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Klima-und Tierschutz Erlöst die Konsumenten

Gute Vorsätze alleine reichen nicht. Das Klima lässt sich besser schützen mit Standards und Limits als mit Appellen, die niemand umsetzt. Ein Gastbeitrag.

Weitgehend unbemerkt wurde seit 2003 der Auslauf für Legehühner in der EU verdoppelt. Foto: MD Mehedi Hasan (imago stock&people)

Alle Jahre wieder: Kaum sind die guten Wünsche zur Weihnachtsfeier ausgesprochen, geht es schon weiter mit den guten Vorsätzen fürs neue Jahr. Nicht mehr rauchen, abnehmen, weniger arbeiten, mehr mit Freunden treffen und das Leben genießen. Meistens klappt es dann nicht so wie erhofft. Der Wille ist wohl vorhanden, aber Gewohnheiten und Routinen schwächen die Bereitschaft zur Veränderung.

Gute Vorsätze finden sich auch bei ökologischen Themen. Über 80 Prozent der Bundesbürger sprechen sich für bessere Bedingungen bei der Tierhaltung aus, ebenso viele wünschen sich weniger Autoverkehr in den Städten. Neun von zehn begrüßen eine ambitionierte Klimaschutzpolitik. Allein, bei sich selbst anfangen, das möchten nur wenige. Was bringt es schon, das Auto stehen zu lassen, wenn niemand mitmacht?

Seit über drei Jahrzehnten gibt es Kampagnen und Initiativen für den Umweltschutz. Viele fliegen inzwischen mit schlechtem Gewissen in den Urlaub. Doch geflogen wird mehr als je zuvor. Wohnungen, Fernseher und Kühlschränke wurden zusehends größer. Die Industrie stimuliert den Überflusskonsum. Sie gibt jährlich über 30 Milliarden Euro für Werbung aus.

Offenbar gelingt es vielen Bundesbürgern, mit krassen Widersprüchen zu leben. Den Hund verhätscheln und zugleich Billigwürstchen aus martialischer Tierhaltung auf den 800-Euro-Grill legen: Diese Form der Schizophrenie beherrschen auch viele Politiker. Sie fordern vehement Klimaschutz und lassen Jahr für Jahr neue Straßen und Fluglandebahnen bauen. Sie verabschieden Lärmschutzpläne, um gleich darauf Tempo 30 abzulehnen.

Und wie lässt sich dies überwinden? Wie kann geschehen, was viele wollen? Das Konzept der Ökoroutine macht einen einfachen Vorschlag: die Verhältnisse ändern statt das Verhalten. Erlöst die Konsumenten von den permanenten Appellen! Die machen nur schlechte Stimmung und bewirken kaum etwas. Stattdessen heben wir die Standards und definieren Limits.

Elektrogeräte, Häuser und Autos wurden effizienter, weil wir die gesetzlichen Standards erhöht haben. Beispielsweise hatten unsere Geräte im Wohnzimmer häufig einen Stromverbrauch von 30 Watt, wenn sie scheinbar ausgeschaltet waren. Die Standby-Verordnung der EU hat den Maximalverbrauch auf 0,5 Watt begrenzt. Von den eingesparten Stromkosten profitieren 500 Millionen Konsumenten in der Europäischen Union.

Weitgehend unbemerkt wurde seit 2003 der Auslauf für Legehühner in der EU verdoppelt. Für die Landwirte sind steigende Standards kein Problem, solange sie für alle Mitbewerber in der Union gelten. Und erst vor Kurzem erklärte Philipp Skorning, Chefeinkäufer bei Aldi-Süd, er würde höhere Standards begrüßen – am besten EU-weit.

Durch steigende EU-Standards könnten die ab dem Jahr 2033 zugelassenen Autos emissionsfrei sein. Wie die Automobilindustrie dieses Ziel erreicht, darüber muss sich die Politik nicht den Kopf zerbrechen. Darum werden sich die Ingenieure kümmern. Statt nur mit moralischen Appellen von den Konsumenten das „richtige“ Verhalten einzufordern, ist es viel effektiver, die Produktion zu verbessern.

Neben Standards braucht es Limits, etwa für den Flugverkehr. Wenn wir uns ernst nehmen beim Klimaschutz, gilt es die weitere Expansion zu begrenzen. Die Deutschen fliegen zu viel. Es darf nicht noch mehr werden. Der Vorschlag: Wir limitieren die Starts und Landungen auf das gegenwärtige Niveau. So ließe sich die Expansion begrenzen.

Und was geschieht mit den guten Vorsätzen zum neuen Jahr? Statt sich dem persönlichen Ohnmachtsgefühl hinzugeben, sollten Sie demonstrieren. Die beschriebenen Strukturen und Limits kommen nicht von allein. Dafür müssen sich Menschen engagieren. Ein schlichte Form von Engagement ist Protest, etwa bei der Demo „Wir haben es satt!“. Sie können am 20. Januar nach Berlin fahren und mitmarschieren. Passend zur Grünen Woche fordern dort Zehntausende die bessere Standards in der Landwirtschaft.

Oder Sie besetzen ein Braunkohlerevier. Wem das zu riskant ist, kann an der Critical Mass teilnehmen, einer internationalen Fahrraddemo, jeden letzten Freitag im Monat. Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl und man erfährt: Ich bin nicht allein. Es gibt noch andere, die sich einmischen. Außerdem haben es die Reformer in der Politik leichter, strukturelle Veränderungen ins Werk zu setzen. Ihren Enkeln können Sie erzählen: Ich habe Widerstand geleistet und laut protestierend Veränderungen gefordert. Das fühlt sich gut an.

 

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