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Umweltschutz Konzentration auf Plastiktüten ein Ablenkungsmanöver?

Gegen den Müllberg aus Plastik hilft es nicht, nur über Tüten zu sprechen. Benötigt werden ganz andere Lösungen. Der Gastbeitrag.

Umweltschutz
Das Hauptproblem ist der Verpackungsmüll. Foto: epd

Als Wissenschaftlerinnen, die sich mit dem Thema Plastik in der Umwelt beschäftigen, freuen wir uns darüber, dass das Bewusstsein für die Probleme, die das immense Plastikaufkommen in der Umwelt verursacht, ganz offensichtlich wächst. Bilder von Plastikmüll schaffen es auf die Titelseiten von Zeitungen, TV-Magazine berichten über Mikroplastik in Flüssen und den Weltmeeren. Dann kommt sie ja jetzt endlich, die gesellschaftliche Debatte, die wir so dringend brauchen, wenn wir eines der größten Umweltprobleme der Gegenwart in den Griff bekommen wollen, so dachten wir. Aber danach sieht es nicht aus. Was ist passiert?

Eine europaweite Fahndung wurde ausgerufen, die die große Welle der Empörung auf einen Nebenschauplatz gelenkt hat: an die Supermarktkasse. Dort wurde die Schuldige schnell gefunden. Unsere bis dahin tägliche Begleiterin, die Plastiktüte. Lösungsorientiert und voller Tatendrang hat die EU eine Reduktion der Plastiktüten in ihre Verpackungsrichtlinie aufgenommen, und ein großer Handelskonzern macht vor, wie Nachhaltigkeit (angeblich) geht: Die Plastiktüte wurde von den Kassen verbannt und so konsequent wie werbewirksam durch Papiertüten ersetzt.

Dabei wissen wir längst: Die Plastiktüte schneidet in der Ökobilanz besser ab als ihre angebliche Alternative aus Papier – nicht nur mit Blick auf die seltenere Wiederverwendbarkeit. Das mag manche verblüffen, aber die Herstellung einer Papiertüte ist besonders energieintensiv und verbraucht viel Wasser.

37 Kilo Verpackungsmüll pro Kopf und Jahr

Und weil Chemikalien für die Reißfestigkeit benötigt werden, ist die Papiertüte keinesfalls eine ökologische Alternative, sondern kommt schlechter weg als eine Plastiktüte aus dem Kunststoff Polyethylen. Allerdings vermittelt die Papieroptik, die Tragetasche käme aus der Natur. Verbraucher haben deshalb „so ein Gefühl“, sie täten etwas Gutes.

Auch den Handelskonzernen, die die Papiertüte stark propagieren und mit Aufschriften wie „Hallo, Umwelt!“ versehen, und so suggerieren, Kundin oder Kunde retteten im Supermarkt die Natur, dürfte das bekannt sein. Warum setzen Märkte trotzdem auf die Papiertüte? Weil sie demonstrieren wollen, dass sie der Vermüllung der Meere durch Plastik entgegenwirken möchten? Das ist in der Tat ein wichtiges Ziel, das bei den Konsumenten gut ankommt. Die Bilder von Schildkröten, die sich in Plastiktüten verheddern, sind grausam und berühren uns. Aber die Konzentration auf die Plastiktüte wirkt angesichts der weltweiten Produktion von Hunderten Millionen Tonnen Plastik im Jahr und der unsachgemäßen Entsorgung mit Endstation in den Weltmeeren und Ozeanen wie ein Ablenkungsmanöver.

Im Klartext: Meerestiere werden nicht zu retten sein, wenn wir als Gesellschaft nicht bereit sind, uns etwa mit den Zahlen einer aktuellen Nabu-Studie für den Plastikmüll in Deutschland zu konfrontieren. Dann sieht man, dass der Großteil des Plastikmülls durch Verpackungen zustande kommt – 37 Kilo Verpackungsmüll pro Kopf und Jahr.

Hunderte von neuen „To-go-Filialen“

Die Plastiktüte macht dabei einen verschwindend geringen Anteil aus. Dagegen zeigt eine kürzlich veröffentlichte Langzeitstudie der Humboldt-Universität zu Berlin, dass die Take-away-Verpackungen auf dem Vormarsch sind. Ihr Müllaufkommen in unseren Parks und auf Plätzen ist in den letzten zehn Jahren von sechs auf 20 Prozent gestiegen.

Dies spiegelt sich auch in den Zahlen der Nabu-Studie wider: So wuchs etwa die Verwendung von Verpackungen für portionierte Salate zwischen 2010 und 2016 um 153 Prozent. Aber nicht nur abwechslungsreiche Salate, viele leckere Snacks, pikant belegte Bagels, vegane Wraps, originelle Sushivariationen, Obst und Getränke – alles wird einzeln verpackt in Plastik und für jeden Geschmack und Anlass angeboten. Der To-go-Trend scheint weiter an Fahrt aufzunehmen.

Umso irritierender ist es, wenn gerade die Supermärkte, die Plastiktüten werbewirksam verban-nen, gleichzeitig Hunderte von neuen „To-go-Filialen“ eröffnen und mit anderen Fast-Food-Ketten um das bestverpackte Mittagessen werben. Beispiel Rewe: „Rewe To Go steht für das innovative ‚Convenience-Konzept‘, das ein genussvolles und unkompliziertes Einkaufserlebnis ermöglicht“, lässt man die Konsumenten auf der Homepage wissen.

Aber kann ein Konzept innovativ sein, das die Abfallberge wachsen lässt und Gehwege und Parks vermüllt? Innovativ wäre es, wenn wir den veränderten gesellschaftlichen Konsumbedürfnissen mit Strategien begegneten, die nicht nur an Bequemlichkeit ausgerichtet sind, sondern auch ökologisch überzeugen. Für den Einkauf empfehlen wir eine Mehrwegtragetasche, am besten aus recyceltem Material.

Johanna Kramm und Carolin Völker leiten am Institut für sozial-ökologische Forschung die Nachwuchsforschungsgruppe „PlastX – Kunststoffe als systemisches Risiko für sozial-ökologische Versorgungssysteme“.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Plastikfrei

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