Lade Inhalte...

Rassismus Der Kolonalismus in unseren Köpfen

Falsche Denkmuster der „weißen Überlegenheit“ finden sich noch heute – sei es in Schulbüchern, bei der IWF-Politik beispielsweise in Griechenland oder in Medienberichten. Der Gastbeitrag

10.03.2016 15:18
Aram Ziai
Zum 132. Jahrestag der so genannten Berliner Afrika-Konferenz nehmen viele Menschen an einem Gedenkmarsch in Erinnerung an die Opfer des Kolonialismus, des Sklavenhandels und der Ausbeutung Afrkias durch die Europaeischen Staaten teil. Foto: imago/Christian Ditsch

Lassen Sie uns über Kolonialismus sprechen. Warum? Weil wir einerseits zu viel, andererseits zu wenig Kolonialismus in den Köpfen haben. Zu viel Kolonialismus im Sinne von kolonialen Denkmustern und Überresten einer Ära, in der die Europäer 85 Prozent der Erdoberfläche unterwarfen, im festen Bewusstsein, dass sie von Gott oder durch ihre Zugehörigkeit zur „weißen Rasse“ ausersehen waren, über andere Völker zu herrschen. Das fängt schon bei den Landkarten an: Auf denen ist Europa in der Regel weit größer dargestellt, als es tatsächlich ist. Etwa so groß wie Lateinamerika beispielsweise, während es in Wirklichkeit nur wenig mehr als halb so groß ist. Dass Europa auf diesen Karten in der Mitte der Welt und „oben“ liegt, passt dazu. Unsere „Weltsicht“ ist auch heute noch in manchen Teilen von der Ära des Kolonialismus geprägt.

Diese Prägung beeinflusst, was wir wissen, und was wir nicht wissen. Wir wissen, dass die Alliierten im Zweiten Weltkrieg die Nazis besiegt haben. Was die wenigsten von uns wissen, ist, dass dabei auch Millionen von indischen und afrikanischen Soldaten beteiligt waren. Als nach der Befreiung von Paris allerdings die Bevölkerung den alliierten Truppen zujubelte, hatte de Gaulle vorher die Entfernung der nichtweißen Soldaten angeordnet, das „Blanchissement“ („Weißmachen“). Man wollte die Stimmung nicht dadurch verderben, dass man die Weißen damit konfrontiert, unter anderem von Schwarzen befreit worden zu sein.

Wir wissen auch, dass Aufklärung und Menschenrechte in der Neuzeit durch die Französische Revolution von 1789 erkämpft wurden. Unter der Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wurden Feudalismus und Gottesgnadentum zugunsten von Vernunft und gleichen Rechten für alle abserviert. Was die wenigsten von uns wissen, ist, dass die französische Regierung 1791 ihre Truppen in die Kolonie Saint Domingue schickte, als dort die versklavten Schwarzen gleiche Rechte einforderten – und blutig erkämpften, bis 1804 die Republik Haiti ihre Unabhängigkeit verkündete. Die Französische Revolution erkämpfte gleiche Rechte nur für weiße Männer mit Besitz, die Haitianische erkämpfte gleiche Rechte für alle. Dass wir über die eine mehr in der Schule gelernt haben als über die andere, ist kein Zufall, sondern auch ein koloniales Muster.

Auf der anderen Seite haben wir zu wenig Kolonialismus in den Köpfen, im Sinne von: zu wenig Wissen über Größenwahn und Grausamkeiten der Kolonialherrschaft und zu wenig Problembewusstsein über sein Fortwirken. Auschwitz, Wannsee-Konferenz, Vernichtungskrieg im Osten, Nürnberger Rassegesetze – das alles sind Begriffe, die wir aus dem Geschichtsunterricht kennen. Aber dass auf der Berliner Afrika-Konferenz 1884 Bismarck und andere Europäer den ganzen Kontinent unter sich aufteilten – wer weiß das schon? Dass die deutschen Kolonien – als „Schutzgebiete“ verharmlost“ – sechsmal größer waren als das Deutsche Reich? Dass es in ihnen – lange vor den Nazis – bereits Konzentrationslager gab, in denen Tausende (nahezu jeder Zweite!) durch Zwangsarbeit zu Tode geschunden wurde?

Wer von uns hat in der Schule die Rede von Generalleutnant von Trotha gelesen, in der er 1904 den Völkermord im damaligen Deutsch-Südwestafrika ankündigte („Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen“), den die deutschen Truppen gehorsam ausführten? Die Herero warten bis heute auf eine Entschuldigung des deutschen Staates, ebenso wie auf Entschädigungen. Und bis vor einigen Jahren mussten sie sogar auf die Rückgabe geraubter Schädel ihrer Vorfahren warten.

Sicher, der Kolonialismus ist lange vorbei, die meisten ehemals kolonisierten Ländern sind seit Jahrzehnten unabhängig. Aber auch heute noch sind in Namibia – dem früheren Deutsch-Südwestafrika – 70 Prozent der fruchtbaren Böden im Besitz der Nachfahren ausländischer Kolonialherren.

Auch in der heutigen Weltwirtschaft sind Freihandelsimperialismus und Neokolonialismus keine Hirngespinste: Der IWF diktiert Dutzenden von Regierungen seine Vorstellungen von „gesunder“, also neoliberaler, Wirtschaftspolitik, mittlerweile auch in Europa, zusammen mit EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank – siehe Griechenland. Dort wurde kürzlich sogar eine demokratische Volksabstimmung nach Kräften ignoriert – unter tatkräftiger Mithilfe der Bundesregierung. Gerechtfertigt wurde das mit denselben Stereotypen, die im Kolonialismus auf die „Eingeborenen“ angewandt wurden: die „Pleite-Griechen“ sind faul und liederlich und können nicht vernünftig mit Geld umgehen.

Hier sind wir beim Kern des kolonialen Denkens: Es geht um die Verweigerung gleicher Rechte mit der Begründung, die anderen seien nicht so rational wie wir, sondern rückständig, unterentwickelt oder unzivilisiert. Dieses Denken finden wir auch bei Kommentatoren wie Harald Martenstein in „Die Zeit“ oder Hannes Stein in „Die Welt“, die der Vorstellung anhängen, „die da unten“ seien nicht in der Lage, sich vernünftig zu regieren, und die sich angesichts vieler Probleme im globalen Süden nach der zivilisierenden Herrschaft der Europäer sehnen. Wie in der guten alten Zeit. Sie wissen schon, die gute alte Zeit, in der Generalleutnant von Trotha seine Befehle gab. Und in der 70 der 80 Millionen Einwohner Amerikas der europäischen Invasion zum Opfer fielen. Wir sollten wirklich mehr über den Kolonialismus reden. Schon um die gleichen schrecklichen Fehler nicht noch mal zu machen.

Aram Ziai ist Heisenberg-Professor für Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien an der Universität Kassel.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen