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Öffentlicher Nahverkehr Ein Trauerspiel bei Bus und Bahn

Der öffentliche Nahverkehr in Deutschland verschläft die Digitalisierung und damit den Mobilitätswandel. Im Vergleich dazu scheint die Fertigstellung des Hauptstadtflughafens in greifbarer Nähe. Der Gastbeitrag.

07.02.2017 14:51
Stephan Kühn
Eas das Verkehrsnetz betrifft, ist Deutschland aufgeteilt in viele kleine Königreiche. Foto: dpa

Einfach einsteigen und losfahren, ohne sich vorher im Tarifdschungel zu verirren und lange Fahrpläne zu studieren. Bargeldlos ein elektronisches Ticket für verschiedene Verkehrsmittel oder über Verbundgrenzen hinweg erwerben. Ein Leihfahrrad oder ein Carsharing-Auto in die Reisekette einbauen. All das ist allenfalls eine Vision, aber kein Standard im öffentlichen Verkehr.

Einsteigen und losfahren, ist beim eigenen Auto meist kein Problem. Kein Zufall also, dass die Deutschen im Durchschnitt von 100 Kilometern 80 Kilometer lieber mit dem Auto zurücklegen und nur 14 Kilometer mit Bus und Bahn. Der öffentliche Verkehr ist zu langsam bei der Digitalisierung der Verkehrswelt.

An der digitalen Vernetzung im Nahverkehr wird länger als am Hauptstadtflughafen in Berlin (BER) gearbeitet – Fertigstellung in beiden Fällen mehrfach vertagt und weiter unklar. Seit 1994 fördert der Bund mit dem Projekt Delfi die Vision von einer durchgängigen, deutschlandweiten Fahrplanauskunft auf Basis von Echtzeitdaten. Auch nach 23 Jahren ist es bei der Vision geblieben. Es ist ein Trauerspiel!

Nur wenn Tarife, Fahrplan- sowie Echtzeitdaten zwischen allen Verkehrsunternehmen ausgetauscht werden können, wird es etwas mit dem Ticket für alles. Der Weg zum elektronischen App-Ticket per Smartphone führt über – wie Fachleute es nennen – die organisatorische und technische Interoperabilität der verschiedenen Systeme der zahlreichen Verkehrsunternehmen.

Deutschland viele kleine Königreiche

Deutschland ist aufgeteilt in viele kleine Königreiche. Etwa 450 Verkehrsbetriebe gibt es und über 130 Tarifverbünde. Weil in den Königreichen mit unterschiedlichen Standards gearbeitet wird, müssen Schnittstellen geschaffen werden, um den Datenaustausch untereinander zu ermöglichen. Schätzungsweise 56 solcher Schnittstellen braucht die digitale Vernetzung im Nahverkehr. Um eine einzige Schnittstelle zu schaffen, wird zurzeit über ein Jahr daran gearbeitet! Im Vergleich dazu scheint sogar die Fertigstellung des Hauptstadtflughafens in greifbarer Nähe.

Doch jetzt kündigte sich von unerwarteter Seite Unterstützung an – von Verkehrsminister Alexander Dobrindt. Dieser versprach unlängst vollmundig die Abschaffung des Papierfahrscheins bis 2019. Doch leider entpuppen sich die Ankündigungen bei näherer Betrachtung als reiner PR-Gag. Sein „Aktionsplan“ besteht letztlich aus zwölf Förderprojekten mit 16 Millionen Euro Fördermitteln, die bereits im September 2018 wieder auslaufen.

Jeder Verkehrsverbund darf somit weiter an seinen Apps und Plattformen herumbasteln. Eine Strategie für die digitale Vernetzung aller öffentlichen Verkehrsmittel ist das nicht. So müsste endlich der Wirrwarr bei den Tarifen durch bundesweit einheitliche Standards beendet werden. Denn eine Familie in einem bestimmten Verkehrsverbund ist nicht automatisch eine Familie in einem anderen Tarifgebiet. Bei Kindern und Jugendlichen sowie Senioren gelten unterschiedliche Altersgrenzen.

Ein weiterer Meilenstein im öffentlichen Verkehr wäre ein bundesweit einheitliches Vertriebssystem. Die bestehende Exklusivität der jeweiligen Tickets und die heutigen Vertriebswege in den Königreichen sind nicht mehr zeitgemäß und verhindern das durchgängige Buchen und Bezahlen über Tarifgrenzen und Verkehrsmittel hinweg. Seitenlange Tarifbestimmungen, die kein Mensch liest und noch nicht einmal das Servicepersonal vollständig kennt, gehören endlich ins Verkehrsmuseum als Anschauungsobjekte aus einer alten Verkehrswelt. Daher sollten regionale Verbundtarife auch möglichst bald durch einen für alle Unternehmen des Eisenbahn-, Regional- und Nahverkehrs verbindlichen „Deutschlandtarif“ ergänzt werden. So könnte Bus- und Bahnfahren einfach und bequem werden.

Doch auch in der digitalen Verkehrswelt fährt die Straßenbahn weiter auf Schienen und die U-Bahn im Tunnel. Und hier bröckelt es gewaltig. Der Investitionsstau allein im kommunalen Schienennetz beträgt schätzungsweise vier Milliarden Euro. Die Kommunen sind überfordert. Zudem platzt der Nahverkehr in vielen Städten aus allen Nähten. Wer wissen will, wie sich wohl die Ölsardinen in der Dose fühlen, muss nur zur Rushhour in Frankfurt, Berlin oder München mit der S-Bahn fahren.

Während in den vergangenen Jahren die Bundesmittel für Eisenbahn, Autobahnen und Wasserstraßen in Milliardenhöhe gestiegen sind, werden die Investitionen in den Nahverkehr stiefmütterlich behandelt. Die dafür jährlich vorgesehenen 330 Millionen Euro reichen hinten und vorne nicht aus, um mit Aus- und Neubauprojekten angemessen auf die wachsende Nachfrage zu reagieren.

Seit 20 Jahren wurde zudem der Etatansatz nicht erhöht. Das bedeutet praktisch jedes Jahr weniger Geld zum Bauen. Jetzt liegt sogar ein Gesetzentwurf der Bundesregierung auf dem Tisch, der die finanziellen Mittel in dieser Höhe bis zum Jahr 2025 einfrieren will! Die Zuverlässigkeit und die Qualität des Nahverkehrs werden darunter erheblich leiden. Deshalb brauchen wir jetzt für die analoge Infrastruktur ein Zukunftsprogramm mit jährlich einer Milliarde Euro, mit dem zusätzliche Aus- und Neubaumaßnahmen finanziert, aber auch der Sanierungsstau bei der Infrastruktur abgebaut werden kann. Damit sich das Produkt „öffentlicher Nahverkehr“ auch künftig im Verkehrsmarkt behaupten kann, braucht es endlich eine attraktive Hardware und eine innovative Software.

Stephan Kühn ist Sprecher für Verkehrspolitik der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag.

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