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Sexualität Attacke gegen aufklärerische Sexualmoral

Populistischen Halbwahrheiten müssen die Aufgeklärten mit überzeugenden Konzepten entgegentreten, auch im Bezug auf Sexualität. Der Gastbeitrag.

23.10.2016 16:03
Karlheinz Valtl
Angriff auf die Liebe: Rechte Gruppe nutzen das Thema Sexualität um Emanzipation zu unterbinden Foto: imago

Die Gesellschaften Mitteleuropas sind im Mainstream heute liberaler als je zuvor, insbesondere in Bezug auf Sexualität. Derzeit aber formieren sich abseits des Mainstreams Gruppen, die gezielt das Thema Sexualität benutzen, um diese epochale Liberalität anzugreifen. Denn: In keinem anderen Bereich ist die Gesellschaft so leicht zu verunsichern wie in diesem – moral panic works.

Rechtspopulistische Gruppierungen haben das seit einigen Jahren erkannt. Statt nur gegen den Euro oder religiöse „Überfremdung“ zu polemisieren – was ideologisch leicht zu durchschauen ist –, attackieren sie nun die emanzipatorische Sexualpädagogik und Initiativen zur Geschlechtergerechtigkeit und verbreiten dazu irreführende Behauptungen und Falschmeldungen, mobilisieren über Demonstrationen und Onlinepetitionen weitgehend uninformierte Bevölkerungsschichten und schüren gezielt ein Klima der Verunsicherung und Angst.

Sie gewinnen dadurch einen Einfluss, der in keinem Verhältnis zur Größe der Gruppierung und zur Kraft ihrer Argumente steht. Aktuell nehmen rechtspopulistische Akteure die Änderung der Lehrpläne des Landes Hessen für die Sexualerziehung (August 2016) zum Anlass, zu einer „Demo für Alle – Ehe und Familie vor! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder “ in Wiesbaden aufzurufen.

Diese Situation hat das renommierte Institut für Sexualpädagogik in Dortmund zum Anlass genommen, eine differenzierte Analyse dieser Vorgänge und der dahinter stehenden Netzwerke und Argumentationsmuster vorzunehmen. Das Ergebnis ist besorgniserregend.

Die Liste der Personen und Netzwerke liest sich wie ein Who‘s who der rechtskonservativen Szene. Vertreten sind unter anderem: Beatrix von Storch, Europaabgeordnete vom rechten Flügel der AfD, und ihr Mann Sven von Storch, der mit „www.Abgeordneten-Check.de“ Druck auf Parlamentarier ausübt, Hedwig Freifrau von Beverfoerde, Organisatorin der antisexualpädagogischen Initiativen „Familienschutz“ und „Demo für alle!“, Brigit Kelle, antifeministische Journalistin und Autorin des Buches „GenderGaga“ sowie Gabriele Kuby, eine vormals theologische Autorin, die jetzt die emanzipatorische Sexualpädagogik bekämpft.

Es handelt sich um eine kleine, aber gut vernetzte und intransparente Koalition aus traditionalistischen Teilen der Alternative für Deutschland (AfD), fundamentalistischen katholischen und evangelikalen Kreisen sowie den dazugehörigen Onlineportalen. Sie geben vor, breite Schichten zu vertreten, wenn sie mit Plattformen wie „Kath.net“ oder „Kreuz.net“ im Namen religiös-konservativer Werte sprechen oder wenn sie mit der Initiative „Besorgte Eltern“ als Sprachrohr scheinbar aller elterlichen Besorgnis auftreten. Dabei sind die Akteure mehrheitlich keine ExpertInnen für Sexualwissenschaft oder -pädagogik, sondern JournalistInnen und AgitatorInnen, die diese Themen nutzen, um politisch Einfluss zu gewinnen.

Entsprechend dürftig nehmen sich ihre Argumentationsstrategien aus, deren Grundbausteine Verschwörungstheorien und Begriffsverdrehungen sind. So heißt es, der Kieler Universitätsprofessor Uwe Sielert habe seine Anhänger in die Welt geschickt, um gezielt eine kinderschädigende Sexualpädagogik zu verbreiten und renommierte Fachorganisationen wie pro familia, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) oder gar die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu unterwandern! Ein skurriler Vorwurf, der soliden wissenschaftlichen Diskurs als Verschwörung diffamiert und der durch ein Bedrohungsszenario die Angst schürt, Sexualerziehung fördere sexualisierte Gewalt und führe zum Ende der klassischen Familie, wenn sie Kindern ihre angeblich noch nicht vorhandene Sexualität zugestehe und nicht am fundamentalchristlichen Familienbild ausgerichtet sei.

Weiterhin werden Themen und Fachbegriffe aus dem Zusammenhang gerissen, uminterpretiert und gebetsmühlenartig wiederholt: Wenn im Unterricht über Gendervielfalt, unterschiedliche Lebensweisen und sexuelle Orientierungen gearbeitet wird, so wird dies als „Indoktrinierung“ bezeichnet. Wenn sexuelle Bildung rechtzeitig aufklärt und zu Selbstbestimmung befähigt, wird dies als „Frühsexualisierung“ diffamiert, die Kinder zu Selbstbefriedigung dränge und schon im Vorschulalter mit Gang-Bang, Dildos und Analverkehr konfrontiere. Dabei geht es in der sexuellen Bildung im Gegenteil gerade darum, Kinder und Jugendliche stark zu machen gegen eine unangemessene Beeinflussung von außen und für eine selbstbestimmte Entwicklung gemäß der eigenen Bedürfnisse, Werte und Einsichten.

Diese dreisten Entstellungen könnten ignoriert werden, wären da nicht die verbündeten Medien und sozialen Netzwerke, die die Halbwahrheiten und Falschmeldungen schnell verbreiten, und gäbe es nicht die vielen Eltern, die gar nicht die Zeit haben, sich selbst ein Bild zu machen, und die ängstlichen Politiker und Schulleiter, die eine aufklärende Auseinandersetzung mit den besorgten Bürgern scheuen.

Für die wissenschaftlich fundierte Sexualpädagogik bleibt die Möglichkeit, den „sekundären Diffamierungsgewinn“ zu nutzen. Der besteht darin, dass ihr Thema derzeit in der Öffentlichkeit präsent ist. Sie hat nun die Aufgabe, über zeitgemäße sexualpädagogische Konzepte und die Strategien ihrer Gegner aufzuklären.

Karlheinz Valtl ist Senior Lecturer am Zentrum für LehrerInnenbildung der Uni Wien und Autor zahlreicher Publikationen zu sexueller Bildung.

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