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Mobilität der Zukunft Saubere Autos gibt es nicht

Bei der Debatte, wie wir uns künftig fortbewegen, geht es nicht nur um Technik. Unsere Mobilitätskultur muss sich ändern. Der Gastbeitrag.

Parkhaus in Berlin Charlottenburg
Groß und größer: SUVs beherrschen das Stadtbild. Die großen SUV richten in der Stadt ein Mehrfaches an Schäden an als kleinere Fahrzeuge, meinen unsere Gastautoren. Foto: imago

Geht es bei der Mobilität der Zukunft tatsächlich ausschließlich um Technik? Wer die Diskussion aktuell verfolgt, wird praktisch nur mit Motortechnik – Elektroauto, Dieselmotor, Kohlendioxid aus dem Auspuff – konfrontiert.

Dabei geht es um viel mehr, und die Technik ist dabei nur ein Teil der Debatte. Zum Antrieb eines Fahrzeugs wird immer Energie nötig sein. Und auch, wenn fossile Brennstoffe durch Strom oder Wasserstoff ersetzt werden, kann dieser Umstieg allein nicht die Lösung sein. Denn, und das wird oft verschwiegen, auch die Produktion von Ökostrom ist aufwendig – ökologisch wie ökonomisch. Mit anderen Motoren allein ist eine emissionsarme oder langfristig von fossilen Rohstoffen völlig freie Mobilität nicht erreichbar. Dafür muss sich nicht nur die Hardware, sondern die Software im Kopf ändern:

Das bedeutet zum Einen, eine urbane Verkehrswende, zum Anderen eine Veränderung der Verhaltensweisen und der Mobilitätskultur. 2050 werden die meisten Menschen in Ballungsräumen leben. Dort sind schon heute – bei ähnlichen urbanen Randbedingungen – die Unterschiede in der Nutzung von Verkehr und Stadtumfeld enorm.

SUVs richten in Städten großen Schaden an

In Autostädten wie Bochum oder Stuttgart sitzen Menschen im Autostau, in Kopenhagen oder Amsterdam wird allein durch die Nutzung des Fahrrades oder der eigenen Füße weit mehr als die Hälfte des Verkehrs abgewickelt. Es mag zehn oder 15 Jahre dauern, die lokale Verkehrswende zu realisieren, aber das ist nicht länger, als eine neue Autogeneration am Markt zu etablieren.

Während in Brüssel nur über CO2-Einsparungen durch technische Effizienzgewinne gestritten wird, gibt es nicht einmal eine grobe Erfassung oder eine Unterstützung der Kommunen, die allein durch kluge Planung, Gestaltung öffentlicher Räume und Förderung des Umweltverbundes (Fuß, Rad, Bus und Bahn) weit mehr als 30 Prozent CO2 einsparen könnten. Abgesehen von der kurzen Phase der „Nulltarif-Debatte“ spielen urbane Experimente gegenwärtig so gut wie keine Rolle, trotz der riesigen Potenziale allein des öffentlichen Verkehrs. Nur einige wenige Städte werden (vom Bund in einem Programm „saubere Luft“) bei solchen Ansätzen überhaupt unterstützt.

Dabei sollte klar sein: Saubere Autos gibt es nicht. Das Spektrum reicht von dreckiger Batterieproduktion über angeblich sauberen „Ökostrom“ (der dann für andere Nutzungen fehlt), über Recyclingprobleme in gigantischem Ausmaß bis zu Mikroplastik beim Reifen-Abrieb. Autos, auch sogenannte saubere, bringen keine Lösung. Unsere gesamte Mobilitätskultur muss sich ändern.

Das fängt bei guter Öffentlichkeitsarbeit an: Die großen SUV richten in der Stadt – bei Straßenschäden und Unfällen – ein Mehrfaches an Schäden an als kleinere Fahrzeuge. Es wäre eine dringende Aufgabe für die Stadtverwaltungen, diese Fakten ihren Bürgern einmal klarzumachen, dann wird deutlich, warum diese in der Stadt nicht erwünscht sind. Statt mit Steuern breitere Parkplätze zu bauen, wären Parkverbote für zu große Autos in Stadtzentren eine simple und preiswerte Maßnahme.

Abrüstung der automobilen Geltungssucht

Auch die Menge der Fahrzeuge und die Art, wie sie gefahren werden, muss und kann sich ändern: Statt die gegenwärtige „Kultur“ der Raserei weiter zuzulassen, muss dem Gemeininteresse inklusive der öffentlichen Beförderung oberste Priorität eingeräumt werden. Die derzeit allgegenwärtige Aggression – auch durch immer feindseliger drohende Autofronten – muss abgebaut werden.

Nicht genug damit, dass die Potenziale aus einer anderen Stadtplanung und einer urbanen Verkehrswende die der Autotechnik klar übersteigen: Die Effizienzfortschritte der Motortechnik wurden durch größere Fahrzeuge, höhere Motorleistung und höhere Gewichte und nicht zuletzt immer aggressiveres Fahrverhalten fast vollständig zunichte gemacht. Es steht zu befürchten, dass genau dies beim E-Auto erneut passiert.

Natürlich muss es in der Mobilität auch eine neue „Hardware“ geben, ein Auto muss so sauber wie möglich sein. Vor allem aber muss es davon weniger und kleinere geben. Aber dafür muss endlich die Infrastruktur für die Verkehrswende weg vom Autos realisiert werden, und auch die „Software im Kopf der Menschen“ sollte sich ändern: Die Diskussion um die Mobilität der Zukunft, dreht sich gerade nicht um Motoren, sondern um eine Abrüstung der automobilen Geltungssucht.

Wolfgang Lohbeck ist Ex-Greenpeace-Mitarbeiter. Helmut Holzapfel ist Verkehrswissenschaftler und Mitglied des unabhängigen Beirats für Unternehmensverantwortung bei Daimler. 

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