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Gastbeitrag Leichter nachhaltig konsumieren

Die Bundesregierung muss Verbrauchern besser als bisher helfen, sich im Dickicht von 1000 Siegeln zurechtzufinden.

Vor rund zwei Jahren verabschiedete die damalige Bundesregierung 70 Seiten, die dem nachhaltigen Konsum in Deutschland auf die Sprünge helfen sollten: das nationale Programm für nachhaltigen Konsum (NPNK). Statt in großen Sprüngen ging es bislang nur in kleinen Schritten voran. Zwar wurde ein Kompetenzzentrum Nachhaltiger Konsum beim Umweltbundesamt gegründet, um die Umsetzung des NPNK zu koordinieren. Bisher ist es aber kaum sichtbar in Erscheinung getreten. 

Die Bundesregierung muss das Thema voranbringen. Der Koalitionsvertrag lässt zunächst hoffen, schließlich sollen das Programm weiterentwickelt und das Kompetenzzentrum Nachhaltiger Konsum gestärkt werden. Diesen Ankündigungen müssen Taten folgen. Aus verbraucherpolitischer Sicht haben wir drei zentrale Empfehlungen an die Bundesregierung: 
Erstens darf die Verantwortung für nachhaltigen Konsum nicht einseitig auf die Verbraucherinnen und Verbrauchern abgeladen werden. Kein Verbraucher kann bei der Vielzahl der Produkte auch nur ansatzweise selbst überprüfen, ob diese nachhaltig sind oder nicht. Hersteller und Handel sind also gefragt. 

Nur wenn die gesamte Wertschöpfungskette nachweislich nachhaltig und dies entsprechend ausgewiesen ist, haben Verbraucher eine echte Wahl. Deshalb sind politisch verbindliche Rahmenbedingungen so entscheidend, auch um die Hürden für einen nachhaltigen Konsum abzubauen. Ein Beispiel: Das NPNK führt Maßnahmen für eine nachhaltigere Mobilität auf wie den Ausbau des Radwegenetzes. Doch das Verkehrsministerium ist bislang nicht aktiv geworden.Solange aber eine ausreichende Infrastruktur für sicheres Radfahren fehlt, bleibt das Auto eine verlockende Alternative. 

Um nachhaltigen Konsum zur ersten Wahl zu machen, brauchen wir strukturelle Veränderungen. Diese forciert die Agenda 2030 mit ihren globalen Nachhaltigkeitszielen, zu denen auch die strukturelle Sicherstellung nachhaltiger Produktions- und Konsummuster gehört. Die Nachhaltigkeitsziele gelten laut Koalitionsvertrag als Maßstab des Regierungshandelns. Sie zu erreichen, ist eine Mammutaufgabe, die eine Zusammenarbeit der Ressorts erfordert. Gerade die Bundesministerien für Wirtschaft und Energie, Verkehr, Arbeit und Soziales und das Auswärtige Amt müssen sich stärker engagieren. 

Zum anderen müssen Nachhaltigkeitssiegel Verbrauchern wirklich dabei helfen, sich entscheiden zu können. Das NPNK möchte zwar Vertrauenslabel auf dem Markt durch Öffentlichkeitsarbeit unterstützen. Doch bei mehr als 1000 Siegeln im Nachhaltigkeitsbereich braucht es mehr als Öffentlichkeitsarbeit. Wir brauchen eine Produktkennzeichnung auf der Grundlage von wissenschaftlich fundierten und gesetzlich festgelegten Kriterien für eine sozial und ökologisch verantwortliche Produktion. 

Diese müssen nachvollziehbar und nachprüfbar sein. Hier ist die Politik gefragt. Verbraucher können nicht überprüfen, wie zuverlässig ein Siegel ist. Wir fordern, dass alle Branchen, egal ob Textilien oder Lebensmittel, klaren und verbindlichen staatlichen Kriterien unterliegen, die definieren, was unter sozial und ökologisch verantwortungsvoller Produktion zu verstehen ist. 

Wie wichtig dies ist, zeigt ein aktuelles Urteil, das der Verbraucherzentrale Bundesverband gegen Galeria Kaufhof erstritten hat. Das Unternehmen bewarb ein Produkt mit der nicht näher erläuterten Aussage „besonders umweltfreundlich und/oder sozialverträglich hergestellt“. Das Landgericht Köln kassierte die Aussage als irreführend. Solche gut klingenden, aber kaum zu überprüfenden Werbebotschaften lassen sich nur durch gesetzliche Regeln unterbinden. 

Drittens sollte das Kompetenzzentrum die Fähigkeiten der Verbraucherorganisationen und ihren Zugang zu Verbrauchern nutzen. Die Verbraucherzentralen besitzen eine flächendeckende Beratungsinfrastruktur und sind dadurch nahe an den Verbrauchern, die mit ihren Lebens- und Konsumentscheidungen Geschäftsmodelle und Märkte beeinflussen können. Deshalb müssen niederschwellige und breit aufgestellte Informations- und Beratungsangebote rund um nachhaltigen Konsum auch Teil des Kompetenzzentrums werden. 

Die neue Bundesregierung ist also gefragt, das Kompetenzzentrum Nachhaltiger Konsum als Anlaufstelle und Multiplikator zu stärken, dort wo es nötig ist, gesetzliche Regeln zu setzen und die Verantwortung für das Thema auf alle relevanten Akteure zu verteilen. Wenn das gelingt, sind wir optimistisch, dass das Nationale Programm für Nachhaltigen Konsum mit mehr Leben gefüllt werden kann – und der nachhaltige Konsum endlich aus der Nische kommt.

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