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Soziale Gerechtigkeit Arbeitszeitverkürzung ist finanzierbar

Arbeit muss um das Leben kreisen, statt das Leben um die Arbeit. Die Zeit ist reif für eine kurze Vollzeit für alle. Wie lässt sie sich erreichen? Der Gastbeitrag von Bernd Riexinger.

IG-Metall
Gewerkschaften fordern niedrigere Arbeitszeiten. Foto: image

Was sich gerade in der Metall- und Elektroindustrie ereignet, ist mehr als eine normale Tarifauseinandersetzung. Die IG-Metall setzt das Thema Arbeitszeit wieder auf die politische Agenda. Das ist ein Signal an die gesamte Gesellschaft. In welche Richtung entwickelt sich die Arbeitsgesellschaft?

Arbeitsstress und Erschöpfung sind längst ein Thema, das Beschäftigte verbindet – egal ob sie mit Pflegekittel, im Blaumann, mit Laptop oder Wischmop arbeiten. Kein Wunder: Über eine Milliarde Überstunden wurden im letzten Jahr geleistet, die Hälfte davon unbezahlt. Gleichzeitig wünschen sich Millionen Beschäftigte mehr Zeit für Familie, Freunde, Weiterbildung, für kulturelles und politisches Engagement.

Viele Frauen arbeiten in Minijobs

Sie möchten, dass bei der Arbeitszeit ihre individuellen Lebensentwürfe respektiert werden und dass alle gleichberechtigt an Erwerbs- und Familienarbeit teilnehmen (können). Die Bedingungen dafür sind im Arbeitsalltag oft nicht vorhanden.

Löhne und Arbeitszeiten sind in einem bislang ungekannten Maß auseinandergedriftet. Viele Frauen arbeiten in Minijobs oder unfreiwilliger Teilzeit weniger, als sie eigentlich wünschen. Gleichzeitig arbeiten immer mehr Beschäftigte mehr als 40 Stunden – und wünschen sich kürzere Arbeitszeiten!

Die Zeit ist reif für eine neue, kürzere Normalarbeitszeit, die für die Beschäftigten flexibel gestaltbar sein muss. Sie könnte zwischen 28 und 35 Stunden pro Woche liegen und müsste mit einem Lohnausgleich verbunden sein. Nur durch Schritte zur Verkürzung der langen Arbeitszeiten wird es möglich, die Erwerbsarbeit in der Gesellschaft, aber auch die Sorge- und Hausarbeit zwischen den Geschlechtern gerecht zu verteilen.

Teilzeitarbeit sollte aus persönlichen Gründen gewählt werden und existenzsichernd sein. Teilzeitbeschäftigte müssen das Recht auf Arbeitsverträge mit mindestens 22 Wochenstunden haben. Damit Arbeitszeitverkürzung nicht zu mehr Arbeitsverdichtung und mehr Stress führt, braucht es mehr Mitbestimmung der Beschäftigten und ihrer Betriebsräte bei der Personalplanung der Unternehmen.

Wie immer jammern die Arbeitgeber, die Forderungen der IG Metall seien nicht bezahlbar. Das ist eine schlichte Ausrede angesichts der gestiegenen Profite der Firmen. Über zwei Jahrzehnte sind die Früchte der gestiegenen Produktivität weitgehend in die Kasse der Aktionäre geflossen. Die Löhne für die Beschäftigten stagnierten, Arbeit wurde flexibilisiert und Arbeitszeiten zum Teil sogar verlängert. Heutzutage wird für die Herstellung notwendiger Güter nur noch etwa die Hälfte der Zeit benötigt, die im Jahr 1960 nötig war. 1960 wurden aber regelmäßig 48 Stunden pro Woche gearbeitet. Es geht um also um einen Verteilungskonflikt.

Kampf um die Zeit

Jede Stunde Lebenszeit musste und muss der Kapitalseite in harten Auseinandersetzungen abgerungen werden. Schon Karl Marx wusste, dass sich im Kampf um die Zeit ein Grundwiderspruch des Kapitalismus entfaltet. Den Arbeitenden geht es um die Erhaltung ihrer Gesundheit und um mehr Lebenszeit zur eigenen Verfügung. Das Kapital hat von sich aus die Tendenz, den Arbeitstag so auszuweiten, dass Arbeitstag und Lebenstag praktisch identisch werden.

Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich ist nicht nur finanzierbar, sondern ein Gebot sozialer Gerechtigkeit. Der Kampf um die Zeit spielt auch in Zukunft eine große Rolle: Führen Digitalisierung, der Wandel der Dienstleistungen und der Übergang zur Elektromobilität zu mehr Arbeitslosigkeit und prekärer Arbeit? Oder nutzen wir die wachsende Produktivität, um Arbeit gerechter zu verteilen und Wirtschaft und Arbeitswelt menschlicher zu gestalten?

Es geht um den Übergang zu einem neuen Wohlstandsmodell, das mehr Zeit zum Leben und sinnvolle Arbeit für alle ermöglicht, statt blindem Wachstum und Profitstreben zu folgen. Die Politik ist gefordert, Anreize für Arbeitszeitverkürzung zu geben. Etwa durch ein Investitionsprogramm für zwei Millionen neue Arbeitsplätze in kurzer Vollzeit zwischen 28 und 35 Stunden in Bildung, Gesundheitsversorgung und Pflege, sozialer Arbeit und Integration.

Im Rückblick waren die Auseinandersetzungen um die Arbeitszeitverkürzung Mitte der 1980er Jahre das letzte Mal, dass es den Gewerkschaften gelang, Arbeitszeitverkürzung als offensives Projekt in die gesellschaftliche Diskussion zu bringen. Das lag auch daran, dass sich viele Beschäftigte aus anderen Bereichen solidarisch zeigten und sich die Frauenbewegung und Erwerbslosengruppen anschlossen. Heute sollten wir die IG Metall in dieser wichtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzung nicht alleine lassen.

Bernd Riexinger ist Parteivorsitzender der Linken und Abgeordneter im Bundestag.

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