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Gastbeitrag Wasserkraft bedroht den Amazonas

Die umstrittenen Vorhaben zum Ausbau der Wasserkraft am Amazonas gefährden nicht nur das gesamte System des Flusses, sondern auch seine Rolle für das Weltklima.

16.04.2015 17:28
Roberto Maldonado
Der Amazonas, eine grüne Oase: Ein Wasserkraftprojekt bedroht die Idylle nun. Foto: Imago

Mit einem dringlichen Appell begann das siebte Weltwasserforum am vergangenen Sonntag in Südkorea. Bei einer stark wachsenden Bevölkerung sei Wasser das Risiko Nummer eins für die globale Gesellschaft und ein friedliches Miteinander, sagte Benedito Braga, Vorsitzender des Weltwasserrats, vor Hunderten Delegierten aus aller Welt. Die Botschaft ist klar: Mit unser wohl kostbarsten Ressource müssen wir deutlich sorgsamer umgehen.

Nur rund 3,5 Prozent der globalen Wassermenge ist Süßwasser, und davon wiederum ist nicht einmal ein Prozent als Trinkwasser verfügbar. Ein verschwindend geringer Anteil. Millionen Menschen leben Tag für Tag mit den Folgen der Knappheit, ohne dass wir im wasserreichen Deutschland davon großartig Notiz nehmen. Auch jenseits der Gebiete mit chronischem Wassermangel erlebt die Welt gerade eine Reihe beunruhigender Beispiele, wie abhängig und verwundbar wir sind.

In Kalifornien herrscht extreme Dürre. Ganze Landstriche an der Westküste der USA trocknen aus. Die Bevölkerung wurde nun verpflichtet, ihren Wasserverbrauch um ein Viertel zu senken. Sogar Prämien zahlt der Staat nun, wenn die Menschen ihren Rasen vertrocknen lassen.

Mit ganz anderen Problemen müssen die Brasilianer kämpfen. Bei vielen Bewohnern der Millionenstadt Sao Paulo kommt mehrere Tage pro Woche gar kein Wasser mehr aus dem Hahn. Seit Jahren schon regnet es kaum, die Speicher sind nur noch zu rund 15 Prozent gefüllt. Die Abholzung des Regenwaldes im Amazonas fordert ihren Tribut und hat zu einer Änderung des Mikroklimas geführt. Welch bittere Ironie: Das Land mit den weltweit größten Süßwasserreserven leidet unter Wassermangel.

Neben illegalen Holzfällern und der Umwandlung von Wald in Weideflächen und Sojaplantagen sieht der Amazonas einer weiteren Bedrohung entgegen. Mehr als 250 Wasserkraftwerke planen die Amazonas-Staaten in der Region, wie der World Wide Fund For Nature (WWF) in einer aktuellen Studie ermittelt hat. Die meisten davon in Brasilien.

Sollten die Pläne verwirklicht werden, entstünde eine gigantische neue Stromkapazität von umgerechnet rund 80 Atomkraftwerken. Wasserkraft zählt zu den regenerativen Energien. Wie kann also der WWF, der stets für eine Energiewende in Deutschland und weltweit wirbt, sich gegen die saubere Wasserkraft aussprechen?

Tatsächlich ist Wasserkraft per se keine schlechte Technologie. Doch wie bei jeder Technologie muss sie mit Augenmaß eingesetzt werden. Im vorliegenden Fall gleicht das Vorgehen vieler südamerikanischer Regierungen einer Brechstange. Nach Realisierung der Pläne verblieben lediglich drei frei fließende Zubringerflüsse des Amazonas – von der berühmten Wildnis und Artenvielfalt des größten Regenwaldgebietes der Erde wäre nicht viel übrig.

Bauvorhaben gefährden das Weltklima

Die Bauvorhaben gefährden nicht nur das gesamte Flusssystem mit seiner großen Bedeutung für die lokale Bevölkerung, sondern auch die wichtige Rolle des Amazonas für das Weltklima. Unvorstellbare eine Million Quadratkilometer Flüsse, Seen und Auenwälder wären betroffen. Das entspricht nahezu der dreifachen Fläche Deutschlands.

Die Kraftwerke sind auch ein Angriff auf die 30 Millionen Bewohner der Region. Viele von ihnen müssten umgesiedelt werden, insbesondere indigene Völker würden ihre angestammten Territorien verlieren. Doch auch diejenigen, die bleiben dürfen, werden verlieren. Vielerorts wird es zu einem Zusammenbruch der Fischerei kommen, die für die lokale Bevölkerung von essentieller Bedeutung ist. Denn für Fische stellen die Dämme der Kraftwerke ein unüberbrückbares Hindernis dar und zerschneiden ihre natürlichen Wanderwege.

In Brasilien reihen sich die Pläne ein in eine politische Kehrtwende im Umweltschutz. In den letzten 20 Jahren konnte das Land große Erfolge beim Schutz des Amazonas verzeichnen. Allein zwischen 2004 und 2014 ist die Entwaldung um 80 Prozent zurückgegangen. Kein anderer Staat Südamerikas konnte einen vergleichbaren Erfolg vorweisen.

Doch seit einigen Jahren drängen die Agrar-, Bergbau- und Energiekonzerne auf die politische Bühne. Sie setzen auf eine völlig ungebremste Expansion. Im Parlament hat die fraktionsübergreifende Lobby bereits mehr als die Hälfte aller Abgeordneten auf ihrer Seite. Nun bläst sie zum Großangriff: Mithilfe einer Verfassungsänderung und einem neuen Bergbaugesetz sollen indigene und staatliche Schutzgebiete aufgelöst werden können, wenn dies dem „nationalen Interesse“ dient. Dass „nationales Interesse“ hier mit dem Interesse der Konzerne gleichgesetzt wird, versteht sich von selbst.

Der WWF fordert, dass Schutzgebiete und indigene Territorien strikt von den Kraftwerksplänen ausgenommen werden. Gleichzeitig müssen auch bislang ungeschützte Flusssysteme erhalten werden. Doch welche Alternativen gibt es? Klar ist, dass sich der Strombedarf Brasiliens erhöhen wird. Der WWF setzt sich daher für einen Strom-Mix ein, der neben Wasserkraft vor allem auch Wind, Sonne und Biomasse einschließt.

Das Land verfügt hier über riesige und bislang kaum genutzte Potenziale. Mit einer Förderung dieser Technologien und gleichzeitigen Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz könnte die Stromversorgung sichergestellt werden, ohne die Umwelt zu zerstören. Brasilien könnte so ein zweites Mal zum Vorreiter und Vorbild seiner Nachbarländer werden.

Roberto Maldonado ist Südamerika-Referent des WWF Deutschland. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er für den Schutz des Amazonas-Regenwalds.

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