Lade Inhalte...

Industrie Thyssen-Krupp und die Heuschreckenplage

Im Ruhrgebiet geht eine Ära zu Ende: Die Stahlproduktion hat ihre Eigenständigkeit verloren, und jetzt droht auch noch dem Restkonzern das Aus. Der Gastbeitrag.

Thyssen und Krupp-Hoesch, das ist montanindustrielle Geschichte schlechthin. Schon 1992 hatte Krupp den Dortmunder Hoesch-Konzern feindlich übernommen, 1997 folgte dann die ebenso schwierige Fusion der beiden Konzerngiganten.

Es wäre fast zu einer zweiten feindlichen Übernahme durch Krupp gekommen. Am Ende einigte man sich aber nach massiven Protesten der Beschäftigten und unter Vermittlung der Politik weitgehend „friedlich“. Seitdem ziert der Thyssen-Bogen über den Krupp-Ringen das Firmenlogo. Beide Konzerne für sich blickten bis dahin auf eine mehr als 100-jährige Industriegeschichte an Rhein und Ruhr zurück.

Es muss nach dieser Vorgeschichte allen Beteiligten bei Thyssen-Krupp schwergefallen sein, der gerade erst vom Aufsichtsrat genehmigten Ausgliederung der Stahlsparte und einer Fusion mit dem indischen Konkurrenten Tata Steel zuzustimmen. Der Ablösungsprozess dauerte zwei lange Jahre.

Mit der Fusion zu einem Gemeinschaftsunternehmen, an dem Thyssen-Krupp und Tata jeweils zur Hälfte beteiligt sind, und der Verlagerung des neuen Firmensitzes in die Amsterdamer Region geht eine Stahl-Ära im Ruhrgebiet zu Ende. Jetzt entsteht der zweitgrößte europäische Stahlkonzern mit Standorten in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden sowie 48.000 Beschäftigten, von denen 27.000 von Thyssen-Krupp und 21.000 von Tata gestellt werden.

Der Arbeitnehmerseite war von Anfang an klar: Dies wird vor dem Hintergrund von Überkapazitäten im Stahlmarkt, die die Margen drücken, und wegen der vom Management erhofften Synergieeffekte massiv Arbeitsplätze kosten. Immerhin konnte dem neuen Stahlkonzern eine achtjährige Arbeitsplatzgarantie abgerungen werden. Mehr war, trotz weitreichender Mitbestimmung, offensichtlich nicht drin.

„Es ist ein historischer Schritt“, sagte der kurz nach dem Fusionsabschluss überraschend zurückgetretene Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger, der sieben Jahre an der Spitze von Thyssen-Krupp stand und ein marodes Erbe übernommen hatte. Er muss geahnt haben, was nach der Stahlfusion im Rest- und Mischkonzern Thyssen-Krupp auf ihn zukommt, nämlich die jetzt mögliche Zerschlagung von Thyssen-Krupp. Zynisch könnte man fast sagen: Da hat die Stahlsparte ja geradezu „Glück“ gehabt, dass sie sich noch rechtzeitig abgesetzt hat.

Wie groß die seit langem bei Thyssen-Krupp schwelende Krise unter anderem wegen gigantischer Fehlinvestitionen, Kartellstrafen sowie Kapital- und Beschäftigungsverlusten mittlerweile ist, zeigt der jetzt noch zusätzliche Abgang des Aufsichtsratsvorsitzenden Ulrich Lehner zum Monatsende. Lehner und Hiesinger begründen ihre Rücktritte mit einer nur mangelhaften Unterstützung der beiden Großaktionäre Cevian und Elliott im Aufsichtsrat. Ein abgestimmtes Verständnis über die weitere strategische Ausrichtung des Rest-Konzerns sei nicht mehr möglich gewesen.

Größter Kapitaleigner und Aktionär bei Thyssen-Krupp ist mit 21 Prozent immer noch die Krupp-Stiftung, aber dicht gefolgt von dem 2013 bei dem Konzern eingestiegenen schwedischen Finanzinvestor Cevian Capital mit 18 Prozent.

Der 13 Milliarden Euro schwere Finanzfonds, der das Geld seiner vermögenden Anleger vor allem in Industrieunternehmen anlegt, die man an der Börse für unterbewertet hält, gilt als aktionistisch. Ist der Finanzinvestor erst einmal an Bord, will er mitreden und strategische Weichenstellungen vornehmen, die immer nur auf das eine abzielen: kurzfristigen Profit. Dieser nicht nachhaltige, destruktive Prozess findet gerade bei Thyssen-Krupp statt. Und zwar heftig!

Der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering nannte Finanzinvestoren zu Recht „Heuschrecken“, die das Geld von Superreichen rücksichtslos in der produzierenden Wirtschaft anlegen. Sie wollen maximale Renditen realisieren, und zwar schnell. Sie nehmen keine Rücksicht auf Miteigentümer oder Stakeholder, schon gar nicht auf die Beschäftigten in den Unternehmen. Dividendenzahlungen von 0,15 Euro je Stückaktie, wie in den letzten beiden Geschäftsjahren bei Thyssen-Krupp, reichen den gierigen Finanzinvestoren nicht.

Das alles sollte man eigentlich wissen, wenn man sich eine „Heuschrecke“ ins Haus holt. Für den Kardinalfehler des Managements und des Aufsichtsrats bezahlt das Traditionsunternehmen nun teuer. Es könnte sogar das Ende des Mischkonzerns Thyssen-Krupp bedeuten, der mit 43 Milliarden Euro und gut 156 000 Beschäftigten immer noch ein Gigant ist – aber auch mit einer viel zu dünnen Eigenkapitalquote von nur 9,7 Prozent.

Das wird weitere „Heuschrecken“ anlocken, die sich am Ende die Filetstücke aus Thyssen-Krupp herausschneiden wollen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen