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Israel Die beschämende Tragödie von Gaza

Die israelische Armee geht am Grenzzaun mit scharfer Munition gegen Demonstranten vor. Dabei könnte sie aus der Geschichte lernen, dass das der falsche Weg ist. Der Gastbeitrag.

Gaza
Beim Protest an der Grenze zu Israel schützt sich ein palästinensischer Junge vor Tränengas der israelischen Armee. Foto: rtr

Am 30. März erschoss die israelische Armee am Zaun, der den Gazastreifen von Israel trennt, 17 Palästinenser mit scharfer Munition. Daraufhin postete Kobi Meidan, einer der führenden Journalisten in Israel, wenige Worte: „Heute schäme ich mich, Israeli zu sein.“

Meidans Leben veränderte sich sofort. Die zahllosen Drohungen gegen ihn waren trivial im Vergleich zur Reaktion des Kommandanten des Armeeradios, Galei Tzahal, bei dem er arbeitet: Der forderte seine Entlassung. In der Woche darauf versuchten hunderte Israelis, Meidan klarzumachen, wie stolz er auf sein Land sein sollte.

Israelis schämen sich für ihr Land

Viele Israelis haben jedoch aufgehört, stolz auf ihr Land zu sein. Sie haben sogar begonnen, sich zu schämen. Nicht nur wegen des sinnlosen Tötens an der Grenze zu Gaza, sondern auch wegen der Korruptionsskandale des Premierministers und seiner Vertrauten und wegen der Anstrengungen der Regierung, etwa 34.000 Asylsuchende zu deportieren.

Die Verwendung von scharfer Munition gegen Demonstrierende ist verachtenswert. Der Staat Israel, der über modernste Ausrüstung verfügt, um mit Demonstrationen fertig zu werden, hätte andere Mittel gehabt, um auf die Proteste zu reagieren.

Die massive Krise in Gaza ist kein Geheimnis. Die nahende humanitäre Tragödie ist eine unausweichliche Tatsache. Die Vorbereitungen für einen Marsch der Massen zur Grenze waren offen und klar. Israel erklärte im Voraus, es werde scharf schießen, und war sogar bereit, „den Preis dafür zu zahlen“. Die Entscheidung zielte auf Einschüchterung und Abschreckung, während sie die Einsatzkosten senkte, indem sie die Truppenstärke zur Sicherung des Zauns minimierte.

Israel sollte es besser wissen. Dass es der falsche Weg ist, scharfe Munition gegen Demonstrierende einzusetzen, hat uns die Geschichte immer wieder gelehrt. Am 5. März 1770 versammelten sich amerikanische Demonstranten vor dem britischen Zollhaus in Boston. Manche bewarfen die britischen Soldaten, die verhindern sollten, dass irgendwer eine bestimmte Linie überquerte, mit Gegenständen.

Irgendwann eröffnete jemand das Feuer: Fünf Demonstranten wurden getötet und sechs verletzt. Dieser Zwischenfall ging als Massaker von Boston in die Geschichte ein und gilt als einer der Wendepunkte im Vorlauf zum amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.

Auch in Indien hat es ein Massaker gegeben, das einen Wandel hervorbrachte. Am 13. April 1919 töteten indische Soldaten im Dienst der britischen Armee in der Stadt Amritsar im Punjab 379 indische Protestierende und verletzten Tausende mehr, die meisten Angehörige der Sikh-Religion.

Am 21. März 1960 marschierten tausende Demonstrierende zur Polizeiwache von Sharpeville, Südafrika. Sie waren mit Zorn und mit Steinen bewaffnet, die sie gegen die Polizei schleuderten. Die eröffnete das Feuer, tötete 69 Personen und verletzte 180. Viele wurden von hinten erschossen, während sie vor den Kugeln flohen.

Das Ereignis wurde als Massaker von Sharpeville bekannt und brachte Nelson Mandela dazu, sich für den bewaffneten Widerstand zu entscheiden. Es gilt bis heute als dramatischer Wendepunkt in der Geschichte Südafrikas und als Symbol des Kampfes gegen die Apartheid und gegen Rassismus insgesamt.

Am 30. März 2018 versammelten sich zehntausende Palästinenserinnen und Palästinenser wenige hundert Meter vom Grenzzaun. Sie begannen darauf zuzugehen, schwenkten Fahnen und waren mit brennenden Reifen bewaffnet, die den Himmel schwärzten. 17 Demonstranten wurden erschossen und hunderte verletzt, viele von ihnen durch scharfe Munition. Die Geschichte hat noch keinen Namen für diesen Zwischenfall. Ähnliche Märsche sind in Gaza bis zum 15. Mai geplant.

Wie sich das Töten auf die Zukunft auswirken wird, ist noch unbekannt, aber es könnte ein Wendepunkt sein. Die Aktionen der Palästinenserinnen und Palästinenser und die israelische Reaktion darauf sind vorhersehbar. Wie die Welt darauf reagieren wird, ist aber völlig unbekannt. Einer Sache sind wir uns sicher: Ohne internationale Antwort darauf könnte dieses Ereignis bedeutungslos bleiben.

Als südafrikanischer Präsident wählte Nelson Mandela Jahrzehnte später Sharpeville als den Ort für die Unterzeichnung der neuen Verfassung seines Landes. Die kommenden Tage und Wochen werden entscheiden, welche Lehren aus der Tötung von Demonstrierenden in Gaza gezogen werden.

Diese Tragödie muss einen hoffnungsvollen Horizont der Befreiung eröffnen, damit wir uns ihrer dereinst als Wendepunkt zum Besseren erinnern können. Das liegt in unser aller Händen.

Alon Liel ist ehemaliger Generaldirektor im israelischen Außenministerium. Er war auch Botschafter Israels in Südafrika.

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