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Soziale Ungleichheit Wie viel Ungleichheit verträgt die Gesellschaft?

Wer hat, dem wird gegeben – in Deutschland mehr denn je. Die viel gelobte soziale Marktwirtschaft soll laut einer Studie längst nicht mehr funktionieren. Die Kinder der Armen brauchen endlich Aufstiegschancen. Der Gastbeitrag.

29.04.2016 13:15
Uta Meier-Gräwe
Ungleiche Gesellschaft: Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland immer weiter auseinander. Foto: imago

Die 2009 im Verlag Zweitausendeins erschienene Publikation „Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind“ fand seinerzeit bestenfalls in Fachkreisen eine gewisse Beachtung; zu reflexartig war die Abwehr gegenüber dem Begriff „Gleichheit“, der viele an Gleichmacherei aus ehemaligen DDR-Zeiten zu erinnern schien. Der amerikanische Titel „The Spirit Level. Why Greater Equality makes Societies Stronger“ traf den Kern der Sache wahrscheinlich ohnehin besser: Die epidemiologische Analyse von Richard Wilkinson und Kate Pickett hatte nicht nur ein weiteres Mal detailliert belegt, dass arme Menschen in ungleichen Gesellschaften früher sterben, ihre Kinder kaum Aufstiegschancen haben und es dort höhere Kriminalitätsraten gibt als in Ländern mit einer geringeren Spreizung zwischen Arm und Reich.

Sie konnten darüber hinaus anhand einer Fülle von Daten überzeugend nachweisen, dass Status- und Abstiegsängste, gesundheitliche Beeinträchtigungen und ein Vertrauensverlust gegenüber Politik und Staat auch unter Mittelschichtsangehörigen verbreitet sind, weil soziale Probleme nicht nur auf Arme beschränkt bleiben, sondern umso stärker in die Mittelschichten hineinsickern, je ungleicher eine Gesellschaft ist.

So weit, so gut. War das aber hierzulande wirklich ein Thema? Befand sich die deutsche Gesellschaft nicht schon längst auf dem Weg, aus dem PISA-Schock 2000 die richtigen Lehren zu ziehen und für mehr Durchlässigkeit und Aufstiegschancen von Kindern aus benachteiligten Herkunftsmilieus zu sorgen? Und wurden Politiker nicht müde, der Bevölkerung immer wieder zu versichern, eine staatliche Umverteilung von Steuergeld mit Augenmaß zu betreiben und dabei eine bessere Zielgenauigkeit an den Tag zu legen? Offensichtlich nicht. Denn im internationalen Vergleich fällt Deutschland heute vor allem durch eine sich stetig verschärfende Spaltung zwischen einem überbordenden Reichtum und einer sich verfestigenden Einkommensarmut auf.

Die Besteuerung von Immobilien, Erbschaften oder Finanztransaktionen ist bei uns deutlich niedriger als in den meisten europäischen Nachbarländern. Der Matthäus-Effekt „Wer hat, dem wird gegeben“ findet in der bundesdeutschen Realität seine Bestätigung wie nie zuvor. Eine Prognose der Bertelsmann-Stiftung bis 2020 geht zudem davon aus, dass es eine weitere Einkommensspreizung zwischen exportorientierten Branchen wie der chemischen Industrie, dem Fahrzeugbau oder der Pharmaindustrie auf der einen Seite und den weiblich konnotierten Dienstleistungsberufen im Bereich Erziehung, Soziales und Gesundheit auf der anderen Seite geben wird, zwischen oberen Einkommensgruppen und denen im Niedriglohnsektor, aber auch zwischen Haushalten mit Kindern und solchen ohne Kinder.

Fakt ist auch, dass der Einfluss der Herkunftsfamilie auf die Bildungs- und Lebenschancen in Deutschland größer als in den Jahrzehnten zuvor ist – ungeachtet der vielen wissenschaftlichen Studien und ambitionierten Modellprojekte zur individuellen Förderung armer Kinder und ihrer Familien. An einem kohärenten und wirksamen Gesamtkonzept fehlt es offensichtlich bis heute – fatal für eine alternde Gesellschaft, die sich dringend um die Generierung von Bildungskapital bemühen müsste. Wenn sich jetzt auch Ökonomen mit den destruktiven Folgen zunehmend ungleicher Gesellschaften auseinandersetzen, könnte das Alarmsignal und Hoffnungsschimmer zugleich sein. In seinem gerade erschienen Buch „Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird“ kommt der Chef des Deutschen Wirtschaftsinstituts Berlin (DIW), Marcel Fratscher, zu dem Schluss, dass Deutschland zu einem der ungleichsten Länder der industrialisierten Welt geworden ist und die vielgerühmte soziale Marktwirtschaft mit einem vorbildlichen Sozialstaat längst nicht mehr existiert.

Was aber an seiner Analyse mindestens ebenso bemerkenswert ist: Diese Entwicklung gefährdet nicht nur das Wohlbefinden des Einzelnen, sondern den Wirtschaftsstandort selbst, schmälert Wohlstand und Wachstum. In vielen Bereichen leben wir bereits von der Substanz. Deutschland dürfe sich nicht nur um die Modernisierung seiner erfolgreichen Exportindustrie kümmern, mahnt Fratscher. Ebenso wichtig sei es, dem unteren Drittel der Bevölkerung eine faire Teilhabe am erwirtschafteten Wohlstand zu ermöglichen.

Recht hat er. Wir haben bekanntlich schon lange kein Erkenntnis-, sondern vielmehr ein Umsetzungsproblem. Fratscher ist inzwischen zum Chefökonomen der Bundesregierung avanciert. Es bleibt zu hoffen, dass er dort Gehör findet, und längst überfällige Politikstrategien entschieden auf den Weg gebracht werden. Dazu gehört auch, den Pfad der Billigdienstleistungsökonomie mit eingebautem Armutsrisiko endlich zu verlassen, der für so viele Frauen (und zunehmend auch Männer) in diesem Land bedeutet, selbst mit einem Vollzeitjob nicht über die Runden zu kommen.
Das wäre ohne Zweifel auch das beste Rezept gegen den Aufwind der AfD und die weit verbreitete Ausländerfeindlichkeit in unserer Gesellschaft. Andernfalls werden wir eine weitere Zuspitzung von Gewalt und Politikverdrossenheit erleben und bewachte Wohnanlagen („gated communities“) würden dann auch in deutschen Städten zur traurigen Gewissheit.

Uta Meier-Gräwe ist Professorin für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Leiterin des Kompetenzzentrums zur Professionalisierung und Qualitätssicherung haushaltsnaher Dienstleistungen.

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