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Namibia Deutschland muss sich entschuldigen

100 Jahre nach Ende der Kolonialherrschaft muss Deutschland die Verantwortung für den Völkermord an den Herero übernehmen und die Nachfahren um Entschuldigung bitten. Der Gastbeitrag.

06.07.2015 16:39
Von Heidemarie Wieczorek-Zeul
Die Christuskirche befindet sich in der namibischen Hauptstadt Windhuk, davor das Standbild des Berliner Bildhauers Adolf Kürle, ein Reiter der deutschen Schutztruppe. Foto: dpa

Am 9. Juli jährt sich zum einhundertsten Mal das Ende der Deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia. Von 1884 bis 1915 war Namibia Kolonie des Deutschen Kaiserreiches. Daran trägt das Land noch immer. Begonnen hatte es mit der Berliner Konferenz 1884. Afrika wurde damals unter den europäischen Mächten aufgeteilt.

In „Deutsch-Südwestafrika“ wurden mit Duldung der Kolonialverwaltung und der „Schutztruppe“ die Einheimischen durch betrügerischen Handel in den Ruin getrieben und ihres Landes beraubt. 1904 kam es zum Aufstand, Kämpfe am Waterberg, die Vernichtung der Herero, Nama und vieler Damara durch die deutschen Truppen folgten. Bis zu 80 Prozent der Herero und die Hälfte der Nama wurden Opfer dieser Vernichtungsstrategie.

Dies war der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. So steht es im „Whitaker Report“ der Vereinten Nationen. Dies belegen die Vernichtungsbefehle des Generals von Trotha gegen die Herero 1904 und gegen die Nama 1905 im Namen des deutschen Kaisers: „Deshalb halte ich es für richtiger, dass die Nation in sich untergeht und nicht noch unserer Soldaten infiziert und an Wasser und Nahrungsmitteln beeinträchtigt (...) Sie müssen jetzt im Sandfeld untergehen“, schrieb General von Trotha in seinem „Lagebericht“ zu den Herero.

Trotz der in Deutschland herrschenden Kolonialbegeisterung gab es auch Menschen, die in Deutschland protestierten. Die deutschen Sozialdemokraten stellten sich auf die Seite der Unterdrückten: „Das Recht zum Aufstand, das Recht zur Revolution hat jedes Volk und jede Völkerschaft, die sich in ihren Menschenrechten aufs Äußerste bedrückt fühlt“, so August August Bebel im Reichstag.

Die Herero wollten ihr Land, ihr Wasser, ihre Weiden verteidigen. Nach der Schlacht am Waterberg wurden sie in die Omaheke-Wüste getrieben und verhungerten dort. Wer umkehrte und sich den Siegern ergab, wurde in Lager verschleppt, in denen die Allermeisten nicht überlebten. Den Nama im Süden wurde ein ähnliches Schicksal zuteil.

Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts

Die Gebeine von Ermordeten wurden zu rassistischen Forschungen nach Deutschland verschickt. Die Frauen der Ermordeten mussten die Schädel zuvor „reinigen“. Als Entwicklungsministerin war ich zu der Gedenkfeier aus Anlass des 100. Jahrestages des Völkermordes im August 2004 nach Namibia eingeladen worden. Ich habe mich damals in meiner Rede zu der deutschen Verantwortung für den Völkermord bekannt, um Vergebung unserer Schuld gebeten und eine Versöhnungsinitiative angestoßen, die vor allem den Menschen zugutekommen sollte, die Nachfahren der Opfer sind.

Die Bundesregierungen und der Deutsche Bundestag haben aber bisher kein offizielles Bekenntnis und keine Entschuldigung beschlossen. Zuletzt hatten SPD und Bündnis 90/Grüne im Jahr 2012 einen klaren Antrag der beiden Fraktionen in den Bundestag eingebracht, der aber an den Stimmen von CDU/CSU und FDP scheiterte. Warum ist es so wichtig, sich klar zu bekennen? Die Verantwortung muss im Bewusstsein der Menschen unseres Landes wachgehalten, bei manchen geweckt werden. Die Nachfahren der Opfer in Namibia müssen die Anerkennung dieser Schuld spüren. Mir haben damals viele Herero gesagt: „In unserer Familie sprechen wir jeden Tag darüber!“ Es geht Ihnen nicht um finanziellen Ausgleich, sondern um Gerechtigkeit vor der Geschichte.

Vor wenigen Wochen habe ich Hoffnung geschöpft. Am 24. April haben alle Fraktionen des Bundestages den Genozid an den Armeniern als solchen anerkannt und an die historische Verantwortung der Türkei appelliert, 100 Jahre nach dem Völkermord. Bundespräsident Joachim Gauck betonte, dass die Nachfahren der Opfer „die Anerkennung historischer Tatsachen und damit auch einer historischen Schuld“ zu Recht erwarten dürfen! Ich erwarte also, dass unser Land nicht nur die Verantwortung anderer einfordert, sondern zur eigenen Verantwortung steht! Oder wird da wieder mit zweierlei Maß gemessen?
Bundesregierung, Bundestag und der Bundespräsident müssen sich zur deutschen historischen Verantwortung für den Völkermord im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“ bekennen und die Nachfahren der Opfer förmlich um Entschuldigung bitten! Der 9. Juli, 100 Jahre nach dem Ende der Deutschen Kolonialherrschaft in Namibia, sollte der – wenn auch späte – Anlass sein!

Deutschland muss mit der namibischen Regierung die Regionen besonders unterstützen, in denen die Nachfahren der Opfer leben. Und sie leben teilweise noch heute unter den erbärmlichsten Bedingungen, die in einem Land wie Namibia völlig unakzeptabel sind! Alle nach Deutschland verschleppten Gebeine von Menschen aus Namibia müssen endlich in würdiger Form zurückgegeben werden! Das Wissen über die deutsche Kolonialvergangenheit muss in unserer Öffentlichkeit und in unseren Schulen präsent sein.

Zur Aufarbeitung dieses Teiles unserer Geschichte sollte eine mit diesem Thema betraute Stiftung initiiert werden. Ein deutsch-namibischer Jugendaustausch sollte vorangebracht werden. Und der Bundestag sollte endlich eine Parlamentarierdelegation mit dem Namibischen Parlament einrichten, in dem gemeinsame Versöhnungsinitiativen in Gang gesetzt werden sollten. Geschichte erledigt sich nicht von selbst. Wir müssen uns dieser stellen.

Heidemarie Wieczorek-Zeul war Entwicklungsministerin und Gouverneurin der Weltbank. Sie engagiert sich weiter für Fragen der globalen Entwicklung und Gerechtigkeit, unter anderem für die Freunde des Globalen Fonds Europa.

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