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Kapitalismus Braucht die Welt den Finanzsektor?

An die Stelle einer sozialen Marktwirtschaft ist eine antisoziale Wirtschaft getreten. Hier steht nicht mehr das Wohl der Bevölkerung, sondern das Wohl des Finanzsektors und einer reichen Elite im Vordergrund. Ein Essay von Mohssen Massarrat.

Frankfurt
Das Bankenviertel in Frankfurt. Foto: Imago

Vor zehn Jahren begann die zweite internationale Finanzkrise. Es gelang den Regierungen in den USA, der EU und Japan mit Rettungspaketen im Umfang von über Tausend Milliarden US-Dollar einen völligen Zusammenbruch des Finanzsystems wie in 1929 zu verhindern. Wird man aber noch einmal zu einem solchen Kraftakt zu Lasten der Steuerzahler in der Lage sein? Denn die neue Finanzkrise kommt bestimmt. Selbst Janet Yellen, die ehemalige Chefin der US-Zentralbank, schließt sie nur „zu unseren Lebzeiten“ aus. Ist es angesichts der historischen Erfahrungen und der Gefahr einer neuen Krise nicht an der Zeit, die Frage zu stellen, ob die Welt den Finanzsektor überhaupt noch braucht? Ein Rückblick auf die letzten Dekaden Entstehungsgeschichte des gegenwärtigen Finanzsektors kann helfen, auf diese Frage eine Antwort zu geben.

Fakt ist, dass der Finanzsektor in der Nachkriegsära im Wesentlichen einer effizienten Geld- und Kreditversorgung für die Realwirtschaft gedient und als selbstständiger Sektor für Finanzspekulationen jedoch so gut wie keine Rolle gespielt hat. Alles wurde aber anders, als die keynesianische Politik der kreditfinanzierten Staatsausgaben in den 1980er Jahren an ihre Grenzen stieß und neoliberale Konzepte sich breit machten. Die neuen Propheten hatten hohe Arbeitskosten als Hauptgrund für die Wachstums- und Beschäftigungskrise jener Epoche ausgemacht.

Die Therapie lautete folgerichtig, die Löhne so konsequent wie möglich zu senken, koste es was es wolle. Tatsächlich ist diese Rezeptur auch aus einzelbetrieblicher Sicht so logisch wie banal. Ein einzelner Betrieb kann seine Absatzkrise durch Lohnsenkungen kurzfristig tatsächlich lindern. Das setzt aber voraus, dass in allen anderen volkswirtschaftlichen Betrieben die Löhne nicht sinken. Ganz anders ist aber, wenn die Löhne in der gesamten Volkwirtschaft - und dies in vielen Staaten beinahe gleichzeitig - sinken würden.

Dann fehlte die Nachfrage, die Binnenmärkte wären massiv geschwächt und die Absatzkrise zusätzlich verschärft. Genau das passierte in allen wichtigen kapitalistischen Staaten zwischen 1975 und 2015. In diesem Zeitraum sanken die Lohnquoten in den USA von 61 auf 57 Prozent, in Deutschland von 64 auf 56 Prozent, in Großbritannien von 66 auf 57 Prozent, in Frankreich von 78 auf 58 Prozent und in Japan von 78 auf 58 Prozent. Gleichzeitig schrumpften auch die Wachstumsraten des BIPs in den USA von 3 auf 2 Prozent, in Deutschland von 2,5 auf 2 Prozent, in Großbritannien von 2,3 auf 2 Prozent, in Frankreich von 3 auf 1 Prozent und in Japan von 5 auf 1 Prozent.

Unternehmer konnte Gewinne nicht investieren

Der Grund für diese negative Entwicklung liegt klar auf der Hand: Unternehmer erwirtschafteten dank sinkender Arbeitskosten zwar überschüssige Gewinne, sie konnten sie jedoch angesichts schrumpfender Massenkaufkraft und Binnenmärkte nicht in der Realwirtschaft investieren. Tatsächlich sanken auch die Investitionsraten in den USA, der EU und Japan zwischen 1975 und 2010 von 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 18 Prozent. Im Klartext bedeuten diese Zahlen, dass die Unternehmer der westlichen Industrieländer über dreieinhalb Dekaden ihre Beschäftigten mit Dumpinglöhnen abgespeist, weniger investiert und weniger Jobs geschaffen haben, um überschüssige Gewinne zu erwirtschaften. Was ist aber in dieser Zeit mit diesen Gewinnen passiert, die nachweislich der Realwirtschaft vorenthalten wurden?

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