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Gastbeitrag Kein grünes Licht für die neue Gentechnik

Um alle zu ernähren, müssen wir erhalten, was uns erhält. Dafür müssen wir unsere Lebensweise ändern und uns anders ernähren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die grüne Revolution das Ende von Hunger, Not und Elend versprochen. Herausgekommen ist eine Agrarindustrie mit weltweiter Arbeitsteilung. Die Folge: Massiver Verlust an Arten, Raubbau an Böden, Abhängigkeit von Patenten, Landgrabbing, ein immenser Energieverbrauch und Dumping-Export von Hühnerteilen nach Westafrika.

Heute basiert ein Großteil der Welternährung auf fünf Getreidesorten. Da spielt das ganz große Geschäft der Konzerne. Sie halten die Patente, sorgen für Saatgut, Dünger und Pestizide. Was würde die Neue Gentechnik Crispr/Cas da ändern? Trennt sich Bayer dann wieder von Monsanto, lösen sich andere Agrar-Riesen auf? Natürlich nicht. Monokulturen bleiben, das Artensterben geht weiter. Wird diese Entwicklung nicht gestoppt und sterben die Bienen ganz aus, dann werden unsere Nachfahren wieder zurück auf die Bäume gehen müssen, dieses Mal jedoch, um jede einzelne Apfelblüte per Hand zu bestäuben.

Dass wir Grüne diese Diskussion nun führen, als hätten wir uns zu rechtfertigen, das erzürnt mich. Wie kann man dem Lobbyismus derart auf den Leim gehen und glauben, dass eine einzige technische Methode die Lösung für umfassende globale Probleme ist? Fakt ist: Wir verstehen zwar die Funktionsweise der Neuen Gentechnik, wissen aber noch lange nicht, wie sie wirkt. 

Wir wissen nicht, welche biochemischen Prozesse innerhalb der Zelle dabei betroffen sind oder welche Auswirkungen Crispr/Cas auf Ökosysteme und Artenvielfalt hat. Oder, wie Wissenschaftspolitik sagen würde: Eine abschließende Bewertung ist nicht evidenzbasiert. Stattdessen sehen wir, wie sich Bayer und Co schon jetzt ein Patent nach dem anderen sichern. Wo die Patente alter Gentechnik auslaufen, geht es jetzt um neue Marktanteile und das Verhindern der Einstufung als Gentechnik.

Der bisherige Grüne Ansatz zur Sicherung der Welternährung basiert auf der These: Für die sichere Versorgung mit Lebensmitteln braucht es den Wandel des weltweiten Ernährungs- und Agrarsystems. Fakt ist: Kleinbauern ernähren die Welt. Sie erzeugen 80 Prozent der Lebensmittel. Jedes Jahr gehen zwölf Millionen Hektar Ackerland verloren, das könnten 20 Millionen Tonnen Weizen sein. Aus neun Kilo Soja- Eiweiß aus Südamerika wird am Ende nur ein Kilo Fleisch. Mal ganz zu schweigen vom Überfluss im Norden, der weggeworfen wird. Welch eine Verschwendung. Und das müssen sich zwei Milliarden Menschen in den 50 am wenigsten entwickelten Ländern ansehen. 

Ganzheitlich betrachtet haben Hunger, Gesundheitskrise, Klimawandel und die ökologische Krise die gleichen Ursachen. Wir leben über unsere Verhältnisse. Was wir brauchen, ist eine Abkehr von unserer Lebensweise. Die ökologische Degradierung von Ackerland, die Verunreinigung frischen Wassers, der massive Verlust an Artenvielfalt und die steigenden Treibhausgasemissionen sind keine wichtigen Faktoren für marktorientierte Konzerne. Menschen verhungern an der reinen Logik des Marktes.

Gemeinsam mit einigen anderen Ländern hatten wir es unter grüner Regierungsbeteiligung mit sehr viel Engagement geschafft, dass die FAO die Richtlinien für das „Recht auf Nahrung“ verabschiedete. Hier wurden weitreichende, praktische Leitlinien formuliert, um fortschreitend dieses Recht zu realisieren. Die Maßnahmen beinhalten demokratische Entwicklung, den Abbau von Diskriminierungen und den Zugang zu Ressourcen wie Arbeit, Land, Wasser und Saatgut. Menschen stehen dabei im Mittelpunkt, nicht Unternehmen.

Lösungen gibt es bereits, aber an denen verdienen die alten Lobbys nicht. Nerica, eine alte afrikanische Reissorte, wurde in Japan weiterentwickelt – ganz ohne Gentechnik. In Benin läuft ein vielversprechender Anbau mit dieser Sorte. Es ist davon auszugehen, dass der afrikanische Kontinent seine Reisernte damit verdoppeln kann.

Ja, wir brauchen Forschung, um Wege in eine bessere Zukunft zu finden. Technische Ideen sind dabei aber maximal Insellösungen. Sie ersetzen nicht die Notwendigkeit zu einem anderen Lebensstil und einer globalen Agrarwende. Technik allein sorgt nicht für mehr Gerechtigkeit, dafür müssen wir das Ernährungssystem verändern. Wir müssen von den Menschen ausgehen. Wir brauchen tiefgreifende politische und industrielle Veränderungen. 

Die alles entscheidende Frage lautet doch: Wie kommen wir zu einer Welt, die sich selbst ernährt, souverän und in Würde? Die Neue Gentechnik entpuppt sich bei der Beantwortung dieser Frage schnell als Nebelkerze. Die beste Antwort, die wir nach jetzigem internationalen wissenschaftlichen Stand haben, ist ein Paradigmenwechsel hin zur Agrarökologie: „Erhalten, was uns erhält.“ 

Renate Künast ist Grünen-Bundestagsabgeordnete und Sprecherin für Ernährungspolitik der Fraktion. 

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