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Kinder in Deutschland Kinder haften für ihre Eltern

Familien haben oft keine festen Strukturen und Werte mehr. Auch kennen die meisten Kinder weder Mangel noch elterliche Überstrenge. Das bürdet dem Nachwuchs die Rolle des Stabilisators auf. Der Gastbeitrag.

30.03.2015 14:40
Von Stephan Grünewald
Familienidyll wie aus dem Bilderbuch: ein Wunsch vieler Eltern. Foto: imago/Westend61

Die Kindheit hat zu jeder Zeit ihr eigenes Gepräge. Nach dem Krieg war sie durch Entbehrungen und Mangelerfahrungen auf allen Ebenen bestimmt. In den 60er Jahren des Wirtschaftswunders durch eine kleinbürgerliche Strenge. Die Ergebnisse der aktuellen „Rheingold“-Studie über den Alltag der Kinder in Deutschland zeigen, dass die meisten Kinder weder Mangel noch elterliche Überstrenge kennen. Sie verfügen im Vergleich mit vielen anderen Ländern über eine paradiesisch anmutende materielle Grundausstattung. Und sie haben in der Regel verständnisvolle und tolerante Eltern, die viel Zeit für sie aufbringen und Partner oder Freund ihrer Kinder sein wollen.

Eine Einbuße erfahren die Kinder heute auf einer ganz anderen Ebene. Sie erleben ihre grundsätzliche Lebensordnung als labil. Fast jedes Kind weiß darüber zu berichten, dass sich in seinem unmittelbaren Umfeld Familien getrennt haben, dass Mütter die Kinder alleine erziehen oder Patchworkfamilien entstehen. Das Damokles-Schwert der familiären Zerrissenheit und Brüchigkeit schwebt heute über der Kindheit. Ein Krach in der Familie schürt daher oft Ängste, dass jetzt auch die eigene Familie auseinanderbrechen könnte.

Die labile Grundordnung macht sich auch daran fest, dass heute Vater und Mutter kein klares Rollenbild mehr haben. Zuständigkeiten und Ansprechpartner sind oft nicht klar geregelt. Alle fühlen sich für alles und nichts verantwortlich, was häufig zu Streitereien führt. Die Kinder erleben daher die Eltern in ihrem Spagat zwischen Beruf, Familie und eigenen Interessen oft als überfordert. Selbst wenn die Eltern physisch präsent sind, sind sie oft psychisch abwesend. Sie erscheinen den Kindern daher als wenig verlässlich – zumal sie häufig zwischen den Rollen Erzieher, Freund und Vertrauter wechseln.

Die labile familiäre Grundordnung stellt heute die eigentliche Verunsicherung und Herausforderung der Kindheit dar. Viele Kinder erleben es als ihren geheimen Auftrag, das labile Familiensystem zu stabilisieren. Unbewusst fühlen sie sich dafür verantwortlich, dass die Familie zusammenhält. Sie entwickeln daher ein sensibles Frühwarnsystem, wenn Krach droht. Sie beschwichtigen dann, sie vermitteln, sie wirken beruhigend auf ihre Eltern ein. Zuweilen avancieren sie sogar zu den Alltagstherapeuten ihrer Eltern: Sie trösten die traurige Mutter oder bestärken den enttäuschten Vater.

Manchmal werden die Kinder aber auch selber zum Problemkind, um die Eltern durch die eigenen Auffälligkeiten wieder zum Schulterschluss zu zwingen. Sie übernehmen so sehr früh in den Familien eine erwachsene oder gar elterliche Position. Die Aufgabe der familiären Systemstabilisierung überfordert jedoch die Kinder und lässt ihnen wenig Raum, sich Gedanken um große politische Themen zu machen.

Angesichts der verspürten Labilität und mangelnden Verlässlichkeit lassen sich die Kinder heute auf niemanden – weder auf die Eltern noch auf den Freundeskreis – ganz und gar ein. Sie errichten ein Absicherungsnetzwerk auf mehreren Ebenen, das als soziales Back-up fungiert. Smartphones, Computer und soziale Netzwerke werden genutzt, um zeitgleich mit Eltern, Freunden oder Bekannten verbunden zu sein. Ohne diese virtuelle Daueranbindung befürchten sie den sozialen Absturz. Die Sehnsucht nach einer verlässlichen Welt, die eine kindliche Unbeschwertheit und totale Aufgehobenheit verspricht, manifestiert sich auch in den Träumen vieler Kinder, zu Superstars oder Topmodels zu werden, die von allen bewundert und versorgt werden. Allerdings gibt es in der Vorstellung vieler Kinder zwischen glanzvollem Aufstieg und bodenlosem Absturz kaum Zwischenstufen. Entweder sehen sie sich im Superstar-Himmel oder in der Loser-Hölle.

Diese Kippeligkeit der Entwicklungs-(Alp)träume ist so immens, dass Heranwachsende oft in einer Art Larvenzustand verbleiben. Sie bleiben äußerlich eher brav und angepasst und scheuen entschiedene Festlegungen. Mitunter bremsen sie sich auch im Hinblick auf eine offen ausgelebte Pubertätsrevolte ab. Denn sie befürchten, als rebellisches Kind das labile Familiensystem noch zusätzlich zu belasten. Der Ausbruch der Pubertierenden findet daher oft nur sporadisch statt. Dann aber in der überkompensierten Form eines begrenzten Exzesses, bei dem man sich einmal von allen Verpflichtungen zu befreien sucht.

Und was wünschen sich die Kinder insgeheim von ihren Eltern? Dass sie die Elternrolle annehmen und die Kinder Kind sein lassen. Eltern sollten daher den Mut haben, einen Rahmen, eine Familienethik festzulegen und einen eigenen Standpunkt zu beziehen, der sie auch angreifbar macht. Das ist allerdings heute viel anspruchsvoller als früher, weil jede Familie für ihre Lebenssituation passende Regeln entwickeln kann und muss. Standardisierte Rollenmuster, die unhinterfragt übernommen werden müssen, haben sich aufgelöst. Sie passen auch nicht mehr zu einer emanzipierten Gesellschaft.

Das stellt jede Familie aber auch vor die Aufgabe, eine eigene Familienkultur zu entwickeln. Das geht nicht ohne Auseinandersetzung und Konflikte. Die Eltern sollten daher nicht heile Welt spielen, sondern zu diesen Konflikten stehen – und sie selber lösen. Kinder sind weder Partnerersatz noch Erfüllungsgehilfen elterlicher Entwicklungswünsche. Von daher sollten die Eltern die Kinder fürsorglich, aber auch kritisch bei ihrer Entwicklung begleiten. Indem die Eltern klare Spielregeln vorgeben, bieten sie ihren Kindern nicht nur Halt, sondern geben ihnen auch die Möglichkeit zur Rebellion.

Stephan Grünewald ist Mitbegründer des Marktforschungsinstituts Rheingold.

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