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Soziale Netzwerke Enteignet Facebook doch einfach

In einer Firma ohne Gewinninteresse müssten Kunden nicht mit ihren Fotos und Ideen die Gewinne für wenige erwirtschaften. Der Gastbeitrag.

Facebook
Facebook enteignen? Unser Gastautor sagt ja. Foto: rtr

Wir schreiben das Jahr 1968: Studenten demonstrieren für mehr Freiheit und gegen den Vietnamkrieg. Der Springer-Konzern nutzt seine mächtige Stellung unter den Medien und hetzt gegen die Studentinnen und Studenten, um die Auflage zu steigern. Darauf skandieren diese: „Enteignet Springer“.

Fünfzig Jahre später nutzt ein Digital-Konzern mit einem Quasimonopol seine Machtstellung und missbraucht die Daten seiner Nutzer. Er will seine Gewinne steigern, koste es, was es wolle. Doch so gut wie niemand erhebt die Forderung der Studenten von 1968: „Enteignet Facebook“. Warum eigentlich nicht?

Bezahlt wird mit den Daten

Natürlich ist Facebook auf den ersten Blick viel harmloser als es der Springer-Verlag 1968 war: Der Datenkonzern bringt Nutzer weltweit zusammen, damit sie Informationen austauschen – über Politik, über Ferienerlebnisse, über gemeinsame Treffpunkte, über ihre Kochkünste. Und dies alles, ohne dass die Nutzer auch nur einen Euro berappen müssen.

Allerdings wäre Facebook keine milliardenschwere Aktiengesellschaft, wenn die Userinnen und User nicht doch bezahlen müssten. Sie tun es mit ihren Daten. Die nämlich nutzt das Unternehmen Facebook als Kanonenfutter für die Werbeindustrie, als Material für alle, die möglichst viele Daten über Menschen für ihre Ziele nutzen wollen. Dieses Geschäftsmodell, das Facebook auch nicht verschweigt, garantiert hohe Gewinne. 4,9 Milliarden Dollar waren es im vergangenen Jahr, 64 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Seit der Datenskandal um die britische Firma Cambridge Analytica den Machtmissbrauch durch Facebook offengelegt hat, ist die Aufregung und die Hilflosigkeit groß. Viele hoffen auf die Macht der Konsumenten. Die Kampagne #deletefacebooknow fordert die User derzeit auf, Facebook den Rücken zu kehren. Und sicher werden dies einige tun.

Dennoch wird die Kampagne ins Leere laufen. Denn aus der Sicht vieler der zwei Milliarden User gibt es keine Alternative zu Facebook. In keinem anderen Netzwerk finden sich so viele Gleichgesinnte, Geschäftspartner, Kollegen und Kolleginnen, Freunde, Interessierte, Unternehmer, Kunden wie in Zuckerbergs Imperium. „Es ist das globale Telefonbuch unserer Zeit“, schrieb eine Journalistin. Und wie selbstverständlich nutzen Fernsehen, Rundfunk und Printmedien die Gratisangebote des Konzerns – und werben für ihn. Auch die meisten Politikerinnen und Politiker haben einen Facebook-Account, von Wolfgang Kubicki über Sahra Wagenknecht. Justizministern Katarina Barley hat zwar Facebook sanft gescholten. Doch sie nutzt das Netzwerk selbst.

Fast alle kritisieren den Missbrauch 

Nun ist das Vernetzen, das Austauschen von Meinungen und von Geburtstagsgrüßen nichts Schlimmes. Das Problem liegt jedoch darin, dass dies alles in der Infrastruktur eines privaten Großkonzerns geschieht, der seinen Aktionären hohe Renditen verspricht und auf steigende Aktienkurse setzt.

Diese Rendite erzielt Facebook, weil die Werbeindustrie oder Wahlkampfmanager die Daten der Facebook-User nutzen, um potentielle Kunden oder Wähler zielgenau anzusprechen. Und der Konzern wird die Daten seiner Kunden so lange zu Geld machen, so lange er die höchst mögliche Rendite erzielen muss – im Zweifel auch missbräuchlich.

Am Ende bleibt immer der schale Widerspruch von heute: Fast alle kritisieren den Missbrauch ihrer Daten durch Facebook, aber alle spielen weiter mit, weil sie nicht ohne ihr Telefonbuch auskommen wollen.

Deshalb lohnt sich die Vorstellung, es wäre ganz anders: Facebook wäre ein öffentlich-rechtliches Unternehmen ohne privates Gewinninteresse. Dann würden Regierungen, Stiftungen oder private Sponsoren ohne Gewinninteresse die Infrastruktur bereitstellen, mit deren Hilfe sich Millionen User austauschen können.

Das Web-Lexikon wikipedia ist dafür das beste Vorbild: Es zeichnet sich deshalb durch eine hohe und unabhängige Qualität aus, weil es nicht von einem rendite-orientierten Konzern getragen wird, sondern von engagierten Bürgern.

Dann könnten die User ihr Facebook behalten, aber es gäbe einen grundlegenden Unterschied zu Zuckerbergs Imperium: Die Kunden müssten nicht mit ihren Fotos, Ideen und Gedanken die Gewinne für wenige erwirtschaften.

Zugegeben, die Überführung von Facebook in eine Form von Gemeineigentum erscheint utopisch, denn es ist ein globaler Großkonzern. Man muss auch zugeben, dass damit noch nicht alle Probleme gelöst wären. Aber es ist eine Utopie, die man verfolgen muss, wenn der Gang in die digitale Diktatur durch wenige private Großkonzerne noch verhindert werden soll.

Deshalb: Enteignet Facebook!

Wolfgang Kessler ist Wirtschaftspublizist und Chefredakteur der christlichen Zeitschrift Publik-Forum.

 

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