzen des Sagbaren aus. Acht von zehn Aussagen, die er tätigt, sind falsch oder grob verzerrend. Als Trump vor über 70 Millionen Zuschauern das letzte Tabu bricht und sich offenhält, ob er sich in eine Niederlage fügen würde, ist selbst die abgebrühte Clinton sprachlos. Das sei „furchterregend“. Auch in dieser Hinsicht ist Amerika dieser Tage das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Tobias Endler koordiniert die Forschungsabteilung am Heidelberg Center for American Studies.

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