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Nachhaltigkeit Verbraucher sind nicht die alleinigen Weltenretter

Die Bundesregierung muss nachhaltigen Konsum mit Vorgaben stärker fördern. Die fehlen der jüngsten Initiative. Außerdem wird Verantwortung einseitig bei den Verbrauchern abgeladen. Der Gastbeitrag.

28.02.2016 12:52
Ingmar Streese

Die Bundesregierung hat jüngst endlich ihr „Nationales Programm für nachhaltigen Konsum“ (NPNK) vorgestellt. Berücksichtigt werden dabei neben ökologischen Aspekten von Konsum und Produktion auch Arbeitsbedingungen bei Produktion und Verbrauch von Gütern. Anlass für den politischen Vorstoß ist die im September 2015 von der internationalen Staatengemeinschaft verabschiedete „2030-Agenda für nachhaltige Entwicklung“, die auch das Ziel 12 „Nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion“ umfasst.

Das Programm formuliert die richtigen Ziele: Wir sollten heute so konsumieren, dass auch künftige Generationen eine lebenswerte Umwelt vorfinden. Deshalb müssen nachhaltig produzierte Güter aus der Nische kommen und zum Mainstream werden. Anstatt Güter zu „verbrauchen“ sollen wir sie „nutzen“, statt alle Produkte selbst zu besitzen, werden wir sie künftig vermehrt teilen, so wie beim Car-Sharing.

Konkrete Maßnahmen findet man im Programm von Schwarz-Rot nur, wenn man sehr genau hinschaut. Meistens ist die Rede von Bildung, Dialog, Diskussion und Forschung. Viele bereits bekannte Schritte, an denen die Bundesregierung ohnehin bereits arbeitet, finden sich wieder. Damit wird das Papier dem nachhaltigen Konsum nur wenig auf die Sprünge helfen.

Konkrete Vorhaben wie Gesetzesinitiativen, Selbstverpflichtungen der Wirtschaft oder ökonomische Anreize – Fehlanzeige. Und es bleibt offen, wie die Ziele der Bundesregierung beim nachhaltigen Konsum messbar werden sollen. Wann soll was erreicht werden? Mit dieser Unverbindlichkeit fällt das Programm weit hinter die deutschen Klimaschutzpläne zurück.

Außerdem wird Verantwortung einseitig bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern abgeladen. Die aber können nicht die alleinigen Weltenretter sein. Nur gemeinsam können Politik, Hersteller und der Handel eine Trendwende schaffen. Hersteller haben dafür zu sorgen, dass auf Farmen und in Fabriken auch im Ausland Menschenrechte, humane Arbeitsbedingungen und Umweltstandards gelten. Der Handel muss nachhaltig hergestellte Produkte so in den Regalen platzieren, dass Kunden sie finden, auch wenn sie nicht die hohen Umsätze von konventionell hergestellten Produkten erzielen.

Wahrscheinlich hätte sich Bundesumweltministerin Barbara Hendricks mehr gewünscht. Zähe und langwierige Verhandlungen mit den anderen Ressorts haben das Programm jedoch immer weiter verwässert. Wird so die deutsche Industrie geschont? Die Regierung muss auf die Innovationskraft der deutschen Industrie setzen. Bei den erneuerbaren Energien und beim Umweltschutz sind deutsche Hersteller globaler Trendsetter und Marktführer, gerade weil die politischen Rahmenbedingungen stimmen.

Wer nachhaltige Produktion und Konsum stärken will, muss Rahmenbedingungen schaffen. Dass Firmen und Handel einer ethisch-moralischen Aufforderung folgen, ist nur im Ausnahmefall zu erwarten. Durch das Zusammenspiel von Verbrauchern, Politik und Wirtschaft entsteht eine neue Dynamik. Das demonstriert eindrucksvoll das Beispiel Forum Waschen, eine Initiative von Geräte- und Putzmittelherstellern, Politik, Forschung sowie Verbraucher- und Umweltverbänden.

Hier setzt die Politik mit Ökodesign-Vorgaben den gesetzlichen Rahmen, damit Geräte umwelt-und klimafreundlich sind, aber auch glaubwürdig und leicht verständlich gekennzeichnet werden, etwa durch einen Blauen Engel oder das EU-Energielabel für Energieeffizienz. Die Waschmaschinenhersteller entwickeln Geräte, die bei niedrigeren Temperaturen und geringem Wasserverbrauch gut waschen. Waschmittelhersteller produzieren Waschmittel, mit denen bei geringer Menge und niedriger Waschtemperatur eine sehr gute Reinigungswirkung erzielt wird. Elektrohändler sorgen dafür, dass solche effizienten Geräte beworben werden und nicht in der hintersten Ladenecke verstauben. Und Verbraucher ändern durch Aufklärung und Information ihr Verhalten, indem sie tatsächlich die geringere Waschtemperatur einstellen und die Waschmittel so dosieren, dass weniger Chemie, Strom und Wasser verbraucht wird.

Verbraucher beklagen zunehmend die Kurzlebigkeit von Elektrogeräten. Ein Programm für nachhaltigen Konsum muss also auch die Geräte an sich ins Visier nehmen: Vorschriften zu Reparaturmöglichkeiten und einfachem Recycling müssen Teil des Paketes sein. Nichts ist umweltschädlicher als der Konsum immer wieder neu produzierter Elektrogeräte. So werden auch Preissignale gesetzt. Preise müssen die wahren Produktionskosten abbilden.

Nachhaltige Güter müssen perspektivisch preiswerter werden und einen Vorteil gegenüber nicht-nachhaltigen Gütern bieten. Dafür braucht es ein markantes und staatlich anerkanntes Siegel für nachhaltig produzierte Güter. Außerdem sind die Firmen zu verpflichten, über die Umwelt- und Sozialbedingungen in ihren Lieferketten zu berichten. Das muss für Textilien genauso gelten wie für Lebensmittel oder elektronische Geräte. Bleibt die Frage, wie wir Fortschritte beim nachhaltigen Konsum anhand klarer Kriterien messbar machen können. Auch hier ist die Politik gefragt. Ohne Vorgaben wird es nicht gehen.

Das nationale Programm für nachhaltigen Konsum hat also viel Potenzial, man muss es nur erschließen. Kurzfristig sollte die Bundesregierung mit gutem Beispiel vorangehen und bei der öffentlichen Beschaffung für Behörden oder auch bei Dienstfahrzeugen die Signale auf Nachhaltigkeit stellen.

Ingmar Streese leitet den Geschäftsbereich Verbraucherpolitik beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv).

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