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Gastbeitrag Rote Karte für ideologische Vorurteile

Um auch künftig die Weltbevölkerung ernähren zu können, brauchen wir eine Landwirtschaft, die offen für Innovationen ist.

In ihrem Beitrag vom 28. Juni spricht sich die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast an dieser Stelle gegen den Einsatz der neuen Züchtungstechnologie CRISPR/Cas in der Landwirtschaft aus. Eine stichhaltige wissenschaftliche Begründung, warum sie dieser Innovation noch nicht einmal die Chance geben will, ihren Nutzen unter Beweis zu stellen, bleibt sie allerdings schuldig.

Dabei ist eine neue Technologie wie CRISPR/Cas, bei der DNA mit einer nie zuvor gekannten Genauigkeit ersetzt oder verändert werden kann, zur Lösung drängender Probleme elementar wichtig. Auf diese Weise können Agrarexperten beispielsweise Pflanzen züchten, die ertragreicher und robuster sind oder keine Allergien mehr auslösen. Auch die Anwendung in der Medizin ist vielversprechend. Mit Hilfe von CRISPR/Cas könnten in Zukunft chronische Erbkrankheiten geheilt werden, die heute noch als unheilbar gelten.

Vor dem Hintergrund weltweiter Klimaveränderungen ist CRISPR/Cas eine enorm wichtige Zukunftstechnologie, mit deren Hilfe Ernten auf der ganzen Welt gesichert werden können. Vorausgesetzt, sie wird bei der Regulierung nicht mit Gentechnik gleichgesetzt, werden auch kleinere Unternehmen in der Lage sein, mit ihrer Hilfe Agrarinnovationen auf den Markt zu bringen. Auch lokale Sorten könnten verbessert werden – wovon vor allem Kleinbauern profitieren würden. Der Wettbewerb in der Branche würde steigen. Etwas Besseres kann Landwirten und Verbrauchern gar nicht passieren.

Wir dürfen daher in Deutschland nicht den Fehler begehen, diese neuen Züchtungstechnologien außer Landes zu treiben. Ansonsten findet der Fortschritt anderswo statt, denn die Landwirtschaft braucht solche Innovationen dringend.

Im Jahr 2050 werden fast zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben – 2,2 Milliarden mehr als heute. Experten schätzen, dass die weltweite landwirtschaftliche Produktion um 50 Prozent gesteigert werden muss, um die dann bestehende Nachfrage nach Lebens- und Futtermitteln sowie Bioenergie zu decken.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde hier bereits Erstaunliches geleistet. Denn was Grünen-Politikerin Künast den Leserinnen und Lesern verschweigt: Die grüne Revolution hat einen erheblichen Anteil dazu beigetragen, den Hunger in der Welt zu reduzieren. Waren zur Mitte des 20. Jahrhunderts noch mehr als 30 Prozent der Menschen unterernährt, sind es heute noch gut zehn Prozent. Ernährte ein Landwirt in Deutschland 1960 im Schnitt noch 17 Menschen, sind es heute 156. Diese Meisterleistung nicht zu würdigen, zeigt ein äußerst zwiespältiges Verhältnis zur Wissenschaft, die sie erst möglich gemacht hat.

Natürlich sind 800 Millionen Menschen, die Hunger leiden, noch immer viel zu viele. Auch deshalb müssen wir die landwirtschaftliche Produktivität weiter steigern. Gleichzeitig muss die Landwirtschaft aber auch viel ökologischer werden und unsere natürlichen Ressourcen besser schonen. Wir brauchen also in der Tat einen Paradigmenwechsel: Weg von der ausschließlichen Konzentration auf die Steigerung des Ertrags, hin zu mehr Nachhaltigkeit. Aber: Ohne moderne Technologie ist das schlichtweg unmöglich.

Würde man darauf verzichten und flächendeckend zum Ökolandbau übergehen, hätte dies verheerende Folgen – auch für die Umwelt. Denn die Produktivität im Ökolandbau ist nachweislich deutlich geringer als in der konventionellen Landwirtschaft. Bei Mais und Weizen fällt der Ertrag etwa 50 Prozent niedriger aus, bei Raps und Kartoffeln sind es zwischen 30 und 40 Prozent.

Um die Menschen auch zukünftig ernähren zu können, müsste also erheblich mehr Fläche für die Landwirtschaft genutzt werden – mit entsprechenden Auswirkungen auf Ökosysteme und Artenvielfalt. Ganz abgesehen davon, dass es diese Fläche auf der Erde schlichtweg nicht gibt.

Natürlich ist es richtig, wenn Frau Künast sagt, dass wir unsere Nahrungsgewohnheiten überdenken müssen. Aber das kann nur ein Teil der Lösung sein, denn die Menschen, egal auf welchem Kontinent sie leben, lassen sich nun mal nicht vorschreiben, was sie zu essen und wie sie zu leben haben.

Deshalb braucht es eine vielfältige Landwirtschaft, die den unterschiedlichen Anbaubedingungen in der Welt gerecht wird und offen ist für neue, pragmatische Lösungen. Dazu gehören auch neue Technologien. Ohne jede Frage: Sie müssen wissenschaftlich evaluiert, auf mögliche Risiken bewertet und gesellschaftlich diskutiert werden. Aber wenn Innovationen dann signifikant zur Lösung von Problemen beitragen können, wäre es unverantwortlich, sie nicht einzusetzen.

Helmut Schramm ist Geschäftsführer von Bayer Crop Science Deutschland. 

 

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