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Gastbeitrag Ja zur Pflegekammer

Das Gremium könnte dreierlei leisten: den Einfluss auf die Politik erhöhen, finanzielle Mittel erschließen und den Beruf entwickeln.

Es muss schnell gehandelt werden, um dem Mangel an Pflegefachkräften entgegenzuwirken. Hier ist politisches Handeln überfällig, um die Rahmenbedingungen der Pflege zu verbessern, wie wir Grünen das in zwei Sofortprogrammen im Bundestag fordern. Der Dreh- und Angelpunkt für gute Pflege ist auch die gesellschaftliche Anerkennung und Attraktivität der Pflegeberufe in Krankenhäusern und der Altenpflege. In Hessen werden die Pflegefachkräfte über die Einrichtung einer Landespflegekammer befragt – diese bietet eine Chance zur Besserung für die Pflege.

Die Bedeutung einer Kammer für ein Berufsfeld lässt sich von ihrer Wortherkunft ableiten: Jenseits der Bezeichnung für ein Nebenzimmer signalisierte sie die direkte Nähe zu einem Fürsten, aber auch zur öffentlichen Kasse, der Schatzkammer. Unmittelbarer Zugang zu politischen Prozessen, zur finanziellen Sicherstellung und erhöhten Wertschätzung eines Berufes in der Gesellschaft sind die Determinanten für die Bedeutung der Kammern. Nach innen werden die Qualitätsstandards definiert und durchgesetzt, zu denen sich die Berufsangehörigen verpflichten.

Im Gesundheitswesen sind Berufskammern seit 1887, der Gründung der Ärztekammer, etabliert. Auch die Apotheker, Psychotherapeuten und Zahnärzte haben sich in einem berufsständischen Gremium organisiert und sie fahren gut damit. Kein Wunder also, dass sich nun auch in der Pflege der Blick auf die Gründungen von Pflegekammern weitet. In den Bundesländern Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Schleswig-Holstein gibt es sie bereits, nun macht sich Hessen auf den Weg.

Das Startsignal gibt das hessische Sozialministerium mit Hilfe einer Onlinebefragung zur Errichtung einer „Pflegeberufekammer“ und setzt damit den Prüfauftrag aus dem schwarz-grünen Koalitionsvertrag um. Angeschrieben werden alle Krankenhäuser, ambulanten Dienste und stationäre Einrichtungen sowie Aus- und Weiterbildungsstätten. Für den Landtagswahlkampf dürfte dieses Votum sehr interessant werden. Bei einem positiven Ergebnis kommt es auf die nächste Regierung an, die Kammergründung zu ermöglichen.

Angesichts der katastrophalen Situation in der Pflege stellt die Befragung eine Chance für den Pflegeberuf dar, um die Gründung einer selbstbestimmten Interessenvertretung in Hessen voranzutreiben. In meinen Augen muss die Pflege mit einer eigenständigen berufsständischen Vertretung im Konzert der anderen Gesundheitsberufe ihre Stimme erheben können.

Gerade dieses Argument erscheint wesentlich, denn die Augenhöhe mit anderen Gesundheitsberufen, vor allem mit den Ärzten, ist bislang nicht gegeben. Als Beispiel kann die Pflegekammer in Rheinland-Pfalz gelten. Seit ihrer Gründung werden Pflegefachkräfte nicht nur automatisch in Gesetzgebungsverfahren gehört, sondern die Entwicklung des Berufsbilds und entsprechende öffentliche Wahrnehmung haben bereits zu größerer Wertschätzung der Pflege beigetragen.

Eine Pflegekammer ermöglicht es zudem, das Berufsbild weiterzuentwickeln und neue Einsatzfelder mit mehr Eigenverantwortlichkeit sowie alternative Versorgungsmodelle zu entwickeln. Berufsbilder wie Case-Management, die Gemeindepflege, Gesundheitsförderung an Schulen und kommunale Versorgungskonzepte können in einer Pflegekammer eigenständig entwickelt werden. Dies ermöglicht zusätzliche Perspektiven und reduziert die Gefahr, aus diesem so menschennahen Beruf nach wenigen Jahren erschöpft auszusteigen.

Die Weiterentwicklung der Pflegeberufe ist darüber hinaus angesichts der dramatischen Änderungen in unserer Gesellschaft nötig. Wir brauchen in älter werdenden Stadtteilen qualifizierte Angebote: Gesundheitsförderung, medizinische und pflegerische Betreuung und soziale Teilhabe durch Zusammenarbeit vor Ort.

In vielen Ländern sind moderne Pflegekonzepte in Krankenhaus, Heim und bei der häuslichen Pflege üblich. Träger davon zu überzeugen, dass Patientenorientierung möglich ist, lässt sich kaum von Einzelkämpferinnen oder Einzelkämpfern erreichen. Systematische Öffentlichkeit auf Grundlage von Wissenschaft und Praxis sowie Organisationsmacht ist notwendig. Aufgrund ihrer Sonderstellung ist eine Kammer dafür besonders geeignet.

Pflege muss auf vielen Ebenen massiv gestärkt werden. Gute Pflege gibt es nur mit organisierten, starken und hörbaren Pflegekräften in der Gesundheitslandschaft – und die Pflegekammer ist ein wichtiger Beitrag dazu. Natürlich löst eine Kammer nicht alle Probleme. Bund und Länder müssen noch viele Aufgaben angehen. Die tarifrechtliche Vertretung und das Arbeitsrecht bleiben den Gewerkschaften vorbehalten – allerdings ist auch hier der Organisationsgrad der Pflege von rund elf Prozent sehr niedrig.

Deshalb sage ich als Krankenschwester und Politikerin zu den Pflegenden: Sagt Ja zur Pflegekammer – und tretet in die Gewerkschaft ein.

Kordula Schulz-Asche ist Grünen-Bundestagsabgeordnete und pflegepolitische Sprecherin der Fraktion. 

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