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Gastbeitrag Was Marx uns heute noch sagt

Die Werke des Gesellschaftstheoretikers sind Anleitungen zum Denken. Deshalb sind sie heute noch nützlich.

Karl Marx
Was wir heute Chancengleichheit nennen, spielte auch bei Marx und Engels schon eine Rolle. Foto: imago stock&people

Neulich war ich Patin. Nicht für ein Neugeborenes, sondern für einen ausgewachsenen Mann – den „jungen Karl Marx“. Ich hatte als Patin des gleichnamigen Films die Gelegenheit, einem Kinopublikum meine ersten Begegnungen mit und Überlegungen zu Karl Marx nahezubringen. Dies tun derzeit Dutzende Politiker und Politikerinnen sowie politisch oder sozial engagierte Menschen in zahlreichen Städten.

Als Ostdeutscher ist mir Karl Marx sehr frühzeitig begegnet: Ich bin in Karl-Marx-Stadt im gleichnamigen Bezirk aufgewachsen. Hier stand das Karl-Marx-Monument. Dieses war damals die zweitgrößte Porträtbüste der Welt, nach der von Lenin in Ulan Ude. Der Bildhauer Lew Kerbel hatte 1968 auf alle Einwände, dieser riesige Kopf auf einem Sockel ohne Hände und Füße erschrecke selbst die besten Kommunisten, entgegnet, Marx bräuchte keine Beine, keine Hände – sein Kopf sage alles. Ein bemerkenswerter Satz.

Von Leonardo da Vinci stammt der Satz: „Wer wenig denkt, der irrt viel.“ Marx hat viel gedacht – also wenig geirrt? Viel wurde darüber geschrieben, dass und an welchen Stellen Marx irrte, was er im 19. Jahrhundert nicht sehen konnte und wo er durch die Realität überholt wurde. Gern werden das hiesige Sozialstaatsmodell und die Globalisierung als Gegenbeweis angeführt. Doch worüber hat Marx geschrieben?: Über den, aus seiner Sicht, Kern der kapitalistischen Gesellschaft, in der es zwei Klassen gibt. Auf der einen Seite die Kapitalisten als Eigentümer der Produktionsmittel, auf der anderen Seite die Lohnarbeiter, die ausschließlich ihre Arbeitskraft besitzen. Diese müssten sie an die Kapitalisten verkaufen.

Das Besondere an dieser Ware Arbeitskraft ist nach Marx, dass sie mehr Wert produziert, als sie den Kapitalisten für ihre Reproduktion kostet. Diesen „Mehrwert“ eignet sich der Kapitalist als Profit an. Marx nannte das Ausbeutung. Zweifellos definieren wir heute vielfältige sozioökonomische Gruppen. Fakt ist auch, dass es Unternehmen gibt, die zum Teil der Belegschaft gehören oder dass Beschäftigte durch Tantiemen an Profiten beteiligt werden.

Doch ist die Kernstruktur nicht die gleiche geblieben? Ob ein Arbeitnehmer in Deutschland Schuhe produziert, in Bangladesch T-Shirts näht oder in den USA in einer Bank arbeitet – er bleibt lohnabhängig. Profit und Zins gehören auch heute nicht ihm. Karl Marx hat weiterhin über Überproduktion geschrieben, die systemimmanent sei. Er schrieb, dass der letzte Grund aller Krisen immer der Widerspruch zwischen der „Konsumtionsbeschränkung der Massen“ und dem „Trieb der kapitalistischen Produktion“, auf die „absolute Konsumtionsfähigkeit“ der Gesellschaft zu setzen, bliebe. Unternehmen werden danach immer mehr produzieren, als wir – bei aller Konsumwut – kaufen und verbrauchen können. Sprechen nicht Debatten über die Übernahmen von Unternehmen oder aber über Freihandelsabkommen, um weitere Märkte zu erschließen, eben diese Sprache?

Marx hat darüber hinaus über das Phänomen des „Geld heckenden Geldes“ nachgedacht: Mit dem zinstragenden Kapital scheine sich alles Kapital dadurch zu verdoppeln, dass ein und dasselbe Geldkapital „in verschiedenen Händen unter verschiedenen Formen“ plötzlich mehr wert ist. Und: Der größte Teil dieses Geldkapitals ist „fiktiv“. Ist es nicht eben dies, was wir in den letzten Jahren immer wieder erlebt haben: Der Handel mit Zahlungsversprechen in unterschiedlichen Formen – Derivate, Fonds oder Hybridprodukte – hat sich immer wieder spekulativ ausgeweitet, immer größeres fiktives Kapital ist entstanden. Eine tickende Zeitbombe, die explodiert, wenn auch nur einer seinen Papierwert in Reales eintauschen will. Dies sollten wir nicht erst seit der Lehmann-Brothers-Pleite wissen.

Und – zu guter Letzt – Marx hat über Gerechtigkeit geschrieben. Im Kommunistischen Manifest forderten Engels und er die „Abschaffung des Erbrechts“. Dies war einer von mehreren politischen Eingriffen in Verteilungs- und Produktionsverhältnisse, „Maaßregeln“ genannt, hin zu einer gerechten Gesellschaft. Das Thema, das wir heute „Chancengerechtigkeit“ nennen, spielte also schon bei Marx eine Rolle.

Wir wissen heute: Die Verhältnisse, in die wir hineingeboren werden, wirken sich auf unser gesamtes Leben aus: Bildung, Gesundheit, Lebenserwartung. Ist es dann nicht gerecht, Reichtum oder Armut per Geburt zu verhindern, um allen Menschen gleichwertige Chancen einzuräumen? Gerade dies beschäftigte viele Ökonomen über die Jahrzehnte. So forderte Walter Eucken eine Erbschaftssteuer von 100 Prozent. Anthony Atkinson setzte sich in seinem Werk „Ungleichheit – Was wir dagegen tun können“ für ein Mindesterbe für jeden Bürger ein.

Zweifellos existiert der Kapitalismus heute in unterschiedlichen Ausprägungen – sogar in einem Staat, in dem eine kommunistische Partei an der Macht ist. Was ist also heute das Verdienst von Marx? Er war ein scharf denkender Diagnostiker, der die Welt nicht anhand von Marktmodellen zeichnete. Marx hat sich vielmehr mit realen Verhältnissen, Produktionsverhältnissen und der Frage, wie man diese verändern kann, auseinandergesetzt. Damit hat er über den Tag hinaus gedacht.

Im Jahr 2013 wurden das Kommunistische Manifest und der erste Band des Kapitals von der Unesco als Dokumentenerbe in das „Gedächtnis der Menschheit“ aufgenommen. Dort gehören diese Werke hin – in unser Gedächtnis. Denn sie sind eine Anweisung zum Denken.

Daniela Trochowski ist Finanzstaatssekretärin in Brandenburg.

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