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Rohingyas Gefangen in Gefangenschaft

Die Rohingyas wollen erst nach Myanmar zurück, wenn dort ihre Rechte anerkannt werden. Bis dahin leben sie in Camps in Bangladesch. Der Gastbeitrag.

Myanmar
Die Rohingyas in Bangladesch wollen nicht alle nach Myanmar zurück. Foto: afp

Auf den ersten Blick sieht alles viel besser aus. Es gibt keine matschigen Wege mehr. Dort, wo einst Fäkalien lagen, stehen nun Toiletten. Hunderte Kinder spielen und lachen während ich durch das Flüchtlingscamp gehe. Wenn ich nicht wüsste, dass die rund 900 000 Menschen hier in Bangladesch dem Horror in Myanmar entkommen sind, würde ich denken, dass das Schlimmste überstanden ist. Die Lebensbedingungen im Camp haben sich verbessert, aber es gibt auch neue Herausforderungen, die insbesondere Frauen betreffen und schnell gelöst werden müssen.

Vor vier Monaten reiste ich schon einmal nach Cox’s Bazar. Meine Aufgabe war es, über Hunderttausende von Menschen aus Myanmar zu berichten, die wegen unvorstellbarer Gewalt in ihrer Heimatregion nach Bangladesch geflohen waren. Damals traf ich Flüchtlinge, die mir berichteten, wie ihre Häuser verbrannt wurden. Ich sprach mit vielen, die sich vor ihrer Flucht tagelang im Dschungel versteckt hatten, um Massenmorden und sexuellen Übergriffen zu entkommen. Das Trauma ist geblieben. Sechs Monate nach der Ankunft der meisten Flüchtlinge in Cox’s Bazar sehe ich es in vielen Gesichtern.

Gleichzeitig diskutieren die Regierungen von Myanmar und Bangladesch über eine Rückkehr der Menschen. Die Flüchtlinge sind darüber unterschiedlicher Meinung. Die meisten Familien, die ich treffe, haben Angst davor, nach Myanmar zurückgeschickt zu werden. Viele sagen, dass sie von der Regierung fordern, offiziell als Bevölkerungsgruppe anerkannt zu werden. Sie wünschen sich die Anerkennung ihrer Grundrechte, so wie wir sie hier in Deutschland kennen. Dazu gehört, dass sie sich frei im Land bewegen können, das Recht haben, Land zu erwerben, und Arbeitnehmerrechte zu erhalten. Erst dann sei eine Rückkehr denkbar.

Dass sich der Alltag der Menschen in den Camps verbessert hat, liegt vor allem an der Unterstützung durch Hilfsorganisationen wie Care. Seit dem Beginn der Krise verteilen sie Lebensmittel, sauberes Trinkwasser und Materialien für Notunterkünfte. Aber mit der Hilfe wurden gleichzeitig tieferliegende Probleme aufgedeckt.

In den engen Gassen des dicht besiedelten Flüchtlingscamps fällt mir auf, dass ich kaum Frauen begegne. Als ich mit Hasina (Name geändert) spreche, weiß ich auch warum: Sie ist eine der vielen Frauen, die 23 Stunden am Tag in ihrem kleinen, dunklen Zelt eingesperrt ist.

Die 17-Jährige ist im neunten Monat schwanger. Seit ihrer Ankunft vor fünf Monaten konnte sie noch keine der Gesundheitskliniken besuchen. „Mein Mann möchte nicht, dass ich mich draußen aufhalte – dort, wo andere Männer mich sehen können. Frauen sollten drinnen bleiben“, sagt Hasina zu mir. „Erst am Abend darf ich für etwa eine Stunde unser Zelt verlassen, um bis zum Ende unserer Gasse zu gehen und Wasser zu holen“, fügt sie hinzu.

Die Tradition, die Hasina mir beschreibt, wird umgangssprachlich „Parda“ (übersetzt „Vorhang“) genannt. Abgesehen vom eigenen Ehemann und Familienmitgliedern, verhindert sie, dass fremde Männer Frauen anblicken können.
Diese Isolierung der Frauen hat Konsequenzen: Viele von ihnen essen und trinken kaum. Sie warten bis zum Anbruch der späten Abendstunden, um ihre Notdurft zu verrichten. Das ist besonders gesundheitsschädigend für Schwangere wie Hasina. Manche von ihnen nutzen die Toiletten im Camp nicht, stattdessen defäkieren sie in ihren Zelten oder in der direkten Umgebung, was zu einem erhöhten Risiko von Krankheitsausbrüchen wie Cholera führen kann. Auch wissen viele der Frauen nicht, wo Hilfsgüter verteilt oder wo sie beraten werden.

Die Bedürfnisse vieler Frauen bleiben ungehört, weil sie abgeschottet sind und kein Sprachrohr finden. Außerhalb der Zelte treffe ich im Gegensatz zu meinem letzten Besuch nur komplett verschleierte Frauen. Die strikte Geschlechtertrennung aus kulturellen Gründen gehört zum Alltag im Flüchtlingscamp. Aber auch aus Angst vor sexuellen Übergriffen und Frauenhandel steigt die Nachfrage nach Burkas und Kopftüchern. Das beunruhigt mich am meisten.

Wir bieten unsere Aufklärungsgespräche zu Hygienemaßnahmen und Gewaltpräventionen mittlerweile in geschlossenen Räumen an. Care hat auch Zentren in den Camps aufgebaut, in denen Frauen über ihre Traumata und Sorgen reden können. Trotzdem ist es ein schmaler Grat zwischen Freiheit und Schutz, auf dem wir uns als Hilfsorganisation bewegen. Und solange die internationale Gemeinschaft keine langfristige Lösung findet, werden wir das stille Leiden Tausender Frauen und Mädchen begleiten.

Jennifer Bose ist Nothelferin der Hilfsorganisation Care.

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