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Rechte Populisten Die Angst vor dem Neuen

Rechte Populisten überziehen vor allem Flüchtlingshelfer und Klimaschützer mit Hass. Warum eigentlich? Der Gastbeitrag.

Demonstration
Teinehmer der Demonstration "Leben ohne Hass - gemeinsam gegen die Angst" demonstrieren für ein friedliches Zusammenleben in Cottbus. (Archivbild) Foto: (imago stock&people)

Waldbrände, ausgetrocknete Flüsse, verdorrte Ernten, Ertrinkende im Mittelmeer: Die Probleme wachsen, und doch ziehen jene, die sich dagegen engagieren, brutalen Hass auf sich. AfD-Spitzenfrau Beatrix von Storch beschimpfte Umweltschützer als „Klimanazis“. Flüchtlingshelfer zählen für rechte Politiker wie Alexander Dobrindt zur „Anti-Abschiebe-Industrie“. Nun könnte man dies als Getöse von Spinnern abtun. Damit würde man aber ignorieren, dass solche Parolen auch in der Mitte der Gesellschaft durchaus verfangen.

Auffallend ist, dass sich der Hass der Rechten an zwei Themen entzündet: Flüchtlinge und Klima. Die horrende Vermögens- Ungleichheit in Deutschland weckt dagegen kaum Emotionen. Warum gerade Flüchtlinge und Klima? Mein Verdacht: Weil diese beiden Themen in nicht wenigen Menschen das Gefühl verstärken, ihr Leben grundlegend verändern zu müssen. Wenn in der Nachbarschaft fremde Leute leben oder wenn Ökologen den Fleischkonsum, das Autofahren, die Urlaubsflüge infrage stellen, löst dies Veränderungsängste und massive Abwehr aus.

Mit Recht kann man einwenden, dass solche Veränderungen bisher kaum spürbar sind. Niemand hat einen Euro weniger in der Tasche, weil Flüchtlinge kamen. Sogar Innenminister Horst Seehofer räumt ein: Die Kriminalität ist rückläufig. Die Klimakrise zeigt sich zwar durch die Zunahme von Wetterextremen, die Dürre oder Überflutungen bringen, sie verändert aber bisher das Leben nicht grundlegend. Dennoch reagieren viele mit Angst: So wird die Flüchtlingskrise hochgespielt, die Klimakrise wird verdrängt.

Flüchtlingsbewegung und Erdüberhitzung

Ehrlicherweise muss man einräumen, dass die Flüchtlingsbewegung und die Erdüberhitzung das Leben der Menschen in Zukunft verändern werden: Keine Abschottungspolitik und keine Grenzkontrollen werden Menschen letztlich an der Flucht vor Krieg, Elend und den Folgen der Klimakrise hindern können. Und wie die Debatte um die Landwirtschaft zeigt, müssen die Deutschen möglichst schnell klimagerecht wirtschaften – auf den Feldern, aber auch anderswo. Und das heißt: anders fahren, fliegen, essen, heizen – und damit anders leben.

Wenn solche Veränderungen durch Flüchtlings-Bewegung und Erdüberhitzung unausweichlich sind, dann wächst die Gefahr, dass das Hasspotenzial immer weiter anschwillt – wenn die Gesellschaft nicht gegensteuert. Dies erfordert zweierlei:

Zum einen eine Politik, die klar macht, dass sie die Menschen in diesen Veränderungen nicht im Regen stehen lässt. Erst wenn alle die gleichen Chancen auf Bildung, Gesundheit und ordentliche Wohnungen haben, werden sie diese Gesellschaft als gerecht empfinden. Erst wenn der Abbau von Jobs in der Kohlewirtschaft vom Aufbau anderer Jobs begleitet wird, fühlen sich die Betroffenen nicht im Stich gelassen. Erst wenn Politik und Rechtsstaat Konzernbosse genauso in die Pflicht nehmen wie Normalbürger, wird Politik vertrauensvoll.

Erst wenn Vermögende und Spitzenverdiener deutlich mehr zur Gesellschaft beitragen, während Geringverdiener entlastet werden, wächst der Zusammenhalt der Gesellschaft. Und sicher ist: Je stärker der Zusammenhalt der Gesellschaft, je gerechter sie empfunden wird, desto entspannter bewältigen die Bürger auch Veränderungen.

Allerdings wäre es fatal, alles Heil von der Politik zu erwarten. Es geht auch um die ehrliche Erkenntnis, dass die Deutschen, die in den Kaufhäusern und im Urlaub ständig von der Globalisierung profitieren, nicht an Veränderungen vorbeikommen, wenn sich die Welt verändert. „Wer will, dass die Welt bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt“, schrieb einst der Dichter Erich Fried.

Tröstlich ist, dass diese Erkenntnis durchaus gelebt – und dies nicht „nur“ in politisch engagierten Kreisen: Für viele jüngere Menschen, vor allem in den Städten, ist es längst normal, mit Leuten aus anderen Kulturen zu arbeiten, zu studieren, zu leben. Auch viele, die keine Ökologen sind, haben einen überaus pragmatischen Umgang mit Statussymbolen wie Auto oder Fleisch.

Aber anders als noch vor wenigen Jahren spüren viele Jüngere inzwischen, dass ihre Zukunft auf dem Spiel steht, wenn die Gesellschaft intoleranter und hasserfüllter wird – und wehren sich dagegen. Ein Beispiel dafür sind gut besuchte Demonstrationen mit „Seebrücke statt Seehofer“ in Frankfurt und anderswo oder „ausgehetzt“ in München vor wenigen Wochen.

Zwar wabert der Hass auf Engagierte noch immer durch viele Poren der Gesellschaft. Doch es gibt auch Zeichen der Hoffnung: dass die Bereitschaft, sich zu verändern, letztlich größer ist als der Hass gegen alles, was man nicht kennt.

Wolfgang Kessler ist Wirtschaftspublizist und Chefredakteur von Publik-Forum.

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