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Gastbeitrag Nebenwirkung Klimaschutz

Wer für saubere Luft sorgt und damit die Umwelt schützt, rettet Leben und spart Geld. Politiker sollten sich dafür konsequenter einsetzen.

Luft zum Schneiden dick, Atemschutzmasken als zweifelhafter Versuch, den gefährlichen Staub nicht inhalieren zu müssen: Neun von zehn Menschen weltweit atmen verschmutzte Luft ein, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Am stärksten trifft es Menschen in Entwicklungsländern, vor allem Kinder, Frauen oder jene, die wie Verkäufer oder Polizisten im Freien arbeiten.

Wir müssen gar nicht so weit schauen: Auch in Europa hat die Luftverschmutzung bedrohliche Maße erreicht. Sie ist laut WHO für rund eine halbe Million Todesfälle jährlich verantwortlich. Vor allem Städte sind betroffen. In Teilen Stuttgarts, bisweilen als das „Peking Deutschlands“ bezeichnet, übersteigt die Stickstoffdioxid-Konzentration die EU-Grenzwerte an einem Viertel aller Tage im Jahr.

Doch dieses Problem scheinen Politikerinnen und Politiker nicht ernst zu nehmen. Dabei wissen wir, wie wir die Luft wieder sauber kriegen. In vielen Ländern, wie den Niederlanden und Spanien, wird diskutiert, Klimaziele, wie sie etwa im Rahmen des Pariser Klimaschutzabkommens von 2015 vereinbart wurden, in nationalen Gesetzen festzuschreiben.

Auch der neue Koalitionsvertrag der Bundesregierung sieht vor, dass bis Ende nächsten Jahres ein Klimaschutzgesetz auf den Weg gebracht wird. Wie sich ein solches Gesetz auf die gefährliche Luftverschmutzung in Städten und die Gesundheit allgemein auswirken kann, zeigt eine Studie, die jüngst im Fachmagazin Lancet veröffentlich wurde, am Beispiel des britischen „Climate Change Act“.

Ähnlich wie Deutschland hat sich das Vereinigte Königreich das Ziel gesetzt, bis 2050 die Treibhausgasemissionen um 80 Prozent zu senken. Wenn dieses Ziel erreicht wird, könnte die Verschmutzung durch das schädliche Stickstoffdioxid (NO2) im gleichen Zeitraum um 50 bis 60 Prozent sinken mit direkten positiven Auswirkungen auf die Lebenserwartung und die allgemeine Gesundheit.

Für Großbritannien bedeutet das: bis sieben Millionen gerettete Lebensjahre (bis zum Jahr 2154). Da Stickstoffdioxid vor allem durch Autos in die Atemluft gerät, wäre der Effekt in den Städten noch ausgeprägter. Dabei ist zu beachten, dass die steigende Zahl von E-Autos zwar zu einem Rückgang von Stickstoffdioxid-Emissionen führt, aber weiterhin schädliche Emissionen durch Reifen- und Bremsenverschleiß entstehen.

Die besonders gefährlichen Feinstaubbelastungen könnten durch das Klimaschutzgesetz im Vereinigten Königreich ebenfalls deutlich zurückgehen, bis zu 44 Prozent. Auch das hätte positive Auswirkungen auf die Gesundheit. Schadstoffe in der Luft – Feinstaub wie auch Stickstoffdioxid – werden mit Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen wie Schlaganfällen, Lungenkrebs oder Asthma in Verbindung gebracht.

Alternativen zu Verbrennungsmotoren und Kohlekraftwerken sind deshalb ein wichtiger Schritt, nicht nur für den Klima-, sondern auch für den Gesundheitsschutz. Immer mehr Ärzte und Experten aus dem Gesundheitssektor haben das verstanden und engagieren sich. Erst im März forderte der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen.

Für Deutschland als das Land mit den größten CO2-Emissionen in Europa könnten die gesundheitlichen Vorteile im Vergleich zum Vereinigten Königreich sogar noch größer sein. Etwa 66 000 Menschen sterben hier laut Europäischer Umweltagentur pro Jahr vorzeitig aufgrund von Feinstaub und fast 13 000 aufgrund von Stickstoffdioxid. Damit gehört Deutschland neben Italien und dem Vereinigten Königreich zu den traurigen Spitzenreitern.

Im vergangenen Jahr warnte die EU-Kommission die deutschen Behörden, nachdem sie festgestellt hatte, dass die Grenzwerte für Stickstoffdioxid in 28 städtischen Gebieten wiederholt überschritten wurden, darunter in Köln, München, Hamburg und Berlin. Außerdem wurden Klagen erhoben und erste Urteile gesprochen.

Die gesundheitlichen Folgen der Luftverschmutzung haben natürlich auch wirtschaftliche Auswirkungen: durch vorzeitige Todesfälle, höhere medizinische Kosten und reduzierte Produktivität durch krankheitsbedingte verlorene Arbeitstage. Berechnungen der WHO und des Umweltbundesamts zufolge liegen die Kosten alleine für die vorzeitigen Todesfälle in Deutschland bei etwa 150 Milliarden Euro im Jahr.

Der Welt ist nicht verborgen geblieben, dass Deutschland seine Klimaziele für das Jahr 2020 nicht erreichen wird. Ein ambitioniertes Klimaschutzgesetz schafft nicht nur mehr Verbindlichkeit und neues Vertrauen in Deutschland als Vorreiter in der Klimapolitik: Es kann Leben retten.

Nick Watts ist Geschäftsführer des „Lancet Countdown“, einer Plattform für internationale 
Forschungszusammenarbeit zu Klimawandel und Gesundheit. 

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