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Gastbeitrag Wir brauchen mehr Medizinstudenten

Nicht nur die gerechte Verteilung der Studienplätze ist eine Aufgabe. Die Bundesländer müssen mehr Ärztinnen und Ärzte ausbilden.

Kurz vor Weihnachten hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass der Zugang zum Medizinstudium reformiert werden muss: Das Auswahlverfahren muss gerechter werden. Das ist eine richtige Entscheidung, denn wer ein guter Arzt oder eine gute Ärztin wird, hängt nicht nur von Abiturnoten ab. Auch die Kritik des Gerichts an langen Wartezeiten ist berechtigt.

Die eigentliche Aufgabe ist aber nicht, die zu geringe Zahl von Studienplätzen gerechter auf die Bewerberinnen und Bewerber zu verteilen. Das Hauptproblem ist, dass Deutschland schon seit Jahren viel zu wenige Medizinerinnen und Mediziner ausbildet. Wir sollten froh sein, dass so viele diesen Beruf ergreifen wollen, denn wir brauchen mehr Ärztinnen und Ärzte. Es müssen also mehr Studienplätze in Medizin geschaffen werden.

Viele Haus- und Facharztpraxen gerade im ländlichen Raum können nicht wiederbesetzt werden, in Krankenhäusern fehlt Personal. Weil wir selbst zu wenige Ärztinnen und Ärzte ausbilden, kommen sie aus dem europäischen Ausland – das schließt die Löcher in der medizinischen Versorgung in Deutschland nicht, reißt aber dafür in einigen Ländern wie Polen große Lücken in das dortige Gesundheitssystem.

Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD im Bund steht, dass mehr Medizinstudienplätze eingerichtet werden sollen. Das ist erfreulich. Aussagen zur konkreten Ausgestaltung gibt es aber nicht, weder eine Größenordnung ist angekündigt, noch ein Verteilungsschlüssel dafür, wo die Studienplätze geschaffen werden sollen. Das ist ziemlich dünn. Aus grüner Sicht müssen es mindestens zehn Prozent mehr Studienplätze werden, um das Problem ernsthaft anzugehen.

Dass die meisten Bundesländer so wenige Studienplätze anbieten, liegt vor allem an den hohen Kosten, die ein Medizinstudium verursacht. Es kostet den Staat rund 180 000 Euro – sechs Mal so viel wie beispielsweise ein Jurastudium. Hessen ist auf einem guten Weg und bildet mit 1,61 Studierenden pro 1000 Einwohner bereits deutlich über dem Bundesdurchschnitt aus, der bei 1,26 Studierenden pro 1000 Einwohner liegt. Auch das lässt sich mit Unterstützung des Bundes sicher noch steigern.

Andere Bundesländer beteiligen sich viel weniger oder wie Bremen und Brandenburg gar nicht an der kostspieligen Ausbildung unserer Ärztinnen und Ärzte und verlassen sich darauf, dass andernorts ausgebildete Mediziner die Lücken in der Versorgung schließen. Niedersachsen bildet lediglich 0,79 Studierende pro 1000 Einwohner aus, weit unter dem Bundesdurchschnitt.

Um das zu ändern, sollte die finanzielle Belastung fair auf alle Bundesländer verteilt werden. Eine Möglichkeit dafür wäre ein echter Finanzausgleich. Das heißt, alle Bundesländer, die zu wenige Medizinstudierende ausbilden, zahlen einen Beitrag für die Differenz zwischen dem Soll, das sie statistisch ausbilden müssten, und dem Ist, das sie tatsächlich zur Ausbildung beitragen. Umgekehrt erhalten Bundesländer, die über ihren Bedarf ausbilden, die Differenz zwischen Soll und Ist zurück.

Noch besser wäre es, wenn der Bund nicht nur einen Ausgleich dafür zahlt, dass der Ausbau der Studienplätze um zehn Prozent aufgestockt wird, sondern einen direkten Zuschuss für die Medizinerausbildung leistet, der proportional zur Ausbildungsleistung gezahlt wird. Das hätte den Vorteil, dass finanzschwache Bundesländer nicht überfordert werden. Ziel muss es sein, dass überall die Zahl der Studienplätze steigt und junge Menschen nicht in andere Bundesländer oder gar ins Ausland gehen müssen, um Medizin studieren zu können.

Ein weiteres Problem ist die unzureichende finanzielle Ausstattung der Universitätskliniken. Sie sind für die Ausbildung der Medizinstudierenden unverzichtbar, und sie haben eine besondere Rolle im Gesundheitssystem: Hier werden sehr spezielle und kostenintensive Krankheitsfälle behandelt. Diese Leistung wird finanziell nicht ausreichend durch das System der Fallpauschalen abgedeckt. Im Durchschnitt entstehen so jährlich Defizite von 3,5 Millionen Euro pro Universitätsklinik. Deshalb muss sich der Bund künftig an der Finanzierung der Universitätsklinika beteiligen, um die Qualität der medizinischen Versorgung, der Forschung und der Lehre zu gewährleisten.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Auswahlverfahren gibt zu Recht vor, dass neben der Abiturnote auch andere Kriterien berücksichtigt werden müssen. Ob sich jemand ehrenamtlich engagiert, eine berufliche Ausbildung hinter sich hat oder besonders motiviert ist, sagt ebenfalls viel darüber aus, ob jemand ein guter Arzt oder eine gute Ärztin werden kann. Eine merkliche Verbesserung der Situation wird es aber nur geben, wenn alle Länder mehr Medizinerinnen und Mediziner ausbilden.

Daniel May ist hochschulpolitischer Sprecher der Grünen im Hessischen Landtag.

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