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Gastbeitrag Mitbestimmung bei Arbeitszeiten

Es wird schwer, ist aber nicht unmöglich, in Betrieben mehr Zeitsouveränität zu etablieren. Ein Gastbeitrag von Luke Haywood, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

21.10.2015 15:43
Von Luke Haywood
Schichtarbeiter wissen oft nicht, wie sie bis zur Rente durchhalten sollen. Foto: dpa/Symbolbild

Auf dem Treffen der mächtigsten Gewerkschaft Deutschlands, der IG Metall, stand das Thema Arbeitszeit wieder stärker im Mittelpunkt. Früher ging es dabei um Arbeitszeitverkürzung, doch die Zeiten haben sich geändert: Heute geht es unter dem Stichwort „Zeitsouveränität“ darum, wer entscheidet, wann wie viel gearbeitet wird. Beschäftigte verlangen zurecht nach Freiheit bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeiten. Dies ist aber nicht leicht durchzusetzen wenn Unternehmen nicht mitziehen. Gefragt sind da starke Betriebsräte, inwieweit Gewerkschaftszentralen und Gesetzgeber helfen können ist dagegen unklar.

Zeitsouveränität bedeutet, dass Arbeitnehmer je nach individuellen Bedürfnissen mehr oder weniger Stunden arbeiten dürfen. Der Wunsch nach mehr Flexibilität in der Arbeitsplanung hat mehrere aktuelle Ursachen: Erstens arbeiten in immer mehr Familien zwei Partner, was schnell zu Koordinationsbedarf führt: Wenn die Kita um 15 Uhr schließt, geht ein Elternteil früher, einer bleibt länger. Zweitens steigt die Teilzeitquote seit Jahren. Für diese Gruppe ist die Frage, wann gearbeitet wird, weitaus relevanter: Wer entscheidet, an welchen Tagen gearbeitet wird? Für Vollzeitkräfte gibt es da weit weniger Spielraum. Drittens haben Gewerkschaften den Eindruck, dass Flexibilisierung bisher vor allem zulasten der Arbeitnehmer ging. So ermöglichen Vertrauensarbeitszeit und Leiharbeit es den Unternehmen, flexibler als in der Vergangenheit die Arbeitskraft anzupassen, ohne Überstundenzuschläge zu zahlen.

Wie reagieren Unternehmen auf diesen Wunsch? Manche richten Arbeitszeitkonten und Gleitzeit ein und stellen Dienstpläne frühzeitig ins Internet. An positiven Beispielen mangelt es nicht, und neue Technologien haben neue Möglichkeiten der Koordination von Bedürfnissen geschaffen. In zu vielen Unternehmen erfahren jedoch die Arbeitnehmer immer noch jede Woche aufs Neue, wann sie eingesetzt werden.

Die IG Metall plant nun eine große Kampagne für mehr Zeitsouveränität. Doch kann eine solche Mitbestimmung der Arbeitnehmer von den Tarifpartnern beschlossen werden? Was Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände beschließen, muss in den Unternehmen umgesetzt werden. Das ist bei klassischer Tarifpolitik einfacher – höhere Löhne kosten Unternehmen Geld, aber wenig Mühe. Auch eine kürzere Wochenarbeitszeit erfordert nicht immer große Anpassungen.

Auf individuelle Bedürfnisse eingehen

Auf individuelle Bedürfnisse der Beschäftigten im Hinblick auf Tagesarbeitszeit und Lebensphasen einzugehen, verlangt den Unternehmen viel mehr ab, bis hin zur Umstellung der Arbeitsorganisation. Einer der großen Vorteile der Tarifautonomie, dass Konflikte aus den Betrieben an die Tarifpartner (Gewerkschaftsführung und Arbeitgeberverbände) delegiert werden, greift hier nicht. Es muss in jedem Betrieb einzeln verhandelt werden. Es hängt dann vom Betriebsrat ab, eine Betriebsvereinbarung auszuhandeln, die den Beschäftigten mehr Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit ermöglicht. Abhängig von der Größe und Struktur des Unternehmens und von der Art des Produkts oder der Dienstleistung werden die Spielräume dabei sehr unterschiedlich sein.

In Betrieben ohne Betriebsrat haben Gewerkschaften weniger Möglichkeiten. Tarifpolitik hat immer auch auf diese Betriebe gewirkt. Aber Löhne kann man leichter für allgemein verbindlich erklären als Systeme zum Schichtentausch zwischen Arbeitnehmern. Zur Not hat der Gesetzgeber bei den Löhnen eingegriffen, siehe Mindestlohn.

Kann Zeitsouveränität gesetzlich verordnet werden? Auf dem kommenen Parteitag wird der Vorstand der Grünen einen „rechtlichen Rahmen“ vorschlagen, der Beschäftigten auch in Unternehmen ohne Betriebsrat die Möglichkeit gibt, „über Dauer und die Lage ihrer Arbeitszeit mitzuentscheiden“. Man ahnt es: Die konkrete Ausgestaltung wird schwierig.

Langfristig soll ein „Zeitguthaben“ Arbeitnehmern ermöglichen, nicht nur für Kinder oder die Pflege von Angehörigen Auszeiten zu nehmen, sondern auch für ein Sabbatjahr zur Selbstverwirklichung. Aber wie sollen Zeitersparnisse in einem Job ohne viel Bürokratie im nächsten Job angerechnet werden? Wird ausbezahlt, wer noch Zeitguthaben hat und ins Ausland oder in die Selbständigkeit wechselt?

Recht auf Teilzeit

Einfacher umzusetzen ist eine weitere Forderung, die auch der IG Metall vertritt: Das bestehende „Recht auf Teilzeit“ soll durch ein Recht auf Rückkehr in Vollzeit ergänzt werden. Gegen eine selbstbestimmte, aber angekündigte „Teilzeit auf Zeit“ werden Arbeitgeber wenig Argumente haben. Dies könnte zur Gleichstellung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt beitragen. Ein solches Rückkehrrecht könnte junge Väter ermutigen, für die Familie eine zeitlang im Job kürzer zu treten. Ein generelles Recht auf Vollzeit für alle Teilzeitbeschäftigten wird dagegen sicherlich am Widerstand der Arbeitgeber scheitern.

Die Welt der Arbeitskämpfe war einfacher, als es um mehr Geld und kürzere Wochenarbeitszeiten ging. Dort wo Unternehmen ihren Beschäftigten keine Mitbestimmung bei der Arbeitszeit geben, führt an starken Betriebsräten kein Weg vorbei. Auch viele gesetzliche Rezepte für Zeitsouveränität bleiben vage. Einen Ausweg aus der Einbahnstraße Teilzeit durch ein Rückkehrrecht in Vollzeit sollte die Politik den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aber gewähren.

Luke Haywood ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Staat am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin und beschäftigt sich mit Fragen des Arbeitsmarktes.

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