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Gastbeitrag Wenn Attentäter ihr Leben instrumentalisieren

Amok und Attentate oder Selbstmordsucht – über die Beschaffenheit der Hinterbühne unserer Gesellschaft. Ein Gastbeitrag.

10.08.2016 16:54
Rainer Kilb
Der 18 Jahre alte Amokschütze hatte am Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen erschossen und sich anschließend getötet. Foto: dpa

Vordergründig landet man bei der Analyse unserer derzeit fast apokalyptisch anmutenden Ansammlung von Horrorgeschehnissen in Würzburg, Ansbach und München rasch bei den vermeintlichen Ursachen Flüchtlingskrise und „Islamischer Staat“. Wenn da nicht die besonderen Akzente des Münchner Terroraktes wären, die auf ganz andere Ursachen hinweisen, nämlich auf subjektiv einschneidende Kränkungen über Mobbing oder durch schwache Schulleistungen, die sich offensichtlich in einen Furor von Gewalt transformierten.

Allen diesen Geschehnissen sind drei Dinge gemeinsam: Sie finden nahezu zeitgleich statt, es könnte ein gewisser Zusammenhang zwischen ihnen dadurch bestehen, dass solche entgrenzten Exzesse Auslöser für Nachfolgetaten sind, also anderen dabei „helfen“‘, sich ebenfalls entgrenzt zu „entladen“. Weiterhin geht es um jeweils junge und meist männliche Täter, die drittens in ihren oder durch ihre Taten das eigene Leben instrumentalisieren, indem sie sich dabei entweder im Sinne einer „größeren Sache“ opfern oder ihr Leben riskieren, um möglichst intensiv und spektakulär andere mit in den Tod zu reißen.

Die Tatsache, dass sie das eigene Leben instrumentalisieren, sich selbst als Bombenträger einsetzen, macht die Sicherheitsorgane und die Gesellschaft nahezu hilflos. Das staatliche Gewalt- und Machtmonopol verliert somit seine Wirkung und ist massiv in Frage gestellt. Ähnlich einer asymmetrischen Kriegsführung wehren sich die betroffenen Täter in ihrem Hass gegen Zustände, auf die sie subjektiv selbst keinen Einfluss mehr besitzen und keine Macht ausüben können.

Die Täter sind Ausgeschlossene, Marginalisierte, ohne dass dies auf der gesellschaftlichen Vorderbühne sichtbar wäre. Sie kamen in der Regel gegenüber Freunden und Nachbarn, gegenüber Heimerziehern „nett rüber“, waren unauffällig in unserer Welt, in der alles möglich ist – auch Unauffälligkeit. Die Tatsache, dass sie durch das Instrumentalisieren des eigenen Lebens dem Staat das Gewaltmonopol nehmen, lässt dessen Reaktion mit immer größeren Sicherheitsleistungen und höheren Standards zur Abschreckungs- und Sicherheitssymbolik verkommen, faktisch aber nahezu ins Leere laufen.

Was bleibt sind zwei zentrale Ansatzpunkte, die sich eher auf der gesellschaftlichen Hinterbühne abspielen, weniger Symbolkraft besitzen und vermutlich nur perspektivisch wirken können. Zum einen ist es die Fokussierung auf die Risiken, die insbesondere mit der männlichen Adoleszenzentwicklung einhergehen und zum anderen sind es migrationsbezogene Aspekte in Form von Brüchen, Traumatisierungen und fehlenden positiven Integrationserfahrungen, die den ersten Aspekt wesentlich verstärken können.

Die bei den aktuellen Fällen zuletzt häufig diagnostizierte psychische Labilität der Täter sollte man weniger als klinischen Befund sehen, sondern als Chiffre für die Unsichtbarkeit nicht bewältigter subjektiver Risiken, die sich aus den Adoleszenzanforderungen und Migrationskontexten herausformen und nach Wegen zur impulsiven Entladung auf der gesellschaftlichen Vorderbühne suchen. Individuell und gesellschaftlich Unbewältigtes dieser Hinterbühne wird dadurch zum sichtbaren Machtfaktor auf der Vorderbühne.

Selbstverständlich ist psychische Labilität nicht die Hauptursache für ein Attentat oder einer Amoktat. Aus der Gewaltforschung wissen wir längst, dass das Zustandekommen einer Gewalttat multifaktoriell und meist in interdependenter Aufschaukelung von persönlichen Dispositionen, familiären Hintergründen, erlernten Handlungsmustern, Auslösern, Beschleunigern, Anlässen und Gelegenheiten stattfindet.

Dieser Faktoren sind entweder biografisch „eingelagert“ oder werden zum Teil auch von den Tätern gezielt anvisiert, um die aus den Risikosituationen resultierenden psychischen Impulse zu kompensieren. Dabei sind bestimmte biografische Phasen wie die Entwicklungsphase der Adoleszenz besonders vulnerabel. Insofern ist es möglich, dass psychische Impulse nach geeigneten Motiven Ausschau halten, mit deren Hilfe ein inneres Gleichgewicht wieder hergestellt werden soll. Ob das gesuchte Motiv dann religiösen, politischen oder einfach diffus aggressiven Charakter besitzt, hängt letztendlich von oftmals zufälligen biografischen Ereignissen oder sogar situativen Gelegenheiten ab. Aufgrund der aktuellen Ereignisse bieten sich dschihadistisch akzentuierte Muster geradezu an. Dass die einschlägigen Terrororganisationen gezielt psychisch labile junge Männer ansprechen oder deren vollzogene Taten später für sich reklamieren gehört längst zu deren „Geschäft“.

Wenn junge Menschen ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, kann es als staatliche Reaktion nur um Prävention gehen. Wichtig dabei ist – dies wissen wir aus der Entwicklungspsychologie – die Hilfe und Unterstützung bei einer erfolgreichen Bewältigung adoleszenter Risikofaktoren. Hierbei sind die Erfahrung des eigenen Selbstwertes, von sozialer Sicherheit, sozialer Orientierung, der Integration und das Finden eines Lebenssinns entscheidend. Alles Aspekte einer gelingenden Identitätsentwicklung.

Bei traumatisierten jungen Flüchtlingen können adoleszente Irritationen zu einem brisanten psychosomatischen Cocktail mutieren, der therapeutisch bearbeitet werden sollte. Wenn wir unsere Institutionen nicht gezielter aufstellen, riskieren wir, dass exzessive „Bewältigungsformen“ wie in Würzburg, Ansbach oder in München Einzug in unseren Alltag halten werden.

Rainer Kilb ist Professor für Theorie und Praxis Sozialer Arbeit an der Mannheim University of Applied Sciences.

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