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Muslime Mehr Teilhabe für Muslime

Deutschland muss aus den Misshandlungen in Hannover lernen und Einwanderer noch mehr integrieren als bisher. Wer Muslime am Zugang zur gesellschaftlichen Teilhabe hindert, drängt sie in Parallelgesellschaften ab. Der Gastbeitrag.

25.05.2015 15:44
Mohammed Khallouk
Muslime erfahren häufig, dass ihnen kein Respekt entgegengebracht wird. Foto: dpa

Medienberichte über Folterung und Erniedrigung von Flüchtlingen durch Bundespolizisten in Hannover haben die deutsche Öffentlichkeit aufgeschreckt. Leitartikelschreiber fragen sich landauf, landab, wie Beamte eines demokratischen Staates zu derartigen unmenschlichen Verhaltensweisen fähig sind. Nur selten wird Notiz an der offensichtlichen Tatsache genommen, dass beide Opfer – ein Afghane und ein Marokkaner – Muslime waren.

Von der moralischen Seite wären die Misshandlungen genauso verwerflich und abstoßend, wenn sie an Nichtmuslimen verübt worden wären. Erniedrigende Behandlungen von Muslimen – wenn auch nicht in gleichem Ausmaß – finden in Deutschland jedoch nicht nur bei der Bundespolizei statt. Auch in anderen öffentlichen Institutionen erfahren Muslime immer wieder, dass Amtsträger ihnen und ihrer Religion nicht den Respekt entgegenbringen, den sie in einem pluralistischen Gemeinwesen eigentlich erwarten dürfen.

Landesweit gibt es Berichte, wonach Lehrer muslimischen Schülerinnen im Sportunterricht nahelegen, ihr Kopftuch abzuziehen. In Schulbüchern für Politik, Philosophie oder Geschichte wird der Islam als gewaltfördernd oder patriarchalisch dargestellt. Nicht zuletzt ist die Berichterstattung deutscher Massenmedien nur selten geeignet, in der Mehrheitsgesellschaft bestehende Ressentiments gegenüber Muslimen zu verringern.

Wenn die im Grundgesetz geltenden Prinzipien des Gleichheitsgrundsatzes und der Religionsfreiheit auch Muslimen gegenüber praktische Relevanz besitzen sollen, sind alle, die in der deutschen Gesellschaft kollektive Verantwortung tragen, zu ihrem Beitrag gefordert. In erster Linie gilt dies für Politik und Medien, die ihr Bild des Islam überprüfen müssen, das sie vermitteln.

Islamfeindliche Propaganda

Die Polizisten in Hannover haben zweifellos mit ihren durch nichts zu rechtfertigenden Verbrechen Schuld auf sich geladen. Nichtsdestotrotz können auch sie in gewisser Weise als Opfer gesehen werden. Sie sind den Einflüssen bestehender islamfeindlicher Propaganda in der Öffentlichkeit erlegen und zogen subjektiv die Legitimität ihres Handelns daraus.

Damit die Worte des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff („Der Islam ist ein Teil dieses Deutschlands“) auch von den Muslimen selbst als gelebte Realität erfahren werden können, ist ihnen vielmehr die vollständige Teilhabe an gesellschaftlicher Verantwortung in diesem Land zuzugestehen. Dies beinhaltet nicht nur, von Amtsträgern vollständige Gleichbehandlung gegenüber Nichtmuslimen zu erfahren, sondern darüber hinaus selbst die ungehinderte Aufnahme in sämtliche Ämter und Funktionsbereiche zu erhalten. In einer Polizeistation mit einem repräsentativen Anteil muslimischer Beschäftigten wäre es kaum möglich gewesen, für eine Ungleichbehandlung oder gar Misshandlung von Muslimen auf Resonanz zu treffen. Ebenso würde es in einer Schule mit kopftuchtragenden muslimischen Sportlehrerinnen deren nichtmuslimischen Kollegen erheblich schwerer fallen, ihren Schülerinnen das Tragen des Kopftuchs im Unterricht zu verbieten.

Wer Muslime am Zugang zu gesellschaftlich relevanten Funktionen hindert, trägt nicht nur dazu bei, dass sich Voreingenommenheiten aus Unkenntnis heraus festsetzen, sondern drängt die Muslime außerdem in eine Parallelgesellschaft ab. Diese „Parallelgesellschaft“ lässt sich de facto auch in den Hochschulen feststellen, wo mittlerweile zwar fünf Zentren für spezifisch Islamische Theologie existieren, in den profanen Wissenschaftsdisziplinen Muslime jedoch nach wie vor im Lehrkörper unterrepräsentiert sind.

Muslimfeindlichkeit offenlegen

Dessen ungeachtet erleben die Muslime in Deutschland in den vergangenen Jahren, dass ihre Anliegen in immer mehr Gesellschaftsbereichen tatsächlich beachtet werden. Dieses Entgegenkommen haben sie nicht zuletzt der demokratischen Gewaltenteilung zu verdanken. Einige in der Mehrheitsgesellschaft noch gelegentlich auf Unverständnis treffende Verhaltensweisen, die zu ihrer Religion gehören, wurden ihnen trotz Widerständen aus Teilen von Politik und Medien letztlich gerichtlich zugestanden.

Aber auch in zahlreichen gemeinnützigen Einrichtungen erfahren die Muslime für ihre religionsbedingten Anliegen in jüngster Zeit immer häufiger Entgegenkommen. Krankenhäuser und Altenheime, aber auch Jugendherbergen bieten in immer größerem Umfang ohne Diskussionen Halal-Mahlzeiten an. Die Forderung nach eigenständigen islamischen Friedhöfen und Bestattungsriten trifft bei immer mehr Kommunen auf Resonanz. Selbst einige Firmen bieten muslimische Gebetsräume an oder werden zumindest von Betriebsräten dazu gedrängt. Die verstärkte öffentliche Präsenz der Islamverbände und ihre öffentlichkeitswirksamen Gemeinschaftsaktionen dürften einen wesentlichen Teil zu dieser Entwicklung beigetragen haben.

Wenn die nach wie vor bestehende Muslimfeindschaft in deutschen Behörden in gleichem Maße von den Medien offengelegt wird wie bisher Gewaltereignisse, ausgehend von mutmaßlichen Muslimen außerhalb der deutschen Grenzen, erzeugt dies in den betreffenden Institutionen öffentlichen Druck, der zum Umdenken führen könnte. Diskriminierung von Muslimen und erst recht ihre menschenunwürdige Behandlung finden im privaten wie im öffentlichen Raum kaum noch neuen Nährboden. Sie werden bei der deutschen Elite fortan in gleichem Maße auf Zurückweisung treffen wie Judenfeindschaft oder sexuelle Diskriminierung.

Mohammed Khallouk schreibt für den Zentralrat der Muslime in Deutschland wissenschaftliche Expertisen.

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