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Krieg im Jemen Ein zweites Syrien verhindern

Laut Daw Mohammed, könnte der Krieg im Jemen schon bald katastrophale globale Auswirkungen haben, wenn er nicht bald beendet wird. Mehr als 21 Millionen Menschen sind dort auf Hilfe von außen angewiesen. Ein Gastbeitrag.

30.03.2016 19:19
Daw Mohammed
Die meisten Menschen wissen gar nichts vom Krieg im Jemen und welche humanitären Auswirkungen er mit sich bringt. Foto: dpa

Es war eine warme Nacht im März 2015. Ich schlief tief und fest, als mich um zwei Uhr plötzlich ohrenbetäubende Explosionen aus dem Schlaf rissen. Das Haus wackelte und die Fenster klapperten. Nervös schreckte ich auf und lief zum Fenster.

Als ich zum Himmel blickte, sah ich Luftangriffe und Flugabwehrraketen. Zehn Minuten lang knallte und krachte es pausenlos, und auch im Laufe der Nacht gab es immer wieder Explosionen. Stundenlang war ich von der Außenwelt abgeschnitten, konnte keinen Kontakt zu meinen Kollegen aufnehmen. Es war schrecklich festzustellen, dass innerhalb von zwei Jahren aus einstmals friedlichen Verhandlungen ein unerwarteter und sehr gewaltsamer Konflikt entstanden war.

Manch einen mag das alles an den Krieg erinnern, der vor fünf Jahren in Syrien ausgebrochen ist. Ich spreche aber nicht von Syrien, sondern von dem Krieg, der vor einem Jahr im Jemen begonnen hat. Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass es diesen militärischen Konflikt überhaupt gibt und welche humanitären Auswirkungen er mit sich bringt.

Kurz nach den Luftangriffen im Jemen wurden meine Kollegen und ich nach Amman evakuiert. Ich erinnere mich noch genau an die Schreie der Flugbegleiterinnen, als unser Flugzeug abhob. Sie fingen an zu weinen und hielten sich gegenseitig an den Händen, fürchtend, dass unser Flugzeug abgeschossen werden könnte. Ich hatte nur eine kleine Tasche gepackt, weil ich davon ausging, in ein paar Wochen zurückzukehren. Doch ich war ganze drei Monate weg. Und jetzt, ein Jahr nach Ausbruch des Krieges, ist immer noch kein Ende in Sicht.

Bevor der Konflikt eskalierte, fanden friedliche Gespräche zwischen jemenitischen Gruppen statt. Es gab Hoffnung, und alle waren gespannt auf einen neuen, friedlicheren Jemen. Doch im März 2015 änderte sich alles. Plötzlich fanden sich die jemenitischen Bürger inmitten eines internationalen Krieges wieder. Obwohl sie diejenigen sind, die die geringste Schuld daran tragen, zahlen sie den höchsten Preis.

Mehr als 21 Millionen Menschen sind auf Hilfe angewiesen. Das sind 80 Prozent der gesamten Bevölkerung. Mehr als 2,5 Millionen Menschen, jeder zehnte Jemenit also, mussten ihr Zuhause verlassen. Menschen lassen alles zurück, um an einen sicheren Ort zu gelangen. Ich habe einen Mann getroffen, der mehrmals mit seiner Familie von Sa’ada nach Amran geflohen ist. Als er mir von seiner Flucht erzählte, liefen ihm Tränen über die Wangen. Als seine Gemeinde aus der Luft attackiert wurde, sind seine Frau, seine fünf kleinen Kinder und er mit nichts außer der Kleidung, die sie am Leib trugen, geflohen. Jetzt ziehen sie von einem Dorf zum nächsten, um Unterstützung zu finden. Doch ohne Erfolg.

Das Leid der Menschen im Jemen ist untragbar. Wasser ist extrem knapp. Im Dorf Amran haben wir mit Frauen und Kindern gesprochen, die jeden Morgen um vier oder fünf Uhr in der Kälte Schlange stehen, um sauberes Wasser zu bekommen. Viele Gemeinden, die einst fließendes Wasser hatten, sind jetzt abhängig von Wasser aus Tanks. Und die sind nur begrenzt verfügbar. Millionen leiden unter Hunger und die Hälfte aller Kinder ist unterernährt. Lebensmittelimporte sind begrenzt. Daher schießt der Preis für sie in die Höhe, Nahrung wird für die meisten Menschen unbezahlbar. Viele Menschen leben in belagerten Gebieten und haben keinen Zugang zu sauberem Wasser oder Nahrung; sie verhungern buchstäblich.

Für die Helfer von Organisationen wie Care ist das Land aufgrund der anhaltenden Gewalt, der Explosionen, aber auch von Plünderungen und Entführungen zu einem unsicheren und schwierigen Arbeitsplatz geworden. In dieser Situation ist es nicht nur eine große Herausforderung, unsere Mitarbeiter zu schützen, sondern die Lage hindert uns auch daran, alle hilfsbedürftigen Menschen zu erreichen.

Es wird Zeit, dass die Welt aufwacht und handelt, bevor der Jemen das nächste Syrien wird. Vor fünf Jahren, als der Krieg in Syrien begann, schaute die Welt einfach weg. Wir dürfen nicht zulassen, dass im Jemen das Gleiche passiert.

Wenn dieser Konflikt noch jahrelang so weitergeht, könnte er sich auch weit über die Grenzen des ärmsten Landes im Nahen Osten ausbreiten. Dann steht uns die nächste große Flüchtlingswelle bevor. Weitere Flüchtlinge werden ihr Leben riskieren und sich auf der Suche nach Sicherheit und Schutz in wacklige Schlauchboote setzen. Wir würden einem Anstieg von Rechtlosigkeit und bewaffneten Gruppen begegnen. Der Jemen würde ein „failed state“ mit ernsten Auswirkungen auf regionaler und globaler Ebene werden.

Eine friedliche, politische Lösung ist der einzige Weg zu einem Ende der humanitären Krise. Der Krieg kann nur dann beendet werden, wenn alle Konfliktparteien ihre Waffen dauerhaft niederlegen und Friedensgespräche wieder aufnehmen. Unterbrechungen der Kampfhandlungen erlauben zwar kurzfristig humanitäre Hilfslieferungen – darüber hinaus sind sie jedoch ineffektiv für ein Ende des Konflikts. Die Konfliktparteien müssen sich an internationales Recht halten und Angriffe auf zivile Wohngegenden unterlassen.

Je länger dieser Krieg andauert, desto schlimmer werden die Folgen für die Zivilisten und die Stabilität der Region. Bald schon könnte es unmöglich werden, diesen Konflikt noch länger zu ignorieren. Jetzt ist die Zeit für internationale Mächte, zu handeln und alle Parteien dazu zu bringen, eine politische Lösung zu finden, bevor auch hier dem ersten Jahrestag ein fünfter folgt und wir vor katastrophalen globalen Auswirkungen stehen.

Daw Mohammed ist Länderdirektor der Hilfsorganisation Care im Jemen.

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